Rammstein ist nicht tabu

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Frankfurt - Nicht viele Bereiche des Kulturlebens sind so stark im Wandel begriffen wie die Chorszene. „In den letzten Jahren hat sich unglaublich viel verändert“, sagt Jürgen Faßbender.

Er leitet knapp ein Dutzend Chöre im westlichen Hessen vom Kammerchor Cantabile Limburg, der mit Preisen überhäuft wird, bis zu Laienchören auf dem Land. Nach 28 Jahren als Berufs-Chorleiter, Juror bei zahlreichen Wettbewerben und Mitglied im Weltchorrat kennt der 50-Jährige die Chor-Landschaft wie kaum ein anderer. Zu Fronleichnam feiern die deutschen Chöre ihr großes Fest, 20.000 Sänger werden vom 7. bis 10. Juni in Frankfurt erwartet.

Viele traditionelle Männerchöre auf dem Land haben große Probleme, berichtet Faßbender. Seine Prognose: „Mehr als die Hälfte werden die nächsten zehn Jahre nicht überleben.“ In den 70er Jahren hatten Chöre selbst in mittelgroßen Orten bis zu 90 Sänger, heute freuen sie sich über 30 oder 40. Das bestätigt auch der Präsident des Hessischen Sängerbundes, Claus-Peter Blaschke. Die Abwanderung junger Menschen, die Vielzahl von Freizeitangeboten zählt er zu den Gründen. „Aber es gibt auch Probleme, die sind hausgemacht.“ Vielen sei es nicht gelungen, junge Leute einzubinden und rechtzeitig das Repertoire zu erweitern. „Die Chor-Literatur endet doch nicht 1955!“

Durchschnittsalter 65

„Wenn das Durchschnittsalter 65 ist, verirrt sich da kein Junger mehr hin, die gründen dann lieber was Neues“, weiß Faßbender. Und diese neugegründeten Chöre singen zumeist Rock, Pop, Jazz oder Gospel. „Das ist definitiv ein Wachstumsbereich“, sagt auch Moritz Puschke, Geschäftsführer des Deutschen Chorverbands. Solche Chöre sind vor allem attraktiv für Jugendliche, „die Spaß daran haben, Songs nachzusingen, die sie aus dem Radio kennen“. Es geht nicht so steif zu.

Aber nicht nur der musikalische Schwerpunkt ändert sich, sondern auch das Selbstverständnis der Sänger. Vor zwei, drei Jahrzehnten „war das Musikalische eher zweitrangig“, behauptet Faßbender. Man hatte die Wahl zwischen Feuerwehr, Sportverein oder Singen - im Kern ging es um Geselligkeit. Wer sich heute entscheidet, seine knappe Freizeit in einem Chor zu verbringen, „will mehr als nur nett zusammenzusitzen und dabei ein bisschen singen“, wie Puschke es formuliert. Die Sänger hätten einen hohen Anspruch an ihr Hobby. Die Folge: „Das Niveau steigt“. Gerade Hessen sei eine „Bastion des leistungsstarken Männergesangs“, Schwerpunkt ist die Gegend um Limburg.

Es gibt zu wenig Chorleiter

Das größte Problem der Chorszene: Es gibt zu wenig Chorleiter, „vor allem zu wenig gute“, sagt Blaschke. Einige wenige machen aus dieser Marktlücke ein Geschäft - zum Beispiel Stephanie Miceli. Sie betreibt in Dietzenbach die „Chorfabrik“ mit acht Ensembles. „Unser Schwerpunkt liegt auf Pop, Swing, Musical und Gospel“, beschreibt die 46-Jährige ihre Arbeit. Ihr Spitzenensemble, Vocalive aus Griesheim, hat beim Deutschen Chorwettbewerb 2010 einen ersten Preis geholt - unter anderem mit einem Lied der Brutalorocker „Rammstein“.

Sängermangel ist für Miceli ein Fremdwort, ihre Gruppen wachsen allesamt. „Wir erreichen viele junge Menschen, die über ihre Liebe zur Popmusik erst ihre Liebe zum Chorgesang entdecken“. So differenziert sich die Chorszene einerseits aus, andererseits wird sie auch durchlässiger. Ensembles, die mit Beatles angefangen haben, probieren es dann doch mal Bach - und stellen dabei vielleicht fest, dass die Musik manches gemeinsam hat.

dpa

Quelle: op-online.de

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