Firma kümmert sich um Satelliten

Störfälle auf dem Prüfstand

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Darmstadt - Ein Darmstädter Unternehmen simuliert Störfälle von Satelliten. Telespazio Vega programmiert zudem Software, mit der sie gesteuert werden. Von Axel Wölk

An der Wand hängt das Bild eines russischen Kosmonauten im Raumfahrtanzug. Bei Geschäftsführer John Lewis von Telespazio Vega dreht sich alles um Raketen, bemannte Missionen ins All und vor allem Satelliten. Der gerahmte Druck ist ein Präsent aus Russland. Lewis stand 1997 dem einstigen Stolz der sowjetischen Wissenschaft bei der Raumfahrtstation Mir mit Rat und Tat zur Seite. Das Unternehmen des gebürtigen Briten Lewis verdient sein Geld damit, „dass die Satelliten fliegen“. Die Darmstädter Firma programmiert keinen Steinwurf von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA entfernt Software, mit der sich nach einem geglückten Start Satelliten steuern lassen.

Außerdem greifen die Techniker schon vorher ins Geschehen ein. Sie simulieren die aberwitzigsten Störfälle, um sicher zu gehen, dass in der Realität wirklich nichts schiefläuft. Es gibt so ziemlich kein Szenario, das die Darmstädter nicht extra erproben. Der Satellit könnte etwa in eine schiefe Lage geraten und muss schnell wieder korrekt ausgerichtet werden. Doch vor allem Probleme auf der Erde könnten den Satelliten gefährlich werden. Wenn beispielsweise über Darmstadt ein Wintersturm mit Stromausfall und Verkehrskollaps tobt, was praktisch das hiesige Satellitenkontrollzentrum lahmlegt. Ein Feuer bricht aus und das gesamte Gelände muss evakuiert werden. „Auch Mäuse, die an Kabeln nagen, haben wir schon berücksichtigt“, berichtet Unternehmenssprecherin Alexandra Sokolowski. „Die Simulation muss unanfechtbar sein“, stellt Lewis lapidar fest.

2000 Teile ins Programm eingebaut

Mehr als 80 Prozent seines Umsatzes fährt Telespazio Vega mit Raumfahrt ein, je zur Hälfte durch Betrieb und Simulation von Satelliten und Sonden. Auch bei Militäraufträgen kommt das Unternehmen aus Rhein-Main ins Geschäft. So lieferten die Darmstädter an die Nato Simulatoren für den Hubschrauber Eurocopter. Mit der Technologie aus Hessen lassen sich Wartungsvorgänge exakt abbilden. Auch wenn es das Fluggerät noch gar nicht gibt, können Techniker bereits in der Wartung ausgebildet werden. Rund 2000 Teile sind ins Programm eingebaut. Mehr als 1000 Fehlerquellen könnten die Techniker mit Hilfe der Simulation aufspüren.

Ihren umständlichen Namen verdanken die Darmstädter einer Übernahme. Im Jahr 2008 kaufte der italienische Verteidigungskonzern Finmeccanica die britische Vega, um an deren Rüstungsgeschäft zu gelangen. Die deutsche Tochter Vega stand plötzlich ziemlich allein auf weiter Flur in einem großen Militärkonzern. Schließlich ergab sich als beste Lösung, die deutsche Vega mit den Raumfahrtexperten von Telespazio zu verschmelzen, die wiederum mehrheitlich zu Finmeccanica gehören.

Raumfahrt mit relativ stabilen Budgets

Für die Italiener ist Telespazio Vega in vielerlei Hinsicht ein Glücksgriff. Das Unternehmen schreibt seit langem solide schwarze Zahlen. Üblicherweise erwirtschaften die Darmstädter eine Umsatzrendite von rund zehn Prozent mit Schwankungen von zwei Prozentpunkten nach oben oder unten. Gleichzeitig steuert Telespazio Vega jährlich rund 50 Millionen Euro zum Konzernumsatz bei.

So mancher Manager aus Maschinenbau, Autoindustrie oder der Chemiebranche dürfte den studierten Physiker Lewis beneiden. Das Auf und Ab von wirtschaftlichem Boom und Rezession ist den Darmstädtern fast unbekannt. Die Raumfahrt kann mit relativ stabilen Budgets rechnen. Das größte Risiko besteht darin, dass ein Projekt scheitert, etwa wenn bei einem Raketenstart ein Satellit zerstört wird. Das ist in der Unternehmenshistorie aber nur ein Mal passiert, als die Mission Cluster zur Messung des Erdmagnetfelds vor rund 15 Jahren wegen einer Raketenpanne scheiterte.

„In der Raumfahrt zu wachsen, dürfte schwierig sein“

Doch eine finanzielle Hängematte ist die Raumfahrt auch für Telespazio Vega nicht. „Die guten Geschäfte locken viele Wettbewerber an“, berichtet Lewis. Rund 300 Angebote müsse sein Unternehmen jährlich schreiben, um neue Aufträge zu ergattern. Als Firma, die hauptsächlich in der Raumfahrt aktiv ist, kommen die meisten Geschäfte mit staatlichen Organisationen zustande. Wichtigster Kunde ist das Europäische Satellitenkontrollzentrum (ESOC) in Darmstadt. Allerdings gilt: „In der Raumfahrt zu wachsen, dürfte schwierig sein.“ Die Euro-Länder sind ziemlich klamm und dürften ihre Ausgaben keinesfalls kräftig steigern.

Deswegen setzt Lewis gerade auch auf die zivile Luftfahrt. Für das Geschäftsfeld spricht die fachliche Nähe zur Raumfahrt. Ein weiterer großer Vorteil: Der Frankfurter Flughafen liegt gleich um die Ecke. Das zahlt sich für die Firma von Lewis auch bereits in springender Münze aus. Mit der Deutschen Flugsicherung in Langen arbeitet Telespazio Vega an einem großen Forschungsprojekt. Auf allen Ebenen wurden zwischen beiden Unternehmen Kontakte geknüpft. „Es gibt viele Kooperationsmöglichkeiten mit dem Landkreis Offenbach“, ist sich Lewis insgesamt sicher. Viele Mitarbeiter pendelten täglich aus der Lederstadt und Umgebung in den Firmensitz gleich neben dem Darmstädter Hauptbahnhof.

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Dort herrscht typisch europäische Sprachvielfalt. Rund 25 verschiedene Nationalitäten weisen die 350 Mitarbeiter auf, die fast alle in Darmstadt ihrem Job nachgehen. Die meisten Beschäftigten beherrschen mindestens drei Sprachen. Lewis schwärmt: „Wenn ich in die Teeküche gehe, weiß ich häufig nicht, in welcher Sprache ich mich gleich unterhalten werde.“

Quelle: op-online.de

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