Klassik-Exot als Normalo

David Garrett spielt Tschaikowsky beim Museumskonzert

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Archivbild

Frankfurt - Starrummel hin, Crossover her – beim Museumskonzert in der ausverkauften Alten Oper erwies sich Meistergeiger David Garrett als Normalo, der sich auf seine Grundkompetenz besann. Von Klaus Ackermann

Die liegt allemal im klassischen Bereich, was der Aachener Weltstar einmal mehr im lyrisch getönten, aber technisch sauschweren Violinkonzert von Peter Tschaikowsky unterstrich. Inspirierend bei diesem rein russischen Abend mit Sergej Prokofjews gewichtiger Sinfonie Nr. 5 war zudem das Dirigat des St. Petersburgers Andrey Boreyko, ein Name, den man sich merken muss. In die Offensive geht der russische Maestro schon mit Michail Glinkas Ouvertüre zum Opern-Entführungsfall um „Ruslan und Ludmilla“. Kein laues Lüftchen, sondern eine klanglich steife Brise, mit straffen Tempi, mit Bläser-Strahlkraft und rasanten Streicher-Unisono – das Opern- und Museumsorchester lässt sich da nicht lumpen.

Schon mit Vorschusslorbeeren des von vielen jungen Leuten durchsetzten Publikums bedacht, findet Garrett seine Position vor den ersten Geigen, nahe am Dirigierpult. Denn der Superstar ist ein Teamplayer, der eben nicht an der Rampe seinen Stiefel abzieht, sondern ins Museumsorchester hineinwirkt. Der das kantable Hauptthema des B-Dur Violinkonzerts von Tschaikowsky in nahezu klassischer Strenge angeht, sinfonisch eng verflochten mit dem Frankfurter Spitzenorchester. Der in den Kadenzen unglaublich virtuos die Themenschnipsel neu zusammenfügt, die Canzonetta in süchtig machendem Tschaikowsky-Moll mit großem Stradivari-Ton und langem melodischem Atem singt, der beim flippigen russischen Tanz-Kehraus das spieltechnische Drehmoment noch einmal erhöht und dennoch ideal mit den Orchestermusikern korrespondiert. Unter dem Jubel des jungen Publikums, das die übliche Beifallsordnung an diesem Konzertabend spontan aushebelt und sich sicher nach einem Selfie mit dem Teufelsgeiger sehnt. Garrett, auch hier im üblichen Klassik-Ritual, spendiert stattdessen die Sarabande aus der Partita II für Solovioline.

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Die große Zeit des Andrey Boreyko kommt mit Prokofjews 1945 uraufgeführter 5. Sinfonie, die zwischen mildem Streicher- und Holzbläser-Dur auch massiv drohendes Blech auffährt. Wie er im klassizistisch anmutenden, auf Lokomotiven-Rhythmus gründenden Scherzo die klanglichen Widerhaken anbringt, wie er russisches Melos wie auf dem Schwebebalken balancieren lässt, zwischen grellem Trauermarsch und polterndem Tänzchen auch die tonal weitschweifenden Verbindungen spannend knüpft, das hält munter. Nur wenige Zuhörer gaben da schon vorzeitig auf …

Quelle: op-online.de

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