Visiten der „Clown Doktoren“

Seifenblasentherapie ärztlich verordnet

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„Dr. Haui Hau“ alias Christian Heinrich verabreicht David (3) eine „Seifenblasentherapie“. Mit den Blasen verwehen für eine Zeitlang die Sorgen.

Offenbach  - In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat sich bei Medizinern die Erkenntnis durchgesetzt, dass Lachen den Heilungsprozess äußerst positiv beeinflussen kann. Insbesondere bei Kindern, die die wöchentlichen Visiten der „Clown Doktoren“ kaum erwarten können. Von Dieter Kögel

In diesem Jahr feiert der in Wiesbaden ansässige Verein „Die Clown Doktoren e.V. “ sein 20-jähriges Bestehen. Zu dem Unternehmen, das sich aus Spenden finanziert, zählen mittlerweile 29 Klinikclowns, die im gesamten Rhein-Main-Gebiet unterwegs sind. Vornehmlich in Kinderkliniken, aber auch in Seniorenwohnheimen werden die sensiblen Spaßmacher zunehmend aktiv. Denn mit Humor und Leichtigkeit kann auch der Kontakt zu Demenzpatienten hergestellt werden.

Im Offenbacher Klinikum statten die Clowndoktoren mit ihren Humortherapien seit langem den jungen Patienten ihre regelmäßigen Besuche ab. Dienstags und donnerstags zwischen zehn und 13 Uhr ist Clownvisite angesagt. Bevor allerdings Christian Heinrich als Indianerclown „Dr. Haui Hau“ und sein Partner John Pathic als „Dr. Tido“ ihre Runde machen, ist die Übergabe bei Jutta Bach angesagt, die immer dann für die Unterhaltung der kleinen und jugendlichen Patienten sorgt, wenn die Clowns nicht da sind. Jutta Bach informiert die Doktoren mit den roten Nasen über den Zustand der jungen Patienten, berichtet über Krankheitsverläufe und Befindlichkeiten. Dies ist ein wichtiger Hintergrund bei der Arbeit der Clowndoktoren, die die Intensität ihres Spiels jeweils auf die aktuelle Situation abstimmen können. Dann geht es durch den Flur der Kinderklinik im 3. Stock zunächst zur Notaufnahme.

Clown Doktoren im Haus Dietrichsroth

Auf dem Flur herrscht Betrieb. Pfleger huschen vorbei, Eltern mit ihren Kindern vertreten sich die Beine. „Dr. Haui Hau“ und „Dr. Tido“ fallen auf in ihrer Doktorkleidung. Christian Heinrich trägt einen großen roten Federschmuck, eine Identitätsmarke am Rever weist ihn als „Dr. Haui Hau,“ den „Testsieger“ aus. Um den Hals hängt eine gelbe Quietscheente, die vor der roten Latzhose baumelt. Mit seinem großen Schaumstoffhammer grüßt er in die Runde: „Hau!“ John Patic zieht seinen schwarzen Bowler zum Gruß. Gegen seinen Kollegen wirkt er richtig schick mit den schwarz glänzenden Schuhen, der schwarzen Hose mit Bügelfalten und dem mit Glitzerlitzen verzierten Arztkittel. Rotes Hemd und schwarze Fliege komplettieren den fast seriösen Eindruck, wäre da nicht die rote Clownsnase. Und wenn „Dr. Tido“ zum Gruße winkt, dann gibt es zuweilen schon große Augen. Der Zirkusartist, der sowohl bei Sarrasani als auch im Zirkus Roncalli bereits in der Manege gestanden hat und auf Jonglagen spezialisiert ist, bewegt seine Hand so, als habe sie keine Knochen. „Hab" ich von den Fischen gelernt,“ sagt er lachend und glucksend, wenn Neugierige den aus Somalia stammenden Artisten darauf hin ansprechen.

Angst und Schmerz vergessen - „Dr. Tidos“ Markenzeichen ist der Bowler-Hut. In Wirklichkeit heißt er John Patic und hat schon bei Sarrasani und bei Roncalli gearbeitet.

Es ist ausnahmsweise mal ruhig in der Notaufnahme. Zeit genug, die Schwestern im Bereitschaftszimmer zu begrüßen. „Wir freuen uns schon immer auf unsere Streicheleinheiten,“ sagen sie lachend. Ein kleiner Junge, der mit seinen erwachsenen Begleitern der Dinge harrt, die in der Klinik auf sie zukommen, wird behutsam einer Seifenblasentherapie unterzogen. Und so, wie die bunten Blasen verwehen und zerplatzen, so verweht auch die Sorge der Wartenden. Wenigstens für einen Moment. Aber diese Momente sind es, mit denen es den Clowndoktoren gelingt, die Krankenhausroutine zu durchbrechen, bedrückende Gedanken zu verscheuchen, einen Augenblick Freude im Hier und Jetzt empfinden zu lassen. Auf der Kinderstation kann es der dreijährige David nicht glauben, dass rote Seifenblasen entstehen, wenn man Kinderketchup in die Seifenblasenlösung gibt. Aber „Dr. Tido“ beweist es mit der Zauberei seiner geschickten Hände, und schließlich sitzt die rote Seifenblase sogar als Clownsnase auf Davids Nase. Das gut aufeinander eingespielte Clownsteam schafft emotionales Tauwetter und verweist Sorgenvolles für einen Moment des Krankenzimmers.

Rechnung geht auf

Die Rechnung geht auch bei Jugendlichen auf. Auf Indisch oder Pakistanisch sollen sie etwas singen, fordert eine junge Patientin im Teenageralter. „Dr. Tido“ singt aber in Englisch. „You are not alone“ von Michael Jackson. Passender geht es eigentlich kaum. Dazu singt John Pathic auch noch gut und so gefühlvoll, dass „Dr. Haui Hau“ lautstark die Tränen im vorgegebenen Rhythmus kommen. Da kann dann auch die Patientin nebenan, die sich anfangs unter der Bettdecke versteckt hatte und von der Visite augenscheinlich am liebsten nichts mitbekommen hätte, nicht mehr an sich halten.

Und es gibt donnernden Applaus, nachdem „Dr. Tido“ seinen Hut in einer schnellen Jonglage über die Arme und den Rücken hat rollen lassen. Ein Stückchen Zirkus im Krankenzimmer. Die Clowns sagen „Tschüs,“ die Heiterkeit bleibt. Die große Kunst der Clowndoktoren scheint darin zu bestehen, nicht ihr Repertoire durchzuziehen, sondern nach einfühlsamem Sondieren der Situation im Krankenzimmer die Visite ganz auf die Bedürfnisse und Befindlichkeiten der Patienten einzustellen.

Professionelle Erfahrungen

„Es ist jedesmal wieder neu,“ sagt John Pathic, der Clowndoktor geworden ist, weil ihm in seinem Leben viel Gutes wiederfahren sei. Und davon wolle er jetzt etwas zurückgeben. Seit vier Jahren ist der gelernte Karosseriebauer, der den Schweißbrenner schon früh gegen die Jonglage-Utensilien im Rahmen seiner Ausbildung zum Artisten in der Zirkusschule von Joan Dimitru in Wiesbaden getauscht hat, bei den Clowndoktoren. Seit 1997 ist der Theaterpädagoge Christian Heinrich schon dabei. Theaterprojekte mit Jugendlichen und an Schulen, und die Arbeit mit Menschen mit Behinderung gehörten zu seinem Arbeitsalltag, bis er zufällig auf die Clowndoktoren gestoßen ist.

Die Tätigkeit muss bei allen Wiesbadener Clowndoktoren gekoppelt sein an professionelle Erfahrungen im Bereich Bühne, Schauspiel, Pantomime oder Musik. Erst dann wird man als angehender Clowndoktor zum Casting eingeladen, mit dem der Verein neue Mitarbeiter aussucht, die natürlich auch für die besonderen Anforderungen am Krankenbett entsprechend geschult werden. Während der Probezeit laufen die angehenden Klinikclowns in Teams mit und können sich dann entscheiden, ob diese Art der Arbeit etwas für sie ist oder nicht. Denn trotz der Augenblicke der Leichtigkeit im Krankenzimmer begegnen die Clowndoktoren dort zuweilen auch tragischen Schicksalen. Der Austausch mit den Kollegen und die vom Verein angebotenen Supervisionsmöglichkeiten, so sagen John Pathic und Christian Heinrich, helfen dabei, solche Erlebnisse und Erfahrungen abzufedern.

Der ausschließlich spendenfinanzierte Verein „Die Clown Doktoren e.V.“ ist als gemeinnützig anerkannt, die Spenden sind steuerlich absetzbar. Naspa Wiesbaden, Bankleitzahl 51050015, Kontonummer 100193000.

Quelle: op-online.de

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