Ein Schubser in die richtige Richtung

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Berufstätige schnuppern mit Hilfe der Agentur von Daniela Scholl in ein anderes Leben.

Frankfurt - Wer mit Daniela Scholl Kontakt aufnimmt, hat entweder die Nase voll von Beruf und Alltag oder will sich einen lang gehegten Traum erfüllen. Scholl hat sich mit der Auszeitagentur auf die Organisation von Sabbaticals und beruflichen Auszeiten spezialisiert. Von Sonja Achenbach

Auf die Idee kam sie durch eigene Erfahrungen: 2008 griff sie zu, als ihr damaliger Arbeitgeber das Angebot zu unbezahltem Urlaub machte. Und sah darin die Chance sich den lang gehegten Traum zu erfüllen, das Rhein-Main-Gebiet endlich mal gründlich zu erkunden. Doch damals wusste niemand, was der nächste Schritt war und an wen sie sich wenden sollte. Vom Vorgesetzten ging's zu den Ämtern, und innerhalb weniger Wochen stand der Plan.

In dieser Zeit wurde die Idee der Auszeitagentur geboren. Drei Jahre konnte sie den Gedanken nicht vergessen. 2011 ging die heute 42-Jährige die entscheidenden Schritte: Sie kündigte ihre alte Arbeitsstelle und gründete die Auszeitagentur. Damit gehört sie in Deutschland zu einem kleinen Markt: Lediglich sechs Berater haben sich auf dieses Gebiet spezialisiert. Der Wunsch einer Auszeit ist nach Überzeugung von Daniela Scholl ein Zeugnis des Gesellschaftswandels. „Wir sind in viel engeren Strukturen aufgewachsen und suchen jetzt eine Möglichkeit zur Orientierung in der Achterbahn an Angeboten.“

Scholl erinnert sich noch genau an die erste Kundin, die den Schritt in eine Auszeit gegangen ist: Die Mutter der heute 50-jährigen Ulrike Walter starb ganz plötzlich – ohne sich eines ihrer Traumziele je angesehen zu haben. In ihrem eigenen Leben sollte das anders laufen. Eine Auszeit vom Beruf musste her, doch wie konnte das verwirklicht werden?

Mit einer langen Liste an Fragen wendete sie sich an die damals frisch gegründete Auszeitagentur von Daniela Scholl. Das war vor drei Jahren. Den Traum von New York hat Scholl ihrer Kundin erfüllt. Damit zählt Walter noch immer eher zur Minderheit von Scholls Kunden. Denn nur ein Drittel geht den Schritt in eine Auszeit wirklich. Viele lassen sich von den Ängsten einer „Vollkasko-Gesellschaft“ abschrecken: Kann ich mir das überhaupt leisten? Spielt der Arbeitgeber mit?

Scholl versucht zu beruhigen und hat es sich in den Beratungsgesprächen zur Aufgabe gemacht, das Ziel der Kunden zunächst genau zu definieren. Dabei hilft ihr ein Fragenkatalog. An dieser Stelle kristallisiere sich schnell heraus, ob ein Kunde zu den „Hin-zu-etwas-“ oder den „Weg-von-etwas-Menschen“ gehört, erzählt Scholl. „Zweitere sind eigentlich nicht richtig bei mir. Nur, weil jemand für kurze Zeit aus seinem Alltag verschwindet, heißt das nicht, dass sich damit seine Probleme auflösen.“

Bei den „Hin-zu-etwas“-Menschen kommt es im zweiten Schritt dann auf das Beratungsangebot an, dass sie bei der 42-Jährigen gebucht haben. Zwischen vier Paketen kann ein Kunde wählen. Ein Schnupperpaket kostet 99 Euro und ist die kleinste Einheit. Es beinhaltet einen Test, um herauszufinden, welcher Auszeit-Typ der Kunde ist, einen Finanzplan und Impulse zum Thema „Das liebe Geld“. Außerdem zeigt Scholl dann allgemeine Möglichkeiten zur Auszeitgestaltung. Wer einen konkreten Vorschlag von ihr will, muss mindestens das Paket „M“ im Wert von 249 Euro buchen.

Zu ihr kommen Menschen mit einer gewissen „Lebensunzufriedenheit“, mehrheitlich im Alter von 35 aufwärts, die zu alt für Programme wie „work and travel“ sind. Nicht immer sei ein Sabbatical notwendig, oft reicht eine Auszeit im Alltag aus. Also etwa eine Woche arbeiten auf einem Bergbauernhof. Sie sieht sich da als „Schubser in die richtige Richtung“.

Quelle: op-online.de

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