Architekturmuseum zeigt Modelle und Materialien des Studios Mumbai – und keine Skizzen

Design mitten im Dschungel

Frankfurt - Mit kollektiver Kreativität gegen pedantischen Planungswahn: Die Häuser des Studios Mumbai lieben Linien, Muster, Geometrie – und das Unberechenbare der Natur. Von Eva-Maria Lill 

Das Deutsche Architekturmuseum zeigt bis August, warum sich Chaos und Ordnung nicht ausschließen – vor allem nicht im Kopf von Bijoy Jain. Irgendwo in einer indischen Mango-Plantage steht ein Haus aus Holz und weißem Industrienetz. Eigentlich ist es gar kein Haus, sondern ein Modell. Eines, in dem Menschen wohnen, quasi ein architektonischer Probelauf. Wer isst, schläft, arbeitet, erkennt schnell, wo Schwächen im Raumkonzept schlummern. Und zwar viel besser als auf schnöden Skizzen. „Argonet“ heißt das aktuelle Projekt des Architektur-Büros Mumbai. Es ist exemplarisch für das Konzept des preisgekrönten Studios. Unter Chef Bijoy Jain kommunizieren Arbeiter lieber über Modelle als über Millimeterpapier. Wenn es sein muss, eben lebensgroß. Oder winzig klein. Streichholzbreite Holzsäulen, 15 000 fingerlange Lehmquader, gebrannte Ziegel, kaum größer als ein Zeh: Zwischen all dem können Besucher des Deutschen Architekturmuseums ab heute wandeln.

Innenhöfe und Schattenoasen zählen zu den Spezialitäten des Studio Mumbai – hier im westlichen Stadtteil Pali Hill.

Die Ausstellung „Between The Sun And The Moon – Studio Mumbai“ startete in Bordeaux, kam über Kopenhagen nach Frankfurt. Sie ist vor allem Materialschau und Modell-Werkstatt. In Regalen reihen sich Farbeimer, karmesinrot, ockergelb, wasserblau. Daneben archaische Werkzeuge, Lichtskulpturen, Negativformen aus Teer, die schweres Aroma in die Luft schwitzen. Nicht nur Bijoy Jains Verständnis von Design ist sinnlich, auch die Ausstellung riecht, fühlt. Besonders nach Holz, Lehm, Bambus. Nicht umsonst trägt die Schau die Unterzeile „Die Wiederentdeckung des indischen Handwerks“. In jedem Exponat schlagen zwei Seelen: die der klaren, kantigen Moderne und die einer respektvoll veränderten und dennoch wildgewucherten Natur. Bijoy Jain wurde zwar in Indien geboren, studierte aber in den USA, genauer bei Richard Meier. Der renommierte Architekt zeichnet sich unter anderem für die Schärfe des Museums Angewandte Kunst in Frankfurt verantwortlich.

Erst spät kehrt Jain nach Indien zurück, gründet dort 2005 sein Studio Mumbai. „Ich stellte eine Reihe von Skizzen und technischen Beschreibungen zusammen und gab sie den Handwerkern – sie hatten aber keine Ahnung, wie man einen Bauplan liest“, erinnert sich der Architekt. Daraufhin warf er sein Konzept um und eröffnete einen Spielplatz für Ordnung und Chaos mitten im Dschungel. Sein größter Meister: die Umwelt. Dirigiert von Monsun, Hitze und Material verlässt er sich auf die Perfektion des natürlichen Fehlers – kein Stein wie der andere, kein Brett sieht gleich aus. „Ich musste zunächst meine architektonische Arbeitskultur aufgeben und eine praktisch ausgerichtete Kultur des Bauens einführen. Erst nach einiger Zeit mündete das wieder in Architektur“, erklärt Jain.

Die wenigsten seiner rund 100 Mitarbeiter sind Architekten, die meisten Steinmetze, Maurer, Möbelschreiner. Gemeinsam entwickeln sie Modelle, bauen Häuser. Skizzen gibt es höchstens auf Sperrholz mit Kreppband-Streifen. Zwischen den Tischen seiner „Werkstatt“ strecken Kokospalmen ihre knorrigen Farne in den Himmel, Arbeiter fläzen barfuß auf Holztischen. Eine unaufgeregte Kreativität, die mit deutschem Genauigkeitswahn kaum vorstellbar ist.

„Between The Sun And The Moon – Studio Mumbai“ ist von heute bis zum 21. August im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, Schaumainkai 43, zu sehen. Geöffnet: dienstags sowie donnerstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 11 bis 20 Uhr, montags geschlossen, Führungen: samstags und sonntags um 15 Uhr.

Quelle: op-online.de

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