„Chirurgen, die kein Blut sehen können“

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Bei einer Umstellung auf Bachelor und Master soll es in beiden Studienphasen der Lehrerausbildung mehr Praxis geben, dafür wird das Referendariat verkürzt.

Wiesbaden - Als Hessens neue Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) kürzlich vor der Vereinigung der Oberstudiendirektoren über Bachelor und Masterabschlüsse für Lehrer sprach, dürften manche Ministeriale aufgestöhnt haben. Zwar wird auch Hessen irgendwann umstellen müssen, doch sind durchaus noch andere Baustellen offen, die Henzler zu bearbeiten hat. Von Petra Wettlaufer-Pohl

Bislang haben nur Nordrhein-Westfalen und Berlin auf die neuen Abschlüsse umgestellt.

Im Koalitionsvertrag mit der CDU ist von Bachelor und Master für Lehrerstudenten nicht die Rede, dafür aber heißt es: „In einem ersten Schritt werden wir die dringende Reform des Referendariats angehen.“

Knackpunkt beim Referendariat: Bei der letzten Änderung unter der damaligen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) hatte die Regierung über das Ziel hinausgeschossen im Bemühen, die Qualität der Pädagogen und damit auch des Unterrichts zu verbessern.

Frank Sauerland, seit der Gründung des Amtes für Lehrerbildung 2005 dessen Leiter, gibt unumwunden zu, dass die Referendare in ihrem zweijährigen Vorbereitungsdienst überlastet sind. „Wir haben zu wenig berücksichtigt, dass die Referendare nicht nur ausgebildet werden, sondern auch Unterricht erteilen sollen.“ Hessen sei das erste Bundesland gewesen, das die Ausbildung modularisiert habe, „da haben wir im Nebel gestochert“.

Die Überlastung trifft nicht nur die Referendare selbst, sondern auch deren Ausbilder in den Studienseminaren. Joachim Euler, bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die Lehrerausbildung zuständig und selbst Leiter eines Studienseminars, berichtet, dass die Ausbilder kaum noch dazu kämen, selbst zu unterrichten. Dies sei aber Vorschrift.

Unstrittig ist, dass bereits das Universitätsstudium praxisorientierter werden muss. Viele angehende Lehrer kämen ihm vor wie Chirurgen, die eine Operation zwar erklären, dann aber kein Blut sehen könnten, wenn es soweit sei, sagt Sauerland.

Bei einer Umstellung auf Bachelor und Master soll es in beiden Studienphasen mehr Praxis geben, dafür wird das Referendariat verkürzt. Das alles wirft jedoch zahlreiche Probleme auf: Was beispielsweise kann ein Lehramtsstudent mit einem Bachelor-Abschluss allein anfangen? In Baden Württemberg etwa wurden die Pläne 2008 gestoppt. Die Universitäten wollten nicht akzeptieren, dass Lehramtstudierende quasi automatisch in die Master-Studiengänge wechseln, weil diese Voraussetzung für den Staatsdienst sind.

Außerdem verursacht die Umstellung erhebliche Kosten: Grundschullehrer, die bisher nur sechs Semester studieren, würden dann ebenfalls zehn Semester an der Uni bleiben. Das verursacht nicht nur dort Kosten; Grundschullehrer müssten dann auch wie andere Kollegen bezahlt werden.

Euler geht daher davon aus, dass Bachelor- und Masterabschlüsse für das Lehramt frühestens Ende der Legislaturperiode kommen könnten. Die Ministerin solle lieber „einen Kartoffelkloß nach dem anderen essen und zunächst das Referendariat reformieren.“

Quelle: op-online.de

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