Interview mit Heike Habermann (SPD)

„Das Sitzenbleiben abschaffen“

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Die Offenbacherin Heike Habermann soll bei einem Wahlsieg von Rot-Grün hessische Kultusministerin werden.

Heike Habermann (SPD) ist im Schattenkabinett von Thorsten Schäfer-Gümbel als Kultusministerin vorgesehen. Mit der Offenbacherin sprachen Frank Pröse, Peter Schulte-Holtey und Thomas Kirstein.

Frau Habermann, sind Sie schon mal sitzengeblieben?

Ich bin nicht sitzengeblieben, aber ich war einmal nahe dran. In der 8. Klasse habe ich einen Blauen Brief bekommen - wegen Mathematik, Physik und Chemie. Da ich aber in Deutsch, Latein und Englisch jeweils eine Eins vorweisen konnte, ist’s noch mal gut gegangen.

Sie wollen nun das Sitzenbleiben in Hessen abschaffen...

Wir wollen zunächst einmal in den Schulen, die längeres gemeinsames Lernen anbieten wollen, das Sitzenbleiben abschaffen. Diese Schulen sollen als Ganztagsschulen arbeiten können. Sie sollen die Kinder von Klasse 5 bis 10 binnendifferenziert (Förderung einzelner innerhalb der Lerngruppe, Anm.d. Red.) unterrichten und auf Sanktionen wie Sitzenbleiben verzichten . Ziel ist, jedes Kind zu einem Schulabschluss zu führen.

Alle wundern sich über den Schulfrieden in Hessen. Hören wir wirklich zum Schulanfang im Gegensatz zu früher weder laute Klagen noch Forderungen?

Es war richtig, dass 2500 Lehrer eingestellt worden sind. Auch dass jetzt im letzten Moment die Sozialindex-Pläne von Jürgen Banzer (2008/09 CDU-Kultusminister, Anm. d. Redaktion) aus der Schublade gekramt wurden, ist ein Anfang für eine gerechtere Lehrerausstattung gerade in Städten wie Offenbach. Wir kritisieren, dass die Entwicklung der Ganztagsschule verschleppt wurde, dass Inklusion verhindert wird und dass es bei G8/G9 eine halbherzige Lösung gegeben hat, die dem Elternwillen nicht gerecht wird.

Treibt es Ihnen nicht die Zornesröte ins Gesicht, wenn die CDU die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 für sich reklamiert?

Das treibt mir deswegen die Zornesröte ins Gesicht, weil 2004 gegen den Willen von Eltern, von Schulen, von Lehrkräften und auch von den Schülern G8 zwangsweise eingeführt worden ist. Damals hat niemand nach der Wahlfreiheit gefragt. Für uns ist das ein Vehikel, um das Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten, weil die Landesregierung genau weiß, dass die Unzufriedenheit mit G8 weiterhin groß ist.

Wer hat denn Wahlfreiheit, flächendeckend ist das doch wohl nicht möglich?

Nein, ist es nicht. Es gibt auch keine Wahlfreiheit der Eltern, sondern der Schulen. In Offenbach hat das zu der Situation geführt, dass zu diesem Schuljahr alle drei Gymnasien bei G8 bleiben. Die Befragung der Eltern an den Grundschulen dagegen zeigt, dass auch Offenbacher Eltern für ihre Kinder die verkürzte Mittelstufe nicht wollen. Bei vielen Umfragen in Hessen wollen bis zu 95 Prozent der Grundschuleltern G9 für ihre Kinder.

Was wären Ihre ersten Schritte als Kultusministerin, sollten Sie in Regierungsverantwortung kommen?

Priorität haben in unserem Programm die Grundschulen und die frühe Bildung vor der Schule, weil Kinder bessere Bildungschancen haben, je früher sie gefördert werden können. So soll in den Grundschulen die Schuleingangsstufe zur Regeleinrichtung werden. Das bedeutet, dass die Kinder nach ihrem eigenen Lerntempo die ersten beiden Klassen in ein bis drei Jahren in Gruppen mit sozialpädagogischer Förderung durchlaufen können.

Was muss beim Ganztags-Angebot passieren?

Wir wollen, dass Grundschulen die Möglichkeit erhalten, Ganztagsschule zu werden. Im Moment haben wir von mehr als 1000 Grundschulen 350 mit Ganztagsangeboten, davon sind nur fünf echte „gebundene“ Ganztagsschulen.

Damit meinen Sie Schulen, die an fünf Tagen für alle Kinder bis nachmittags 16 Uhr offen sind?

Ja. Gerade dieses Modell wollen wir flächendeckend weiterentwickeln, wenn die Schulen das wollen. Unser Ziel ist der Ausbau von 500 Ganztagsgrundschulen in den nächsten fünf Jahren. Was wir in Offenbach ganz deutlich sehen: Wir brauchen besonders im Grundschulbereich mehr Angebote auch am Nachmittag. Das sehen wir natürlich unter dem Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch als Chance für gute Bildung. Etwas Betreuung am Nachmittag ist ja noch kein besseres Lernangebot. Kinder brauchen mehr Zeit zum Lernen in einer Ganztagsschule, die abwechseln kann zwischen Fördern, Unterricht, gemeinsamen Aktivitäten und Ruhephasen.

Jetzt ist doch die Nachmittagsbetreuung oft über Fördervereine organisiert. Müssten die sich auflösen?

Ich glaube, dass viele dieser Vereine sehr froh sein werden, wenn sie von der Bürokratie entlastet werden und von der Verantwortung, selbst alle Verträge abschließen zu müssen. Fördervereine haben immer noch genügend Aufgaben und Möglichkeiten, die der Schulgemeinschaft nützen.

Dann stellt sich die Frage nach den Kosten Ihrer Pläne, die ja mehr Pädagogen und Sozialarbeiter erfordern...

Wir haben unser Modell berechnet nach den derzeitigen Zuschlägen, die es für Ganztagsschulen in den hessischen Richtlinien gibt. Danach kommen wir auf 1250 zusätzliche Lehrerstellen in den nächsten fünf Jahren. Wenn wir alles zusammenrechnen, sind wir bei 500 Millionen Euro zusätzlich in diesen fünf Jahren. Dafür brauchen wir auch zusätzliche Einnahmen.

Die Grünen wollen einen Nachmittags-Pakt für Betreuung. Ihnen reicht das nicht. Wie kommen Sie mit dem möglichen zukünftigen Partner da überein?

Ich glaube, dass der Widerspruch nicht ganz so groß sein wird. Wir wollen 500 Grundschulen ermöglichen, sich freiwillig zu Ganztagsschulen zu entwickeln. Es ist ein Angebot. Andere Grundschulen werden Bedarf haben an zusätzlichen Betreuungszeiten, ohne Ganztagsschule werden zu wollen. Wir lehnen es aber ab, dass die Grünen ihre Finanzierung an eine Ko-Finanzierung der Kommunen und Schulträger binden, was heißt: Das Land zahlt nur bis 14.30 Uhr, danach tragen die Kommunen die Kosten. Dies ist mit dem Konnexitätsprinzip nicht vereinbar. Dies würde auch weitere Ungleichheiten im Lande Hessen herstellen, weil Offenbach zusätzliche Gelder in diesem Umfang nicht aufbringen könnte.

Das hört sich alles nach relativ großen Umwälzungen an. Meinen Sie nicht, dass die Eltern in Hessen genug haben von Reformen im Schulbereich?

Die Eltern haben die Nase voll vom Prinzip „Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“ wie bei G8/G9. So macht man keine Reform. Die war von Anfang an Murks und ist Murks geblieben. Eltern wollen Verlässlichkeit und gute Bildungsangebote. Z. B. ist der Bedarf nach Ganztagsschulen sehr groß. Und ich weiß, dass viele Schulen mehr machen würden, wenn man sie denn ließe. Aber wenn beispielsweise die Stadt Offenbach zwei Stellen im Jahr bekommt für den Ganztagsschulausbau, dann kann ich damit keine einzige Grundschule ausbauen.

Gibt es wesentliche Unterschiede im Schulangebot von Stadt und Kreis?

Im Kreis sind mit einer Ausnahme alle Gymnasien zu G9 zurückgekehrt. Der Kreis ist darüber hinaus längst zu einem Modell übergegangen, Lernhilfeschüler in die Grundschulen zu integrieren, also sukzessive Lernhilfeschulen aufzulösen. Dort wird Inklusion mit viel Erfolg in der Grundschule praktiziert. In Offenbach haben wir dafür bisher nicht die notwendigen Lehrerstellen.

Ihr politischer Gegner behauptet, SPD und Grüne arbeiteten auf die Einheitsschule zu. Ihnen persönlich wirft die CDU vor, Sie setzten die Bildungspolitik von Margot Honecker fort. Wo geben Sie Schwarz-Gelb Anlässe für derlei Attacken?

Der ehemalige schulpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, Hans-Jürgen Irmer, hat einmal gesagt, dass Gesamtschulen ein Verbrechen an den Kindern seien. Wenn man diese Äußerung wertet, dann weiß man, wo die großen Diskrepanzen bei der Interpretation unseres Programms herrühren. Wenn man überhaupt nicht will, dass Kinder gemeinsam lernen, dann muss man natürlich ein Programm wie das der SPD ablehnen. Aber der Begriff der Einheitsschule zeugt nur von Einfalt. Wir halten den Weg, länger gemeinsam zu lernen, für einen, aber nicht den einzigen Baustein, um zu mehr Chancengleichheit in der Bildung zu kommen. Die frühe Aufteilung der Kinder nach Klasse 4 führt dazu, dass viele auf dem Bildungsweg zurückbleiben, weil sie ihre Begabungen nicht ausschöpfen können. Wir wissen aber, dass man kein Schulsystem von oben verordnen kann. Dafür braucht es einen Konsens in der Gesellschaft. Deshalb ist die Gemeinschaftsschule ein Angebot an die Schulen.

Über die Lehrerzuweisung nach Sozialindex wird viel gesprochen. Kommt Offenbach dabei angemessen weg?

Die Pläne sind zu einer Zeit entstanden, als es noch keine zentrale Lehrerversorgung gab. Jetzt wird alles von Wiesbaden gesteuert. Früher machten das die staatlichen Schulämter, was sinnvoll ist, da sie ihre Schulen kennen. Jetzt stellen wir zum Beispiel in Offenbach fest, dass unsere durch Seiteneinsteiger (meist aus südeuropäischen EU-Ländern, Anm. d. Red) zusätzlich belasteten Grundschulen viel zu wenig Stunden zugewiesen bekommen, um trotz Sozialindex auch für diese Kinder ausreichend guten Unterricht anbieten zu können.

Wie lässt sich das anders regeln?

Die Zuweisung muss anders gestaltet werden. Bisher haben wir eine Zuweisung nach Anzahl der Klassen. Da fängt die erste Ungerechtigkeit schon an, denn Offenbacher Grundschulen haben alle 25 Kinder in den Klassen, in Mittel- oder Nordhessen sind die Klassen kleiner. Die Arbeitsbedingungen in Offenbach sind also von vorneherein schwieriger. Die Lehrerversorgung muss sowohl am Sozialindex als auch an den Schülerzahlen ausgerichtet werden. Dann hätte Offenbach zusätzliche Lehrerstunden bekommen.

Wir haben über den Schulfrieden schon gesprochen. Können Sie die Eltern beruhigen, dass der bleibt?

Es ist ja Entscheidung der Schulen, ob sie Ganztagsschule werden wollen und ob sie Gemeinschaftsschule werden wollen. Das ist nichts, was wir verordnen wollen. Das ist ein Angebot. Ich glaube, die Eltern wollen Ruhe, keine Grabesruhe. Und sie wollen vor allem in die Bildungspolitik einbezogen werden. Da haben wir schon in der Vergangenheit stark auf den Dialog gesetzt.

Sollten Sie Kultusministerin werden, könnten die Eltern darauf vertrauen, dass Sie sich dafür einsetzen, dass die Schullandschaft in Deutschland angeglichen wird?

Das föderalistische System wird bestehen bleiben. Aber die Entscheidung, an der auch die SPD mitgewirkt hat, dem Bund keine Kompetenzen in Bildungsfragen zuzugestehen, war grundfalsch. Inzwischen will die SPD das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern wieder aufheben. Die Zersplitterung der Schullandschaft führt ja nicht nur dazu, dass Kinder zum Teil den Anschluss in einem anderen Bundesland nicht finden. Sie führt auch dazu, dass Eltern völlig überfordert werden mit der Schulwahl. Ich glaube, der Bund sollte nicht nur Kompetenz bei der Finanzierung erhalten, sondern zumindest auch bei der Lehrerbildung. Die Ausbildung muss einheitlicher werden, weil Lehrkräfte heute nicht problemlos in ein anderes Bundesland wechseln können.

Manche hessischen Eltern gucken neidisch ins benachbarte Bayern ...

Wogegen hingewirkt werden muss, ist die zunehmende Zersplitterung des Systems. Bayern fährt immer noch gut mit einem dreigliedrigen System, in dem auch in der Hauptschule noch 30 Prozent der Kinder sind. Da ist ein Förderklima vorhanden, in dem stärkere die schwächeren Schüler in heterogenen Gruppen unterstützen. In Hessen besuchen nur noch wenige Kinder eine Hauptschule, und die Landesregierung erfindet immer wieder neue Modelle, um dies zu ändern. Man sollte aufhören, für jedes Problem eine neue Schulform zu erfinden und versuchen, vom einzelnen Kind ausgehend Schule so zu gestalten, dass sie alle Kinder mitnehmen kann.

Halten Sie die Hauptschule für eine zukunftsfähige Form?

Ein klares Nein. In Hessen entscheiden sich noch nicht einmal mehr vier Prozent der Eltern für eine Hauptschulausbildung. Die Klassen werden erst in Klassenstufe 6 mit den Schülern voll, die aus einer anderen Schulform abgeschult werden. Das ist eine Vergeudung der Arbeitskraft auch der Hauptschul-Lehrkräfte, die eine gute Arbeit machen, die aber Kinder zurückbekommen, die schon viel Frustration und Misserfolge erlebt haben. Deswegen schlagen wir vor, dass Hauptschulen auslaufen und stattdessen ein zwischen Haupt- und Realschule angesiedeltes integriertes Angebot unterbreitet wird oder gleich eine Gemeinschaftsschule gebildet wird.

Sie wollen bei der Inklusion Gas geben. Das bedeutet auch, dass viel mehr Personal eingestellt werden muss ...

Zunächst gilt es festzuhalten, dass Inklusion für uns ein individuelles Recht jedes Kindes ist. Jedes Kind muss eine allgemeine Schule besuchen können, unabhängig von der Art des Förderbedarfs. Wenn ich einen rechtlichen Anspruch auf eine Leistung habe, dann kann ich keinen Deckel auf die Finanzen machen und sagen, wenn der Topf leer ist, dann ist Schluss. Hessen gibt jährlich 230 Millionen Euro für Förderschulen und Förderpädagogik aus. Wir wollen sukzessive die Förderschullehrkräfte in die allgemeinen Schulen holen, um dort die entsprechenden Kompetenzen für die Förderung zu haben. Darüber hinaus wollen wir pro Jahr 100 zusätzliche Stellen schaffen. Denn wir brauchen auch weiterhin die spezialisierten sonderpädagogischen Beratungszentren.

Quelle: op-online.de

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