Kramer-Schau im Architekturmuseum

Demokratie als Prinzip des Bauens

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Die Siedlung Westhausen entstand in den 1920er Jahren. Das Foto zeigt den Architekten beim Ortstermin.

Frankfurt - Ferdinand Kramer hat Spuren hinterlassen. Seine kargen Funktionsbauten für den Campus Bockenheim der Goethe-Universität sind prägend. In einer Ausstellung erinnert das Deutsche Architekturmuseum an den Frankfurter Baumeister. Von Reinhold Gries 

Wer im Bockenheimer Campus der Frankfurter Goethe-Universität aus den 50er/60er Jahren studierte, dort in der Mensa gegessen, in der Universitätsbibliothek gelesen oder in Hörsaalgebäuden mitgeschrieben, war von Ferdinand Kramers rechtwinkligen Zweckbauten und Rastern umgeben, die überflüssigem Dekor abhold waren. Der 1898 in Frankfurt geborene und 1985 dort gestorbene Architekt hatte auch schon 1925-30 an Ernst Mays „Neuem Frankfurt“ mit gebaut. Die Ausstellung „Linie Form Funktion“ des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt (DAM) führt nun in beide Werkphasen. Kramers karge Funktionalität – das „Prinzip Kramer“ – hat biografische wie soziale Hintergründe. Bei seiner durchaus vom Werkbund und Bauhaus beeinflussten Typisierungsarbeit für May ging es dem Baupionier weniger um teure Villen als um menschenwürdiges Wohnen für wenig Begüterte. Dabei duldete er keinen Schnickschnack, wie man an frei im Stadtraum stehenden, streng gereihten Wohlzeilen der Siedlung Frankfurt-Westhausen sieht.

Solche Modernität war den Nazis ein Dorn im Auge. Kramer erhielt faktisch Berufsverbot, zumal er mit einer Jüdin verheiratet war. Deshalb emigrierte 1938 in die USA und wurde dort 1945 eingebürgert. In New York traf er auf andere, ihm bereits von der „Frankfurter Schule für Sozialforschung“ bekannte Emigranten wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Die hielt es beim demokratischen Neuaufbau der Bundesrepublik nicht in Amerika. Horkheimer wurde der erste Nachkriegspräsident der Goethe-Uni und holte Kramer 1952 als städtischen Universitätsbaumeister nach Frankfurt zurück.

Die Nüchternheit und Transparenz von Kramers Bauten sind auch Ausfluss dieser „Frankfurter Schule“, denn sie sollten für demokratische Gesinnung stehen. Das Repräsentative lag dem Baumeister so wenig, dass er gar in die neobarocke Fassade des Uni-Jügelbaus ein provozierend modernes Hauptportal einzog. Studenten sahen es auch Wänden an, dass sie variabel und nicht für die Ewigkeit gebaut waren. Beim Betrachten des Uni-Campus mit 23 Hochschulgebäuden Kramers in Plänen, Modellen und historischen Fotos kommt bei manchem Wehmut auf. Nicht wenige dieser Bauten sind der Abrissbirne zum Opfer gefallen, wie ja der ganze Bockenheimer Campus durch den Umzug der Universität ins Westend zum Zankapfel geworden sind. Was mit noch stehenden Bauten passiert, ist ungewiss. Immerhin rüstet man die Mensa jetzt für Flüchtlinge um und der gelungene Rasterbau der Philosophicums wird zum Studentenwohnheim umgebaut.

Spannend ist es in der Schau zu verfolgen, was aus vorbildlichen Funktionsbauten Kramers geworden ist oder wird wie dem Biologie-Campus, dem erst jetzt Kramer zugeordneten Juridicum und dem erst neulich als Kramer-Werk identifizierten Vorlesungsgebäude der Sportuniversität. An all derlei Architekturen, auch am Pharmazeuticum und am 1958 eingeweihten und 2006 abgerissenen Kernforschungszentrum für Hoechst gibt es nichts zu deuteln, da ist nichts zu viel und nichts zu wenig. Postmoderne Rückwendung wie am Dom-Römer-Bereich, das sieht man, wäre mit diesem Baumeister nicht zu machen gewesen.

Schon in den 20er Jahren war Kramer „angeeckt“ mit eckigen Westhausen-Laubenganghäusern und Wohnhäusern mit Flachdach, bei denen Nachbarn die Aussetzung der Baugenehmigung bewirkten - aus ästhetischen Gründen. Aber Kramer konnte auch anders bauen: bei amerikanischen Wochenendhäusern im Grünen während der Emigrationszeit, beim 1926 im Kleinwalsertal erbauten Gästehaus der Frankfurter Uni und dem Wochenend- und Ferienhaus Albert von Metzlers in Arnoldshain/Taunus. Die gute Balance zwischen klarer Form und Wohnlichkeit überzeugt. Auch den Uni-Campus wollte Kramer ursprünglich auf die grüne Wiese setzen, aber er bekam von der Stadt zur Überbauung Bockenheimer Kriegsschäden andere Vorgaben.

„Linie Form Funktion – Die Bauten von Ferdinand Kramer“ bis 1. Mai 2016 im DAM Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, Schaumainkai 43. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11-18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr

Quelle: op-online.de

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