Der Feldgottesdienst: „Ja zu FRA!“

Frankfurt - Was hat man sie angefeindet: Profithaie, Landschaftsbetonierer, Menschenverächter. Seit Monaten geht das so. Da ist es Zeit für ein wenig moralische Rückenstärkung, Zeit für einen Feldgottesdienst in schweren Tagen, Zeit für „Ja zu FRA!“. Von Michael Eschenauer

Es sind angeblich 10.000 Menschen, die sich gestern ab 16 Uhr auf dem Römerberg versammeln, um bei Gratis-Kaffee und Brezeln „Gesicht zu zeigen“, wie der Vorstandsvorsitzende der Fraport AG, Stefan Schulte, später sagen wird, und um die nach ihrer Einschätzung schief laufende Flughafen-Debatte ins Gleis zurückzuheben. Sie tragen Ansteck-Buttons, Kapitänsuniformen, Blaumänner, Anzüge oder Kostüme, und sie freuen sich über die Solidaritätsadressen des Verbandes Hessischer Unternehmerverbände, der Hotelbetreiber, der Bauunternehmer oder des Vereins Luftfahrt ohne Grenzen.

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Es fallen Sätze wie „In Frankfurt schlägt das logistische Herz Europas, so ein Herz darf in der Nacht nicht stillstehen“ oder „Alle Regionen beneiden uns um diesen Flughafen“. Sätze, die gut tun. Plakate haben sie mitgebracht. „Pro Flughafen - der Jugend eine Chance“, „Pro Flughafen - contra St. Florian“, „Stillstand ist Rückschritt“ steht drauf. Die Papptafeln sind gedruckt und sauber auf Vierkant-Hölzer getackert, nicht handgefertigt wie bei den Ausbau-Gegnern. Und sie sind recht zurückhaltend, vielleicht sogar ein wenig einfallslos. „Zurück in die Vergangenheit oder auf in die Zukunft?“ - so ein Slogan ist hier schon der provokanteste. „Warum sind Sie hier?“ Auf diese Frage hat Magdalena Hauser von Condor eine abgewogene Antwort: „Wir setzen uns für unsere Arbeitsplätze ein, wir wollen unseren Arbeitgeber unterstützen“, sagt die junge Frau. „Ja zu FRA“ bedeute ja nicht, dass man den Fluglärm gut finde, sondern dass man der Meinung sei, der Ausbau müsse sein, allerdings unter Abwägung der verschiedenen Interessen.

Verständnis für Lärmgeplagte

Währenddessen guckt ihr Begleiter wie Kater Carlo wenn’s donnert. Mancher ist hier zugeknöpft, wenn er einen Notizblock sieht. Hamit Sapan, Flugtransportmeister, und Tsilas Athanassios vom Kleiderlager der Fraport sind ebenfalls froh, mal nicht in der Defensive zu stehen. „Ich arbeite jetzt seit 23 Jahren am Flughafen. Sollen wir die neue Landebahn etwa wieder zumachen, nachdem wir sie durch alle Instanzen durchgeplant haben?“, sagt Athanassios. Das sei doch idiotisch. Dennoch hat er Verständnis für manche Flughafennachbarn, die unter der Lärmbelastung stöhnen. „Aber wenn man hier wohnt, muss man doch mit Fluglärm rechnen!“

Ein paar Meter weiter können Bernd Müller und Martina Heidrich von der Abfertigung nicht nachvollziehen, wieso sich mancher wegen nächtlicher Flieger über dem Haus aufregt. „Wenn ich Nachtschicht arbeite und Tags schlafen muss, kann ich doch auch nicht verlangen, dass keine Straßenbahn an meinem Haus vorbeifährt“, sagt Heidrich. Auch hier hat man Verständnis für die Lärmopfer, Dennoch: „Uns liegt unser Arbeitsplatz am Herzen. Jede Begrenzung des Ausbaues ist eine Gefahr für den Flughafen, das ist ein übergeordnetes Interesse.“ Die Kommentare sind abgewogen und zum Teil voller Verständnis für die wütenden Menschen, denen der Fluglärm zu viel wird. Die Arbeitsplätze aber schlagen als Argument alles. Sie sind der Supertrumpf.

Die Teilnahme an der Kundgebung - so die einhellige Antwort - sei unbezahlte Freizeit. Ein paar Meter weiter - die „Gypsies“ sorgen mit Pop-Evergreens auf der Großbühne vor dem Römer für gute Laune - wird Fraport-Chef Schulte von Kameras belagert. Er trägt als einziger im Schwarm der dunklen Anzüge eine leuchtend gelbe Fraport-Sicherheitsweste mit Namensschild. „Wir wissen aus vielen Gesprächen und Umfragen, dass die Mehrheit positiv zum Airport steht. Diesen Menschen und dieser Bewegung wollen wir eine Plattform und ein Gesicht geben.“

Verluste durch Nachtflugverbot

In der medialen Öffentlichkeit sei manchmal ein anderer, falscher Eindruck entstanden. Natürlich müsse an die Belastungen speziell unter der Anfluggrundlinie gedacht werden. Dies habe man unter anderem mit dem 335 Millionen Euro teuren neuen Lärmschutzprogramm getan. „Es wird leiser werden“, sagt Schulte. Aber auch, es sei Fakt, dass der Flughafen viele tausend Arbeitsplätze biete und weitere schaffen werde. „Viele tausend Unternehmen sind nur deshalb hier, weil es den Airport gibt.“ Dieser sei der Hauptgrund dafür, dass man in Südhessen eine so exorbitant gute Situation am Arbeitsmarkt habe, betont Lufthansa-Chef Christoph Franz bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz im Haus am Dom. Aber der Flughafen müsse auch eine Perspektive haben. Die Konkurrenz schlafe nicht.

Stefan Schulte, Vorstandschef der Fraport AG, und der Lufthansa-Vorstandsvorsitzende Christoph Franz (rechts) stärkten ihren Mitarbeitern gestern bei der Veranstaltung auf dem Römer den Rücken.

Das Nachtflugverbot, so Franz, mache es wegen der dadurch verursachten großen Verluste schwierig, das Cargo-Geschäft „fortzuentwickeln“. Über längerfristige Trends mag der LH-Chef nicht reden. Nur so viel: „Ein Exportweltmeister Deutschland ist ohne exzellente Anbindung nicht denkbar.“ Auch Condor-Chef Ralf Teckentrup spielt das Lied von der Job-Maschine. Man arbeite bereits jetzt ohne Nachtflüge, was erhebliche Auswirkungen bei den Kurz- und Mittelstreckenflügen habe. „Wenn wir aber unproduktiv arbeiten, führt dies zu höheren Preisen“, so Tecken-trup. Dann bleibe nur abzuwarten, wie die Kunden reagieren. Die Luftfahrtmanager werden ihre Sätze Minuten später vor dem Römer wiederholen. Und der Applaus, den ihnen ihre Belegschaften zollen, wird sehr großzügig sein.

Quelle: op-online.de

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