„Dann auf einmal Totenstille“

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Hoher Wellengang erschwerte gestern die Suche nach Überlebenden im Wrack der „Costa Concordia“.

Offenbach/Rom - Für die Sieben-Tage-Kreuzfahrt mit der havarierten „Costa Concordia“ hat jeder Gast im Schnitt 700 Euro bezahlt. Es sollte eine Traumreise werden - mit dem vollen Unterprogramm von A bis Z. Stattdessen wachten die Reisenden mitten in einem Albtraum auf.Von Peter Schulte-Holtey

Die schrecklichen Bilder des verunglückten Kreuzfahrtschiffs nahe der Insel Giglio vor der italienischen Westküste und die Schilderungen der Geretteten erinnern an die Titanic-Katastrophe. Fast genau hundert Jahre liegt der tragische Untergang des Kreuzfahrtschiffes inzwischen zurück.

Bis in die Nacht suchten Spezialkräfte gestern im Schiffswrack nach Überlebenden, noch immer sind mehrere Menschen vermisst. Unter ihnen könnte auch ein älteres Schwesternpaar aus Offenbach sein. Im Fernsehsender „n-tv“ wird ein „Costa Concordia“-Passagier zitiert; er hat nach eigenen Angaben versucht, die beiden älteren Frauen, ca. 70 bis 75 Jahre alt, an Deck zu begleiten, als plötzlich Wasser in das Schiffsinnere eingedrungen ist. Seine Schilderung der folgenden Tragödie: Die beiden Frauen sind dann wegen der Schräglage des Schiffes in einen schon unter Wasser stehenden Aufzugschacht gestürzt - die Aufzugstür bzw. Wand ist herausgebrochen, die Aufzugkabine ist nicht mehr vorhanden gewesen. Er weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. „Sie haben gesagt, sie sind aus Offenbach“, wird der Passagier weiter zitiert.

Frauen aus Offenbach waren wahrscheinlich an Bord

Auch im Polizeipräsidium Südosthessen in Offenbach ist man auf den Bericht aufmerksam gemacht worden. Polizeisprecher Henry Faltin: „Wir haben sofort reagiert und mit dem TV-Journalisten, der den Bericht bearbeitet hat, und den Zeugen Kontakt aufgenommen. Von einem weiteren Passagier sind die Angaben bestätigt worden. Es spricht tatsächlich einiges dafür, dass es die beiden Frauen aus Offenbach waren. Wir wissen jetzt, in welchem Aufzug sie waren.“ Die Angaben zum Unglücksort im Schiffsinneren sind von der Dienststelle in Offenbach an die italienische Polizei weitergegeben worden.

Betroffen reagierte Faltin auch auf Hinweise der beiden Zeugen auf einen älteren Mann mit einer Gehbehinderung, der die beiden älteren Frauen begleitet haben soll. „Auch der noch vermisste Mann aus Maintal ist gehbehindert. Es deutet doch einiges darauf hin, dass es sich genau um diesen Passagier handelt“, so der Polizeisprecher.

Überall lauern Gefahren: Für die Retter ist es ein sehr schwerer Einsatz.

Der Geschäftsführer der Stewa-Touristik, Peter Stenger, bestätigte gestern im Gespräch mit unserer Zeitung, dass sein Unternehmen fünf Teilnehmer einer Reisegruppe vermisst. Insgesamt hatten 55 Menschen die Reise bei dem Unternehmen aus Kleinostheim gebucht. Von „chaotischen Zuständen“ auf dem sinkenden Schiff hätten Rückkehrer berichtet. In den Gesprächen mit seinen Kunden sei auch oft das Stichwort „Titanic“ gefallen, sagte Stenger. „Insbesondere als dann das Licht ausgefallen war und es war gespenstisch alles dunkel in diesem Restaurant.“ Erst habe es einen Riesenaufruhr gegeben und dann auf einmal diese „Totenstille“.

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Vom Kapitän sei kein Befehl zur Evakuierung gekommen. 45 Minuten habe man gewartet, dann seien die Passagiere von sich aus tätig geworden. Einige hatten außerdem berichtet, sie seien vom Personal zunächst daran gehindert worden, in die Rettungsboote zu steigen. Eine Frau mit einem künstlichen Hüftgelenk habe gemeinsam mit ihrem Mann mehr als eine Stunde lang an der Außenwand an einer Strickleiter gehangen, bevor sie gerettet worden sei. Der Stewa-Geschäftsführer: „Das Schiff befand sich ja zu diesem Zeitpunkt schon in einer 80-Grad-Schräglage; der kritische Moment war dann der Übergang am Schiffsrumpf. Dort gab es zunächst keine Hilfe, erst später wurden an der Außenwand Strickleitern heruntergelassen. Ein Gast von uns hatte zu diesem Zeitpunkt im großen Gedränge aber schon seine Schwimmweste verloren.“ Zu diesem Zeitpunkt konnten an der einen Seite des Schiffs keine Rettungsboote herabgelassen werden, an der anderen Seite war es längst zu steil. „Die entscheidende Hilfe kam dann von den Männern, die mit ihren Booten von der Insel Giglio kamen“, berichtet Stenger - und fügt hinzu: „Nach Angaben von geretteten Passagieren waren diese Retter im Gegensatz zum Schiffspersonal sehr kompetent.“

Rettungsübungen nicht ernst genommen

Über die obligatorischen Rettungsübungen zu Beginn der Reise haben sich die Stewa-Kunden an Bord der „Costa Concordia“ nach Angaben von Stenger beschwert. „Das sei mehr der erste Teil einer Unterhaltungsshow gewesen. Die Passagiere sind ja in ihre Kabinen geschickt worden, um die Rettungswesten zu holen: Dort sollten sie dann ihren angegebenen Rettungspunkt im Schiff auskundschaften, an dem sie im Ernstfall auf Hilfe warten sollten.“ Und was geschah am Freitagabend? Stenger: „Einige erzählten mir, dass sie unter Deck zur nächsten Rettungsstelle gelaufen sind, dort aber wieder mit der Begründung weggeschickt wurden, sie sollten ,ihre’ Stelle suchen. Das Problem: Der Weg dorthin war längst überflutet.“ Der Geschäftsführer bestätigt den desaströsen Eindruck: „Ich bin ja auch mehrmals mit diesem Kreuzfahrtschiff unterwegs gewesen. Die Rettungsübungen haben die an Bord nie so ernst genommen.“

Auch sein Unternehmen kümmere sich nun um die Angehörigen der Vermissten: „Die Verwandten sind in ganz, ganz schlechter Verfassung.“

Quelle: op-online.de

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