„Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ am Schauspiel

Großstadtroman als Musikrevue

+
Im Strudel den Halt verloren: Sascha Nathan als Franz Biberkopf, Martyn Jacques und Till Weinheimer in der schwarzhumorigen, melancholischen Erzählung

Frankfurt - Mit der Bühnenadaption des Großstadtromans von Alfred Döblin setzt das Frankfurter Schauspiel ein Ausrufezeichen zum Saisonauftakt. Von Stefan Michalzik

Das dürfte ein Renner werden. Ein literarischer Klassiker, in zugänglicher Weise auf die Bühne gebracht, mit der Musik einer Band, die eine gewisse Popularität besitzt. Oliver Reese, der scheidende Intendant des Frankfurter Schauspiels, hat zu Beginn seiner vorletzten Spielzeit vor dem Wechsel an das Berliner Ensemble einen Coup gelandet. Unter dem Titel „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ hat Alfred Döblin selbst seinen Roman „Berlin Alexanderplatz“ als Hörspiel bearbeitet; in der Inszenierung von Stephanie Mohr spielt das Trio The Tiger Lillies eine fundamentale Rolle.

Es ist eine Gratwanderung. Mit dieser musikalischen Theatererzählung ließe sich gut ein Erfolg auf einem der vielen sommerlichen Freiluftfestspiele landen. Aber nichts gegen Stephanie Mohrs Ansatz. Es handelt sich schon um ihre dritte Arbeit mit der Band The Tiger Lillies, nach Büchners „Woyzeck“ und Felix Mitterers „Die Weberischen“, beides in Wien. Mit ihrem revuehaften Stil knüpft sie an Brecht/Weill an - wenn man so will theaterhistorisch getreu zu Zeit und Ort des Romans. Mit „Berlin Alexanderplatz“, veröffentlicht 1929 und ob seiner frappierenden Modernität zuerst heftig umstritten, hat der später unter den Nazis ob seiner jüdischen Abstammung ins Exil getriebene Alfred Döblin den deutschen Großstadtroman geschaffen.

Die Polyphonie aus Bibelzitaten und Reklamesprüchen, Schlagertexten und Zeitungsmeldungen, Geräuschen und Anekdoten kommt am Anfang der Inszenierung wirksam zum Tragen. Die weit aufgerissene schwarze Halle von Miriam Busch ist ein treffendes Bild für ein modernes Babylon, in dessen Strudel der Einzelne den Halt verlieren kann. Ein pointiertes Interieur - eine Galerie Würste oder eine Reihe Stühle - schwebt an Trägern vom Schnürboden herab. Zwei Scheinwerfer machen ein Auto.

Franz ist kein übler Kerl

Die Musiker von The Tiger Lillies, voran der Sänger, Songschreiber und Klavierspieler Martyn Jacques übernehmen die Rolle des Chores im antiken Drama. Ein ständiger Begleiter ist auch Till Weinheimer als der Tod, er ist der Erzähler in dieser szenischen Moritat. Die Gesichter sämtlicher Schauspieler mit Ausnahme von Sascha Nathan als Franz Biberkopf sind nach dem Vorbild von The Tiger Lillies weiß getüncht, in Gruppenszenen tragen sie auch die viktorianischen Kostüme.

An sich ist der Franz kein übler Kerl. Der Transportarbeiter hat zwar wegen Totschlags an seiner Freundin im Gefängnis gesessen, nun hat er sich jedoch vorgenommen, anständig zu werden. Kleinkrämerisch verheddert er sich dabei, schlittert in die Kriminalität hinein, gerät unter die Räder, wird Opfer der Gewalt. Dieser lebenspralle Typus, in dem das Gute und das Böse gleichermaßen steckt, könnte leicht zur Beute eines wirkungsbeflissenen Großmimen werden, der tief in die Trickkiste greift. Sascha Nathan tut das zum Glück nicht, sein Spiel, seine Komik ist wunderbar diskret. Die Figurenzeichnung im Ensemble - unter anderem mit Paula Hans, Josefin Platt, Felix Rech und Christoph Pütthoff - ist meist klar, streng und pointiert. Alle miteinander berlinern, das Kolorit bleibt aber unaufdringlich.

Einhelliger Applaus am Ende von zweieinhalb Stunden eines geradlinig herzhaften Theaters, das es seinen Zuschauern leicht macht - vollends ohne den üblen Beigeschmack des Populismus.

Nächste Aufführung am 24. September. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

Kommentare