Deutsche Fachwerkstraße

Architektonische Kostbarkeiten

Frankfurt/Fulda - Fachwerkbauten prägen viele Regionen in Hessen. Sie sind Schmuck und Stolz von Städten und Hausbesitzern. Wer die Schätze besichtigen möchte, ist auf der Deutschen Fachwerkstraße richtig. Von Jörn Perske und Carolin Eckenfels 

Typisch Deutsch - und ein Markenzeichen in Hessen: die Fachwerkbauweise. Kein anderes Land besitzt einen so reichhaltigen Fachwerkschatz wie Deutschland. 2,5 Millionen Bauten dieser Art sind noch bundesweit erhalten. Errichtet vor Jahrhunderten haben sie es dank ständiger Renovierung und Sanierung in den modernen Alltag geschafft. Nun stehen Computer neben alten Balken, Flachbildfernseher vor Lehmwänden. Fachwerk fasziniert, zieht Touristen an, hat aber auch mit den Problemen des 21. Jahrhunderts zu kämpfen. Wer die Vielfalt des Fachwerkbaus kennenlernen möchte, kann entlang der Deutschen Fachwerkstraße reisen, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Hier reihen sich die architektonischen Kostbarkeiten wie an einer Perlenkette. Die Ferien- und Kulturstraße ist eine der längsten in Deutschland und führt über 3000 Kilometer von der Elbe im Norden bis zum Bodensee im Süden.

„Fachwerk scheint zwar auf den ersten Blick nicht unbedingt sexy, wenn es um Attraktivität und Aufmerksamkeit bei Touristen geht“, räumt Architektur-Professor Manfred Gerner ein. „Aber Fachwerk ist identitätsstiftend für eine Stadt. Und je mehr man vom Thema versteht, umso begeisternder ist es.“ Gerner (76) ist Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte mit Sitz in Fulda. Sie kümmert sich um den Erhalt und die Pflege des Fachwerks.

Das kostet diejenigen, die ein historisches Fachwerkhaus kaufen und sanieren, nicht nur Geld, sondern auch Nerven. Nicht selten dauert es Jahre, bis alles fertig ist. Alte Fachwerkhäuser haben den Vorteil, dass darin natürliche und unbedenkliche Materialien verwendet wurden, erklärt Stefan Schäfer, Direktor des Instituts für Konstruktives Gestalten und Baukonstruktion an der Technischen Universität Darmstadt. Der Lehmputz regle außerdem den Feuchtigkeitshaushalt gut. Aber es gibt Nachteile: Fachwerkhäuser sind hellhörig und energetisch gesehen „nach heutigen Maßstäben leider eine Katastrophe“. Dennoch müsse sich die Gesellschaft solche Gebäude leisten können und erhalten, betont Schäfer. „Fachwerkhäuser sind auf jeden Fall etwas für Nostalgiker, es sind Gebäude mit extrem viel Charme.“

Immer mehr Besucher aus dem Ausland

Und das zieht gerade Touristen an. „Die Fachwerkstädte zählen zunehmend Besucher aus dem Ausland, vor allem von Gästen aus Asien“, sagt Experte Gerner. Beim Deutschen Tourismusverband in Berlin und bei der Deutschen Zentrale für Tourismus in Frankfurt genießt die Fachwerkstraße den Ruf, eine der bedeutendsten Ferien-Routen in Deutschland zu sein. Wer sie bereisen möchte, sucht sich angesichts der Länge meist eine Teilstrecke aus. Die Straße ist in sechs Regionalrouten unterteilt. Durch Hessen führt unter anderem der Abschnitt „Vom Weserbergland über Nordhessen zum Vogelsberg und Spessart“.

Zu entdecken gibt es zum Beispiel die älteste Fachwerkkirche Hessens in Gelnhausen oder eine Rarität in Steinau an der Straße: Dort steht im alten Ortskern das einzige noch erhaltende Gebäude, in dem die Brüder Grimm wohnten. Heute ist in dem Fachwerkbau von 1562 ein Museum untergebracht, zu Ehren der weltbekannten Märchensammler Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm. Sie verlebten dort von 1791 an einige Jahre ihrer Kindheit.

Fachwerkhäuser in Hessen

Eine weiter westlich verlaufende Regionalroute passiert Dillenburg, Wetzlar und Limburg. Auf einer anderen im Süden geht es vorbei an Hanau, Seligenstadt und Erbach im Odenwald. Angesichts dieser Vielfalt bilanziert Gerner: „Die Deutsche Fachwerkstraße verbindet idyllische Fachwerkstädte, reizvolle Landschaften, geschichtsträchtige Schauplätze, liebevoll restaurierte Denkmale und die Menschen, die dort leben.“

Doch die alten Fachwerkbauten sind auch bedroht: vom Zahn der Zeit, der an ihnen nagt, und vom Bevölkerungsrückgang. Die meistenGebäude stammen aus dem 15. bis 19. Jahrhundert. „Ein Problem vor allem für die Städte nördlich des Mains ist der demografische Wandel“, erklärt Gerner. Politik und Gesellschaft müssten versuchen, das Leben in Fachwerkstädten attraktiv zu gestalten, um eine Landflucht zu verhindern. Um Besucher aus Deutschland, aber auch aus aller Welt anzulocken, die Geld in die Region bringen, mit dem auch Fachwerk saniert werden kann, unternimmt der Fachwerkstraßen-Verband einiges. So werden zum Beispiel Gästeführer ausgebildet.

Baudenkmäler in Rodgau

Quelle: op-online.de

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