„Sonnenspiegelung“: Jan Costin Wagner legt Band mit Erzählungen vor

Wahrheit liegt im Verborgenen

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Jan Costin Wagner

Offenbach - Jan Costin Wagner ist in Langen geboren, in Heusenstamm aufgewachsen und lebt heute in Hainburg. Zeitweise zieht es ihn aber immer wieder nach Finnland, seine zweite Heimat, in der die Romane um den jungen Ermittler Kimmo Joentaa angesiedelt sind.

Zuletzt veröffentlichte er mit „Sonnenspiegelung“ einen Erzählband mit Geschichten, die um die Liebe, aber auch um den Tod und die Trauer kreisen. Christian Wachter traf sich mit dem Marlowe- und Krimipreisträger.

Sie haben fünf Kriminalromane geschrieben. Wie kamen Sie zur Kurzgeschichte?

Das zuletzt erschienene Buch aus der Kimmo-Joentaa-Reihe, „Tage des letzten Schnees“, ist ein Schlüsselroman, der etwas zu Ende führt, das über die Romane hinweg aufgebaut wurde. Deshalb wusste ich sofort, dass wir beide, Kimmo und ich, eine kleine Pause einlegen würden. Jetzt die Erzählungen zu schreiben, hat mir Freude bereitet, ich hatte das Gefühl, in der kürzeren Form fast noch unmittelbarer zu den Themen vorstoßen zu können, die mich im Kern interessieren.

Welche Themen sind das?

Es geht mir immer darum, eine Sprache für den fundamentalen Verlust, das fundamental Bedrohliche, aber auch für den Neubeginn, für die Bewältigung eines Traumas zu finden.

In den Erzählungen tauchen Figuren auf, die sich nach Normalität sehnen, andere wiederum scheinen, koste es was es wolle, aus dieser Welt ausbrechen zu wollen. Passt das zusammen?

Ich glaube, dass diese Gleichzeitigkeit tatsächlich dem gelebten Leben sehr nah ist. Der Sehnsucht nach Harmonie, nach einer Geborgenheit im Normalen, steht letztlich der Impuls entgegen, aus dem Alltag auszubrechen, diese Normalität abzustreifen, das Besondere, Intensive zu erleben. Die Menschen in den Erzählungen bewegen sich genau in diesem Spannungsfeld.

Einige Figuren führen ein Doppelleben. Ist das die logische Konsequenz dieser Gleichzeitigkeit?

Ja, sicher, der Ausbruch aus dem Alltag wird in der Regel geheimgehalten. Das ist sicher eine Triebfeder meines Schreibens, die bürgerliche Fassade und das, was dahinter verborgen ist. Dieses Verborgene, Vielschichtige gibt es in meinen Augen immer, eine Familie oder eine Zweisamkeit, die nur eine Richtung kennt, ist gar nicht vorstellbar. Das Verborgene ist auch Kernthema in der titelgebenden Geschichte „Sonnenspiegelung“, in der eine Familie sich von außen bedroht fühlt, in Wirklichkeit aber unmerklich innerlich zerbricht.

Glauben Sie generell an die Kategorien Gut und Böse?

Ich glaube, dass es wichtig ist, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, aber ich bin gleichzeitig sicher, dass wir eine Wahrheit immer nur in den Zwischenräumen zu fassen bekommen, also in dem Moment, in dem wir uns von pauschalen Urteilen lösen.

Man gewinnt den Eindruck, dass Sie dem Leser gern Fallen stellen, ihn beispielsweise unbemerkt in die Perspektive eines Kindesentführers versetzen.

Ich möchte natürlich einerseits spannend erzählen, aber Effekte auch niemals um des Effektes Willen setzen, sondern nur, wenn ich das Gefühl habe, dass die Geschichte diesen Effekt erfordert. Im Prinzip sind diese dramaturgischen Wendungen, diese Fallen, auch deshalb so wichtig, weil sie das vorschnelle, zu einfache Schwarz-Weiß-Denken aushebeln können. In dem Moment, in dem eine Geschichte plötzlich auf dem Kopf steht, findet der Leser vielleicht einen Impuls, seine Erwartungshaltungen zu hinterfragen.

Sie lassen Leser generell häufig teilhaben an der Perspektive der Täter, an dem Innenleben derer, die Schuld auf sich geladen haben.

Ja, Täterperspektiven haben mich von Beginn an interessiert. Letztlich ist das auch ein Umgang mit eigenen Ängsten und an den Wunsch gebunden, über die Nachricht in einer Zeitung oder einer Fernsehsendung hinauszukommen. Die bloße Meldung einer Gewalttat schockiert, man ist damit allein. Ich möchte - mir und dem Leser - ein Begreifen ermöglichen, eine Ahnung von dem, was eigentlich unbeschreiblich erscheint.

Kimmo Joentaa entwickelt sich stetig weiter, eine bewusste Abgrenzung von anderen Krimi-Reihen?

Als ich den ersten Kimmo-Roman „Eismond“ schrieb, hatte ich noch gar keine Serie vor Augen. Als mir dann der Gedanke kam, dass ich diese Figur forterzählen möchte, war mir klar, dass es genau darum geht – um das Forterzählen, um die Entwicklungsgeschichte.

Schließt Ihre Arbeitsweise einen klassischen „Whodunit“-Krimi damit aus?

Eigentlich schon, auch wenn ich überraschende Wendungen sehr mag und auch häufig integriere. Aber im Kern treibt mich nicht die Suche nach dem Täter an, sondern die Extremsituationen, die das Verbrechen geschaffen hat. Und, noch wichtiger: Die Frage, wie sich diese Situationen bewältigen lassen, ob und wie nach dem gewaltsamen Tod wieder ein Leben beginnen kann.

Ist „Tage des letzten Schnees“ auch deshalb ein Mehrperspektiven-Roman?

Ja, ich mag dieses Panorama der verschiedenen Perspektiven, irgendwie suche ich vielleicht immer nach dem großen Ganzen. Wobei der Held der Romane, Kimmo Joentaa, immer die heimliche Hauptfigur ist, er ist sogar für mich als Autor eine wichtige Stütze, er hilft mir mit seiner liebenswerten, empathischen Art in gewisser Weise, das Buch zu schreiben.

Können sich die Leser auf einen weiteren Roman um Kimmo Joentaa einstellen?

Ich habe Freude an dem Gedanken, wieder einen Roman mit Kimmo Joentaa zu schreiben. Ob es gelingt, weiß ich natürlich nicht. Aber das weiß man nie.

Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, einen Ort aus der Region zum Handlungsort eines ihrer Krimis zu machen?

Warum nicht? Ich muss den Schauplatz allerdings als Emotion wahrnehmen, die Teil des Ganzen ist. Der Ansatz ist bei mir immer innerlich, ich brauche also erst mal eine Romanfigur, die den Schauplatz Offenbach auf ganz bestimmte Weise wahrnimmt, und dann auch eine Geschichte, zu der eine bestimmte Farbe, ein bestimmtes Bild von Offenbach genau passt.

Warum ist gerade der Krimi hierzulande so populär?

Vielleicht weil sich der Krimi immer ganz unmittelbar mit den letzten Dingen beschäftigt. Wichtig ist in meinen Augen, dass Autoren von Romanen oder auch von Drehbüchern immer etwas ganz Bestimmtes erzählen wollen, etwas, das ihnen am Herzen liegt, das nicht austauschbar ist. Immer wenn ich als Leser oder Betrachter eines Films dieses Gefühl habe, kann ich auch mit Freude und Überzeugung das Buch lesen oder den Film schauen.

„Das letzte Schweigen“ wurde verfilmt. Reizt es Sie, ein Drehbuch zu schreiben?

Grundsätzlich ja, es ist sicher spannend, Erzähltes zu visualisieren, diese Sprache der Bilder zu finden.

Sind Ihnen Verkaufszahlen wichtig?

Sie sind einerseits wichtig, weil ich von den Büchern lebe und deshalb auf den Verkauf der Bücher angewiesen bin. Andererseits geht es mir im Kern um eine Begegnung des Lesers mit dem Buch, ich freue mich, wenn die Lektüre etwas auslöst, wenn etwas bleibt. Wenn also eine Figur wie Kimmo Joentaa vielleicht für den Leser zu einem Begleiter wird im gelebten Leben. Das ist mir wichtiger als jede Verkaufszahl.

Bei Ihren Lesungen spielt Musik eine wichtige Rolle, gab es dafür einen entscheidenden Impuls?

Ich habe ziemlich früh festgestellt, dass in Veranstaltungssälen häufig Klaviere stehen. Ich komponiere seit vielen Jahren, eigentlich seitdem wir mal in der Schule eine Schülerband gegründet hatten, und die Musik hat viel mit meinem Schreiben zu tun. Es geht immer um die Suche nach einer Melodie.

Sind sie noch aktiv in der Autoren-Nationalmannschaft?

Leider bin ich erst mal raus, habe mir vor einigen Jahren das Kreuzband gerissen, bei einem Spiel gegen englische Autoren in Israel. Fußball geht also momentan gar nicht, aber ich habe noch Kontakt zu Autoren aus der Mannschaft.

Fakten zur Buchmesse 2016 in Frankfurt

Jan Costin Wagner liest am 11. Dezember im Lesecafé in Frankfurt, Diesterwegstr. 7, am 13. Januar 2016 in der Romanfabrik, Hanauer Landstr. 186.

Quelle: op-online.de

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