Gefängnisseelsorger für muslimische Gefangene

„Den Hass bekämpfen“

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Konvertit, Gefängnisseelsorger, Islamwissenschaftler: Husamuddin Martin Meyer.

Wiesbaden - Husamuddin Meyer hält inhaftierte radikale Salafisten für „Zeitbomben“. Der aus dem Odenwald stammende Gefängnis- seelsorger will den Hass bekämpfen. Er fordert mehr Betreuung für Muslime - auch nach Entlassung aus dem Knast. Von Thomas Maier

Husamuddin Meyer ist derzeit ein gefragter Mann. Nicht nur die Medien rufen auf seinem Handy ständig an. Seit den Anschlägen in Paris kommen auch viele Anfragen von Schulen oder Richterverbänden, die von dem Imam Näheres über seine Arbeit wissen wollen. Der konvertierte islamische Gefängnisseelsorger, als Horst Martin Meyer im Odenwald-Städtchen Groß-Bieberau (Darmstadt-Dieburg) geboren, betreut muslimische Gefangene in Wiesbaden und Rockenberg. Es sind Jugendliche und junge Männer, die für die Radikalisierung, etwa für den Salafismus, besonders anfällig sind.

Bei der Predigt oder in persönlichen Gesprächen will ihnen der 46-Jährige „spirituelle Werkzeuge“ an die Hand geben. „Wir müssen vor allem den Hass bekämpfen“ sagt Meyer, der aus der weltoffenen islamischen Sufi-Tradition kommt. Über das Interesse an seinen Angeboten ist er selbst erstaunt, weil die meisten jungen Delinquenten gar nichts über den Islam wüssten. „Sie sind auf der Suche. Die Identität als Moslem wird ihnen zugeschoben“, sagt Meyer. Die meisten empfänden sich weder Deutschland noch dem Herkunftsland der Familie zugehörig.

Von den etwa 5000 Häftlingen in Hessen sind laut Justizministerium mehr als 20 Prozent muslimischen Glaubens. Unter den Jüngeren sind es noch weit mehr, in der JVA Wiesbaden sind es etwa 40 Prozent. In ganz Hessen sind aber nur zwei muslimische Betreuer aktiv. „Es sollte genauso wie für katholische und protestantische Häftlinge überall einen islamischen Vollzeit-Seelsorger geben“, fordert Meyer, der selbst lediglich auf Honorarbasis 20 Stunden arbeitet. Erfolgserlebnisse sind möglich, wie er meint. Ideologisiert seien in den Gefängnissen nur ganz wenige. „Es gibt aber viele, die an der Schwelle sind.“ Der Imam, der mit Rauschebart und traditionellem Turban ganz dem Bild des muslimischen Vorbeters entspricht, gibt sich aber keinen Illusionen hin. Religion allein reiche nicht, sagt der studierte Islamwissenschaftler, der aus einer Lehrerfamilie kommt.

Gewalt in deutschen Gefängnissen ist Alltag

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Die Häftlinge, von denen 80 Prozent ohne Schulabschluss sind, bräuchten einen Platz in der Gesellschaft. Nach der Entlassung sollte sie in islamisch organisierten Netzwerken angebunden werden, schlägt Meyer vor. Ganz wichtig seien dabei Jobs - und die Anerkennung des Islams als Teil der Gesellschaft. Meyer ist 2007 von der JVA Wiesbaden engagiert worden. Anstaltsleiterin Hadmut Jung-Silberreis ist voll des Lobes. Mit Hilfe des Imams sei es gelungen, auch Themen wie Ehre, die Rolle der Eltern oder die Gleichberechtigung der Frau mit Häftlingen zu diskutieren. Ganz wichtig sei, dass Meyer Deutsch spreche.

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann hat jetzt die Gelder für die muslimische Seelsorge auf 110.000 Euro aufgestockt. Für Meyer ist dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vor allem, weil in Hessen zahlreiche Verfahren gegen Dschihadisten-Rückkehrer anhängig sind, die in Syrien gekämpft haben. Diese könnten im Fall der Verurteilung dann in den JVA landen - wie in Wiesbaden. Der Gefängnisseelsorger spricht von einer „kleinen Zeitbombe“. „Nicht jeder der zurückkehrt, ist aber radikal“, sagt Meyer. Viele seien traumatisiert und wollten nichts mehr vom Kämpfen wissen. In der JVA sieht der Imam für seine Arbeit jedenfalls Rückhalt - auch weil die Häftlingen in ihm inzwischen bundesweit einen Fürsprecher für ihre Anliegen sehen. „Die waren schon stolz“, sagt Meyer, als er kürzlich in der ZDF-Talkshow bei Maybrit Illner mitdebattierte.

dpa

Quelle: op-online.de

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