„Das Maß ist jetzt voll“

Frankfurt/Rhein-Main - Von Einsicht und Bedauern gab es bis zum Schluss bei dem Bauern aus dem Vogelsberg keine Spur. „Ich kann nur sagen: Ich bin nicht spazieren gefahren. Ich bin gefahren, weil ich arbeiten muss. Wenn ich nicht arbeite, hab' ich nichts“, sagte der Angeklagte aus Lauterbach gestern im letzten Wort am Landgericht Gießen. Von Maria Panagiotidou

Er allein habe auf seinem Hof das Sagen. Einer Schuld bewusst wurde sich der 55-Jährige im Berufungsprozess nicht.

Dass er im August 2007 rasend vor Wut mit seinem Traktor auf Polizisten losraste, mehrere Polizeiautos demolierte und immer wieder ohne Führerschein fuhr - dafür muss der renitente Bauer nun ein Jahr und neun Monate hinter Gitter. Das Landgericht Gießen verurteilte ihn unter anderem wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis in mehreren Fällen, versuchter gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Das Maß ist jetzt voll“, sagte die Vorsitzende Richterin Regine Enders-Kunze. „Ihr Verhalten ist nicht rechtmäßig“, sagte sie zu dem Bauern. Immer wieder sei er ohne Führerschein gefahren und habe sich gegen Polizisten aufgelehnt. „Sie haben von Anfang an die eigene Rechtsvorstellung über die Rechtsordnung gestellt“, sagte sie. Ein „Wort des Bedauerns“ habe es nicht gegeben.

Die Szenen hätten aus einem Actionfilm stammen können: Mit seinem Traktor räumt der Bauer Polizeiwagen zur Seite, als wären sie Spielzeugautos. Die Polizisten können sich nur mit Sprüngen zur Seite retten, als der ausgerastete Bauer mit Tempo auf sie zufährt. Die Ordnungshüter waren ausgerückt, um den Trecker des Mannes sicherzustellen, weil er ohne Führerschein immer wieder damit fuhr. Doch statt sich zu fügen, verliert der Landwirt die Nerven. Mit abgesenktem Frontlader fährt er auf die Polizisten zu und durchbricht die Sperre aus Polizeiwagen. Sieben Stunden später nimmt ihn ein Sondereinsatzkommando fest.

Im Berufungsprozess gestand der Angeklagte die Attacke: „Mir ist der Kragen geplatzt.“ Er habe sich gezwungen gesehen, mit seinen landwirtschaftlichen Maschinen zu fahren, obwohl er keinen Führerschein mehr hatte, weil er sich anders nicht um seine Rinder und sein Ackerland hätte kümmern können.

Ein Psychiater attestierte dem Angeklagten eine verminderte Schuldfähigkeit. Er habe eine gestörte Beziehung zu Polizisten und Ämtern, in denen er Feinde sehe. „Er ist nicht in der Lage einen selbstkritischen Diskurs zu führen“, sagte der Gutachter. Der Staatsanwalt hatte eine Bewährung abgelehnt. Der Angeklagte habe seine „eigene Logik“ und „eigene Rechtsauffassung“.

Quelle: op-online.de

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