Fabelhaftes HipHop-Theater

Deichkind feiern Kindergeburtstag für Erwachsene

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Ein bisschen Größenwahn kann nicht schaden, meinen die Deichkinder aus St. Pauli, die mit ihrem Publikum in der Frankfurter Festhalle eine rauschende Party feierten.

Frankfurt - HipHop muss nicht brutal, sexistisch und einfältig sein. Das beweist die kluge Hamburger Spaß-Combo Deichkind beim umjubelten Auftritt in der Frankfurter Festhalle. Von Peter H. Müller

Soll keiner sagen, er sei nicht gewarnt worden vor dieser fabelhaft bekloppten „Remmidemmi“-Show. Die wahnwitzige Elektrorap-Combo von Deichkind zelebriert in der rappelvollen „Hüpfburg“ Festhalle fröhlich kalauernd das organisierte Chaos: mit rosafarbenen Riesen-Gehirnen, Tretrollern, Trampolin-Sprüngen und Kissenfeder-Kanonen. Vor allem aber mit klug (selbst)ironischem Konzept. Und Haltung. Nebenbei rettet das Hamburger Rampensau-Kollektiv auf seiner „Niveau Weshalb Warum“-Tour wohl auch den dröge darbenden deutschen HipHop.

Neulich, im gar nicht mehr so heimeligen Dresden, gab’s von den Herren „DJ Phono“, „Porky“, „Kryptik Joe“, „Ferris Hilton“ und Co. ein selten ernstes Statement. Bei ihrem Benefizkonzert auf dem Theaterplatz forderten sie unmissverständlich auf, „diesen Ort zurück zu erobern“, um gegen Pegida-Verwirrte, Hass und Rassismus klare Zeichen zu setzen – für Hilfsbereitschaft, Menschlichkeit und Solidarität. Und sie haben gleich hinterher noch klargestellt: „Die Stadt wird uns nicht los!“ Gut so, kann man da nur sagen.

Und eigentlich sollte man den Frankfurt-Gig der Deichkinder auch als Lehrfilm für die Bushidos, Haftbefehls, Kollegahs und wie die Ghetto-Kids alle heißen, hernehmen. Die Botschaft: Klare Haltung und Monster-Beats, intelligent-subversives Textgut und brachialer Techno, krachendes Entertainment und grandios positive Stimmung. Das geht zusammen. Auf einer Bühne. Wenn man denn einen Plan und Hirn hat. Okay, die Deichkinder haben, „ein bisschen Größenwahn kann nicht schaden“, gleich putzig rosafarbene XL-Gehirne dabei, die sich zu Beginn ihres 130 Minuten-Spektakels wie Schwellköppe durch die Kulisse tragen.

Bilder: Deichkind in der Festhalle Frankfurt

Stichwort Requisiten, was ja bei den St.Pauli-Witzbolden immer wichtiger Bestandteil des Gesamtkunstwerks ist. In der Festhalle, wo sich rund 11.000 Fans mit fluoreszierenden Sonnenbrillen, original Müllsack-Zwetern und ziemlich viel Flaschenbier gewappnet haben, werden aufgefahren: Bierpistolen mit Vollkornsprudel, ein Schlauchboot (für Stage-Diving-Einsätze), bunt blinkende Pyramidenschädel, ein Riesenfass zum Crowd-Surfen, Büro-Stühle („Bück dich hoch!“), Bungee-Seile, Regenschirme („Porzellan & Elefanten“), Helium-Luftballons (zur Polonaise durch die Menge), E-Roller und diverses andere Gedöns. Egal ob es um Facebook-Protest („Like mich am Arsch!“), Sauf-/Abrisshymnen („Prost“, „Limit“) oder „Oma gib Handtasche!“ geht – im Deichkind-Kosmos ist alles möglich, alles skurril, ekstatisch, schweißtreibend.

Auch wenn die Dramaturgie dieses Kindergeburtstages für Erwachsene nicht selten an den letzten Gig in der viel zu kleinen Jahrhunderthalle erinnert: Die mal als Ninja-Krieger, mal als Pacman-Karikaturen, dann in gelben Quarantäneanzügen steckenden Zeremonienmeister sind die Könige des modernen HipHop-Dadaismus’. Vor allem entfachen sie pausenlos eine derart positive Stimmung, dass man selbst als Party-Muffel mitgerissen wird. Nein, dieser gnadenlos absurden, in all ihrer Sinnfreiheit klug inszenierten Überdosis kann man sich einfach nicht entziehen. Ganz großes HipHop-Theater.

Quelle: op-online.de

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