Cockpit-Ausstattung aus Frankfurt

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Begeistert steuerte der niederländische König Willem-Alexander kürzlich bei seinem Besuch der Firma Diehl Aerospace einen Flugsimulator. Prinzessin Maxima schaute ihm fasziniert zu. Rechts Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier.

Frankfurt - Die Frankfurter Firma Diehl Aerospace ist auf die Luftfahrt-Branche spezialisiert. Nicht nur die Türelektronik für den A380 kommt von ihr. Von Axel Wölk

Eine königliche Bruchlandung blieb beim Flugzeugspezialisten Diehl Aerospace aus. Vielmehr steuerte König Willem-Alexander den Flugsimulator sicher durch Gebirge, Unwetter, Nebel und das unübersichtliche Airportgelände. „Der hatte richtig Spaß. Man sah, dass er passionierter Flieger ist“, erinnert sich Produktionsleiter Christoph Ubach. Das Protokoll geriet dabei mächtig durcheinander. Mehr als 20 Minuten verbrachte der König lieber mit Schaltknüppel und Triebwerksanzeigen als mit Repräsentieren.

Der bisher eher unscheinbare Standort in Frankfurt-Heddernheim gelangte Anfang Juni durch das Gastspiel des niederländischen Königspaars mit einem Mal in die Schlagzeilen. Doch der Zwischenstopp brachte dem Unternehmen nicht nur allerbeste Presse und einen begehrten royalen Fototermin, sondern auch Kooperationen mit niederländischen Unternehmen. Über Verträge im Wert von mehreren Millionen Euro über die nächsten Jahre verhandelte man dabei. Diese stehen inzwischen kurz vor dem Abschluss.

Firmenportrait aus der Region

Dass die seit mehr als 20 Jahren in Frankfurt ansässige Diehl Aerospace nie so richtig zur Frankfurter Institution heranreifte, liegt vor allem an der generellen Wirtschaftsausrichtung Mainhattans. „Frankfurt gilt als die Stadt der Banken und Dienstleistungsunternehmen“, klagt der 65-jährige Standortleiter Gerhard Weber. Da habe es die Industrie immer schwer gehabt. Doch registriert Weber ein Umschwenken beim Magistrat. Das sei auch nötig: „Es gibt Verbesserungspotenzial.“

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Diehl Aerospace verdient sein Geld vor allem mit Elektronik für Cockpit und Kabine. Das Unternehmen liefert etwa die Hardware für Cockpitanzeigen wie Radar, 3D-Landschaftsprofile und Triebwerksstände. Auch ein besonders sicheres Navigationsgerät für die Steuerung von Flugzeugen am Boden stammt aus Heddernheim. Außerdem gelang in Frankfurt der Durchbruch für sich elektronisch öffnende Flugzeugtüren. Alle Modelle des wohl berühmtesten Airbus-Fliegers, des gewaltigen doppeldeckigen A380, werden mit der Türelektronik von Diehl ausgestattet.

„Da knallten bei uns die Sektkorken“, schwärmt Weber noch immer vom Moment, als der Großauftrag an den Standort mit seinen 450 Mitarbeitern ging. Der Clou bei der Tür: Normalerweise ist von der Flugaufsicht verbindlich vorgeschrieben, dass sich aus Sicherheitsgründen alle Bordtüren mechanisch durch Menschenhand öffnen lassen müssen. Bei dem riesigen A380 war diese konventionelle Lösung aber so gut wie unmöglich. Innerhalb von nur 90 Sekunden muss sich nämlich ein Flieger evakuieren lassen. Bei dem A380 mit maximal 800 Passagieren an Bord ein riesiger Kraftakt, der sich nur durch enorm große Türen bewerkstelligen lässt. Doch eine zierliche Stewardess hätte gar nicht die Muskeln, diese mit einer Armbewegung zu öffnen. In Heddernheim tüftelten die Ingenieure deswegen und entwickelten schließlich ein System mit Notstromspeicher, das selbst noch arbeitet, wenn - wie im Katastrophenfall üblich - das Bordstromnetz ausgefallen ist. Die kritischen Prüfer der Flugaufsicht segneten die Frankfurter Innovation ab und seitdem stammt aus dem Rhein-Main-Gebiet die einzige zugelassene Technologie, mit der sich die Bordtüren elektronisch öffnen lassen. Jedes einzelne System ist mit 580 verschiedenen Teilen ausgerüstet von Computern bis hin zu Sensoren. Das Beispiel mit dem A380 dürfte Schule machen. „Wir hoffen natürlich, dass andere Flugzeughersteller wie Boeing hier nachziehen“, erwartet Weber.

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Beim Ringen um den Auftrag für den A380 stach Diehl namhafte Konkurrenz aus den USA und Großbritannien aus dem Feld. Insbesondere dem äußerst öffentlichkeitsscheuen US-Konzern Honeywell, der seinen Deutschlandsitz in Offenbach hat, boten die Heddernheimer Paroli. Im Gegensatz zum angeschlagenen US-Konkurrenten laufen die Geschäfte bei Diehl Aerospace denn auch rund. Die globale Luftfahrtbranche boomt und so sind in Frankfurt die Auftragsbücher prall gefüllt. Jährlich erwirtschaften die Heddernheimer rund 90 Millionen Euro Umsatz. Das Unternehmen schreibt seit Jahren sehr solide schwarze Zahlen. Das war nicht immer so. Anfang der 1990er Jahre musste Weber von 650 Mitarbeitern rund 200 entlassen. Größtenteils hatte er die Beschäftigten selbst eingestellt. Da fielen die Entlassungen schwerer als in Aktiengesellschaften, wo Kündigungen häufig völlig anonym ablaufen.

Überhaupt sieht sich Diehl Aerospace als mittelständisches Familienunternehmen. Konzernmutter ist die süddeutsche Diehl Stiftung. Aerospace ist in den Bereich Aerosystems eingegliedert und firmiert als Gemeinschaftsunternehmen mit dem französischen Luftfahrtkonzern Thales. An Diehl Aerospace hält Diehl die Kontrollmehrheit. Der größte Standort von Diehl Aerospace befindet sich in Frankfurt. Dazu kommen noch Überlingen am Bodensee und Nürnberg. Auch im Ausland ist man vertreten, etwa im südfranzösischen Toulouse, wo auch Airbus seinen Hauptsitz hat.

Die Abhängigkeit von Airbus ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Rund 80 Prozent ihres Umsatzes bei Passagierflugzeugen erlösen die Frankfurter mit der EADS-Tochter. Doch die einseitige Ausrichtung soll künftig abnehmen, haben sich Weber und sein designierter Nachfolger Ubach vorgenommen. Vor allem auf Aufträge vom Airbus-Erzrivalen Boeing sowie den Flugzeugherstellern Bombardier und Embraer setzen sie ihre Hoffnungen.

Quelle: op-online.de

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