Clubsterben, Trends und die Zukunft

Fechenheim ist nicht Ibiza

Frankfurt - Es herrscht viel Bewegung auf den Tanzflächen in Rhein-Main: Das U60311 wurde zwangsgeräumt, das Pulse musste nach zwölf Jahren schließen. Die Batschkapp zieht nach Seckbach. Auch das Monza sucht neue Räume.

Und drei Monate nach der Schließung des Cocoon in Fechenheim eröffnet der Nachfolger-Club Moon13 an diesem Freitag mit einem völlig anderen Konzept in den Cocoon-Räumen. Angesichts der gravierenden Veränderungen sprechen einige Szenekundige von Umbruch, andere vom großen Clubsterben. Redaktionsmitglied Alexander Kroh sprach mit Klaus Bossert (Tanzhaus West und Clubs am Main e. V. ) über die Entwicklungen in der Clubszene.

Herr Bossert, die GEMA-Tarifreform ist erstmal vertagt, die Clubszene in Rhein-Main kommt dennoch nicht zur Ruhe. Gar ist schon vom „Clubsterben“ im großen Stile die Rede. Ist da was dran?

Das, was derzeit in der Frankfurter Szene geschieht, würde ich nicht als das große Clubsterben betiteln. Es ist ganz natürlich, dass Dinge sich wandeln, davon lebt die Clubszene. Was fünf Jahre schön war, ist es vielleicht auch noch sechs oder sieben Jahre, muss es aber nicht acht sein. Die Clubs erfinden sich natürlich immer wieder neu, weil neue Generationen nachkommen, die ganz eigene Vorlieben mitbringen. Clubbetreiber, die darauf eingehen, verändern sich stetig und haben keine großen Probleme. Es besteht natürlich immer die Gefahr, dass man sich in eine andere Richtung entwickelt, als das Publikum.

Viele Betreiber klagen derzeit über leere Tanzflächen und zu wenig Umsatz. Was braucht es denn heutzutage, um einen Club vollzukriegen?

Das kannst du im Vorhinein nicht sagen, und genau darin liegt das Problem. Manchmal ist der Club rappelvoll und du weiß nicht genau, wieso. Das hängt auch mit gruppendynamischen Faktoren zusammen: Wenn die richtigen Leute sagen, wir gehen da heute hin, dann nehmen sie nochmal genau soviele Leute mit und plötzlich ist der Laden voll. Andererseits: Auch wenn du einen guten Headliner gebucht hast und die Organisation noch so perfekt ist, sitzt du manchmal in einem halbleeren Club und weißt einfach nicht, woran es liegt.

Viele Betreiber setzen auf große Headliner, weil Underground ihrer Meinung nach kein Publikum anzieht. Ist Underground nicht mehr angesagt?

Nach meiner persönlichen Wahrnehmung ist Underground eher im Kommen. Momentan gibt es auch viele Off-Locations, die für ein, zwei Wochen oder Monate temporär bespielt werden. Die würde ich ganz klar dem Underground zurechnen. Es gehört aber zum Wesen des Underground, dass er nicht immer an derselben Stelle ist, sich manchmal auch versteckt. Aber er ist nach wie vor präsent.

Nehmen die Off-Locations den örtlich gebundenen Clubs nicht das Publikum weg?

Einerseits ja. Die Off-Locations sind gegenüber etablierten Clubs im Vorteil: Neue Locations sind zum einen interessanter, einfach weil sie neu sind. Zweitens haben sie auch eine geringere Kostenbelastung im Gegensatz zu einem niedergelassenen Club, der seine Steuern und Abgaben bezahlen muss und alle paar Jahre Besuch vom Brandschutzamt bekommt. Andererseits gehen von diesen Locations neue Impulse aus, von denen auch Clubbetreiber profitieren können, sei es von der Gestaltung oder auch von neuen Musikstilen her. Außerdem ist mehr Betrieb in der Stadt generell gut für Clubs.

Wie beeinflussen die Off-Locations das Nachtleben?

In Frankfurt sorgen sie ganz klar für eine Belebung der Kernstadt, vor allem im Bahnhofsviertel. Das war früher anders, da hat sich die Szene eher raus in die Industriegebiete bewegt. Ich finde, das ist eine schöne Entwicklung, denn das Clubleben gehört für mich zur Urbanität dazu.

Trotzdem bedeuten sie mehr Konkurrenz. Ist die Clubdichte in der Region zu hoch?

Die Konkurrenz ist definitiv groß. Was Frankfurt und Offenbach an Clubs bieten, ist mehr, als die Einwohner der Kernstädte brauchen. Aber das Einzugsgebiet ist wesentlich größer, dazu gehören auch Gäste aus dem Taunus, der Wetterau oder dem Wiesbadener und Darmstädter Raum.

Die Insolvenz des Cocoon hat für Aufsehen gesorgt. Momentan scheinen hauptsächlich Elektro-Clubs zu kriseln. Setzen zu viele auf elektronische Musik?

In der elektronischen Musik kann man viel richtig, aber auch viel falsch machen. Was in einem Club dauerhaft funktionieren kann, ist äußerst schwer zu sagen. Die Szene hat ihre Stars und die wollen hohe Gagen und sind allein noch kein Erfolgsgarant. Aber wenn das Booking mit Sachverstand betrieben wird, funktioniert elektronische Musik nach wie vor. Das Problem vom Cocoon war letztendlich, dass Frankfurt nicht Ibiza ist – und Fechenheim erst recht nicht. Das Programm war sehr gut, sie haben sich auch sehr viel Mühe gegeben, aber der Club hat zu viele Gäste gebraucht, um dauerhaft hier überleben zu können.

Lag es auch an der Preisstruktur? Feiern in der Region ist ja generell nicht billig, vor allem nicht für das jüngere Publikum, um das viele Clubs kämpfen.

Es gibt schon ein großes Klientel, das genug Geld zum Feiern hat. Clubs wie der King Kamehameha, das Adlib oder auch in Teilen das Travolta bedienen dieses Klientel eher als andere. Das ist aber auch eine andere Form des Feierns als etwa im Robert Johnson oder im Tanzhaus West. Im Robert Johnson kann ich keine Wodkaflasche mit acht Dosen Energydrink in einem Sektkühler bestellen. Das passt einfach nicht. Im Gibson oder im King Kamehameha ist das dagegen nichts außergewöhnliches. Es gibt genug junge Leute, die dafür 200 Euro auf den Tisch legen. Nach wie vor gibt es aber auch noch Studentenpartys, wo relativ kostengünstig gefeiert werden kann. Nach meinem Dafürhalten ist es schon recht ausgewogen.

Trotzdem lastet auf einigen Clubs ein Schicki-Micki-Image, auch aufgrund einer strikten Türpolitik. Stellen sich die Betreiber damit nicht selbst ein Bein?

Die Türpolitik ist seit jeher entscheidend für einen Club. Ein bisschen Selektion ist nötig, denn es passt nicht immer jedes Publikum zusammen. Eine gute Tür hat aber das Fingerspitzengefühl, Gästen, die nicht reinpassen, höflich zu sagen, dass ein anderer Abend oder eine andere Location besser für sie geeignet wäre. Jeder Club muss seine Tür gewissermaßen erziehen, denn sie ist ein wichtiges Aushängeschild. Die meisten schaffen es, damit gut umzugehen. Es gibt natürlich auch Negativbeispiele wie das U60311. Das war keine gute Tür und das war dann auch mit ein Grund, dass es im Gesamtpaket nicht mehr funktioniert hat.

Das Monza soll Interesse an den Räumen unter dem Roßmarkt haben...

Passen würde es auf jeden Fall. Laut Liegenschaftsamt gibt es ja mehrere Interessenten. Dass das Monza dazugehört, kann ich mir gut vorstellen.

Hat sich das Ausgehverhalten in den letzten Jahren generell verändert?

Partys dauern heute tendenziell länger als früher. Wenn jetzt ein Laden um sechs Uhr zu macht, fragen die Gäste: „Was, so früh?“ In meiner Jugend war vier Uhr die Standardschließzeit. Der gefühlte Trend ist: Die Leute gehen etwas seltener weg, feiern dafür aber heftiger, das heißt sie bleiben länger, hören lautere Musik und trinken auch mehr. Auch Festivals haben immer mehr Zulauf.

Wie müssen sich Clubs darauf einstellen?

Sie müssen länger aufhaben, jedenfalls wenn es die Lokalität und die Klientel so hergibt. Clubs müssen dann beispielsweise auf ein Zwei-Schicht-System umstellen, wenn absehbar ist, dass die Party länger dauert.

Inwiefern sind die Betreiber dabei auch auf bessere Rahmenbedingungen durch die Städte angewiesen?

Grundsätzlich sind die Bedingungen hier in der Region nicht schlecht. Aber die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Clubszene ist andernorts mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Dafür sind wir (Clubs am Main e.V. , d. Red.)) hier auch angetreten: Um allen – nicht nur Politikern – nahezubringen, dass das Nachtleben auch ein Kulturgut ist und nicht bloß reines Entertainment.

Was kann noch verbessert werden und wie kann ein Netzwerk wie Clubs am Main dabei helfen?

Wir sind gegenwärtig mit der Stadt Frankfurt in Gesprächen, um neue Möglichkeiten für Außenwerbung zu suchen, die von Clubs genutzt werden können. Auch an Verwaltungsprozessen kann noch vieles optimiert werden, ein Beispiel ist die Sperrzeitverkürzung. Wer seinen Club länger als bis fünf Uhr öffnen will, braucht eine Ausnahmegenehmigung, was an sich kein Problem darstellt. Problematisch ist, dass diese Genehmigungen unverhältnismäßig teuer sind und nur gegen Bargeld ausgegeben werden. Ansonsten liegt unser Schwerpunkt darauf, das Netzwerk weiter auszubauen – auch in der Fläche, sprich: Wir wollen mehr Clubs aus Darmstadt und auch aus Wiesbaden und Mainz für die Mitgliedschaft in unserem Verein gewinnen.

Wie wird sich die Clubszene in den nächsten zehn Jahren noch verändern?

Auch in zehn Jahren wird es noch genug Clubs geben. Ich sehe unsere Region auf einem ganz guten Weg, aber wir müssen aufpassen, dass die programmatische Innovation weiterhin hoch bleibt und neue Trends schnell erspürt werden.

Und was wird sich kurzfristig ändern?

Eine ganz spannende Sache ist der Umzug der Batschkapp nach Seckbach. Hier ist die Frage, ob sich das Eschersheimer Stammpublikum auch nach Seckbach begibt. Für Eschersheim und die umliegenden Stadtteile wird der Weggang von Batschkapp und Elfer sicherlich ein schmerzhafter Verlust sein. In der Innenstadt wird es auch spannend. Die große Frage ist, wer in die Roßmarkt-Unterführung einzieht und mit welchem Konzept.

Mit dem Pulse hat kürzlich ein über lange Jahre etablierter Laden seine Pforten geschlossen. Ein großer Verlust?

Diese Schließung ist natürlich schon ein Schlag ins Kontor. Gerade die schwul-lesbische Szene verliert damit einen Ort, der weit über Frankfurt hinaus bekannt war. Ich hoffe, dass der Raum absehbar neu bespielt wird. Gerade der Sommergarten wäre ein herber Verlust, wenn es wieder Frühling und Sommer wird.

Was ist vom Cocoon-Nachfolger Moon13 zu erwarten?

Dort soll einerseits die elektronische Musik weitergeführt und andererseits mit Mixed Musik auf Massentauglichkeit gesetzt werden. Ob das gelingt, wird aufs Gesamtkonzept ankommen. Ich persönlich glaube, dass es auf die innenstädtische Szene aber nicht allzu viel Einfluss haben wird.

Quelle: op-online.de

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