Theater im Frankfurter Bolongaropalast

Ensemble außer Rand und Band

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Rivalitäten, Ehezwist und Schauspielerstreik: Es geht rund bei „Barock am Main“

Frankfurt - Das ist das rechte Stücke zur runden Zahl. Das Theater nimmt sich selbst auf die Schippe. Von Stefan Michalzik

Vor zehn Jahren hat der Schauspieler Michael Quast von der Fliegenden Volksbühne das Festival „Barock am Main - Der hessische Molière“ gegründet, der neobarocke, von einem Tabakfabrikanten im 19. Jahrhundert errichtete Bolongaropalast bildet die stilechte Kulisse. Molières große Komödien sind inzwischen aufgebraucht, nun spielt Quasts Truppe das Stück „Der tollkühne Theaterdirektor oder: Die Lieb macht dappisch“. Es handelt sich um eine Geschichte der Hinterbühne, der Autor Rainer Dachselt hat sie in ein gemäßigtes Südhessisch übertragen, Grundlage sind die beiden selten gespielten Molièrestücke „Das Stegreifspiel von Versailles“ und „Der eingebildete Hahnrei“.

Ein erstaunliches Phänomen. Ein Festival spezialisiert sich auf einen Autor, in mundartlichen Übertragungen, die der 2011 verstorbene Dramatiker Wolfgang Deichsel in den siebziger Jahren im Sinne eines kritischen Volkstheaters für das Theater am Turm geschaffen hatte. Das Prinzip von Barock am Main ist vom Anfang bis heute das Gleiche: Nicht mehr als die blanke Bühne und die im Zeitstil aufgemachten Schauspieler. Gleichsam historisierendes Theater nach Art der Zeit Molières, mit einer drastischen Mimik. Ein derart fokussiertes Programm ist ein Wagnis. Quast und seine Leute haben damit gewonnen. Beständig ziehen sie ein großes Publikum. Das Amüsement ist sicher. Unvermindert. Die Truppe, einige Gesichter sind schon seit Beginn der Vorgeschichte bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel bekannt, befindet sich auf der lichten Höhe ihrer Möglichkeiten.

Alles ist in einer liebevollen Weise stilsicher gestaltet und hat Esprit. Von Kostümen, Perücken und Masken über das in jedem Moment punktgenaue Timing - Regie: Sarah Gross mit Martin Ratzinger - bis hin zur spontanen Umdeutung der Texthänger zum Ulk. Die Geschichte ist mit Finesse simpel. Der von Michael Quast gespielte Theaterdespot ist bankrott. Mit der Vorbereitung eines neuen Stücks auf fürstliche Einladung pressiert es gewaltig. Die Schauspieler agieren auf das Lächerlichste stümperhaft, schwappen aber über vor Selbstbewusstsein. Rivalitäten und Ehezwist toben. Der junge Liebhaber - Dominic Betz - kommt aus Kassel und plädiert auf die Hochsprache - obschon es doch um ein Possenspiel in Frankforder Mundart geht. Schließlich streikt die ganze Truppe und will abwandern zur Konkurrenz. Blitzt dort ab und kehrt reumütig zurück. Zur Vorstellung schließlich ist ein tragender Schauspieler betrunken - ein Meisterstück von Matthias Scheuring.

Kurzum: Es geht drunter und drüber. Die grotesk-grazil markierten Ohnmachtsanfälle von Pirkko Cremer erweisen sich als ansteckend. Wie es den dicksten trifft, hebt es beim Schlag auf die Bretter das Ensemble ein paar Zentimeter vom Boden ab. Es gibt ein possierlich-lustiges Hanswurstpaar - Ulrike Kinbach und Alexander J. Beck - samt Running Gag um einen Gurkenphallus. „Es gibt ja Leut, die sache: als des gleiche“, heißt es einmal. „Ich sach: un immer doch e bissche anners.“ So bringt das Ensemble die Dinge mit ironischem Augenschlag auf den Punkt. Derart vital mögen sie getrost weiter machen. Ein vergleichbares Niveau ist in der sommerlichen Festivalunterhaltung so schnell nicht zu finden.

Quelle: op-online.de

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