Dieb und Geizkragen

+
In der Frankfurter Innenstadt kann man noch bis zum 21. Mai den Superstar im Energiesparen treffen. Das „Plus-Energie-Haus“ ist vollgestopft mit High-Tech. Wer hier lebt, wohnt warm und zahlt keine Heizungs- oder Stromrechnung mehr. Im Gegenteil: Das „Plus“ im Namen bedeutet, dass mehr Energie produziert als verbraucht wird.

Vielleicht wird ja doch noch alles gut - so in 15 oder 20 Jahren. Wahrscheinlich geht‘s weiter mit der Klima katastrophe, und die Energie wird auch immer knapper und teurer. Von Michael Eschenauer

Unsere Tüftler haben aber womöglich trotzdem nicht geschlafen und wir duschen warm, trinken unseren Kaffee heiß, müssen zuhause nicht immer in Schafswolle herumlaufen und werden trotzdem nicht von den Energiekosten aufgefressen. Manche von uns sind vielleicht sogar noch weiter: Sie leben genauso gut, zahlen aber überhaupt nichts für Strom, Gas oder Heizöl.

Wer in diesen Tagen in Frankfurt über den Rathenauplatz geht, stolpert über die schöne neue Welt der Energie-Geizhälse. Mitten auf dem beleben Areal steht auf einem imposanten Podest eine Art Holzschachtel. Ihr Name: „Plus-Energie-Haus“. Die beiden Diplomingenieure im Bereich Architektur, Leon Schmidt und Dieter Blome, zeigen den Besuchern der Schachtel, was in Sachen Energiesparen heute schon möglich ist, und wie das eigentlich funktionieren könnte - das mit der wegfallenden Heizöl- und Stromrechnung.

Diplomingenieur Dieter Blome zeigt den Aufbau einer Wand des Plus-Energie-Hauses. Hocheffektive Dämm- und Wärmeregulierungsmaterialien vermindern Energieverluste. Trotzdem muss der Bauherr keine superdicken Wände hochziehen.

„Im Jahre 2006 war diese Technik Zukunftsmusik, aber auch heute sind wir mit dem Haus noch voll auf der Höhe der Zeit“, sagt Ausstellungsbetreuer Blome. Sein 120 Quadratmeter großer Mini-Bungalow im Bienenstock-Look hat zwei wichtige Charakterzüge: Er ist ein Dieb und ein Geizhals. Er klaut mit den neuesten Tricks der Umwelt so viel Wärme, dass er keine zusätzliche Energiequelle benötigt, und zugleich ist seine Hülle fast so dicht wie eine Thermoskanne. „Energie? Nee, mir gebet nix!“ Ein Geldesel ist das Häusle auch noch: Mit Hilfe von Solarzellen auf Dach und Seitenwänden produziert es so viel Strom, dass pro Jahr 10.000 Kilowattstunden zusammenkommen. Genug, um zwei vierköpfige Haushalte zu versorgen.

Vorteil: System lässt Wände relativ dünn und kostet wenig Wohnfläche

„Gut dämmen, wenig verbrauchen, mehr produzieren als verbrauchen“, lautet Blomes Katechismus. Hilfreich ist dabei die kompakte Bauweise des Hauses. Seine Fassade ist weitgehend transparent. Sie besteht unter anderem aus schweren Holz-Schiebetüren mit Drei- und Vierfachverglasung. In die Wände, die mit ihrem Holzfachwerk an Fertighäuser erinnern, sind „Vakuum Isolationspaneele“ eingearbeitet. In deren luftleerem Inneren befindet sich eine Art staubförmige Kieselsäure. „Wir erzielen damit eine extrem gute Dämmwirkung. Ein Zentimeter Isolationspaneel isoliert so gut wie zehn Zentimeter Mineralwolle“, so Blome. Weiterer Vorteil: Das System lässt die Wände relativ dünn und kostet wenig Wohnfläche.

Die Innenwände der Sparbüchse wurden mit Platten aus Gipsfaserzement verschalt, in die Wachskügelchen eingebettet sind. Ihr Vorteil: Das Wachs schmilzt bei 23 Grad, also genau dann, wenn die Wohlfühltemperatur überschritten wird. Durch den Schmelzvorgang wird die überschüssige Energie gebunden und sickert, sobald es wieder kälter und das Wachs wieder hart wird, zurück in den Raum.

Dickes Fell: Dreifachverglasung und schwere Holzrahmen sorgen dafür, dass die Kälte draußen bleibt.

Der Glasfassade vormontiert sind Faltwände aus Holz. Ihre Lamellen tragen Solarzellen, die sich selbstständig in einen optimalen Winkel zur Sonne ausrichten. Normalerweise heizt die Sonne durch die großen Fenster mit. Wird es aber im Sommer zu heiß, klappt man den Solarzellen-Sichtschutz vor. Im Inneren wird es dann kühler, gleichzeitig läuft die Stromgewinnung auf Hochtouren. Im dunklen und kalten Winter können die Bewohner die Klappläden öffnen, um wärmendes Sonnenlicht zu nutzen. Der auf dem Dach und in den Lamellen gewonnene Strom wird komplett ins öffentliche Netz eingespeist - und vom Energieversorger bezahlt. Das freut die Brieftasche des Hausherrn, der, wenn er möchte, auch sein Elektroauto mit dem selbst produzierten Saft aufladen kann.

Weiter zählt zur Mannschaft ein Wärmetauscher, bei dem verbrauchte Luft auf dem Weg ins Freie ihre Wärme an jene Frischluft abgibt, die in das Haus einströmt. Der Mief darf gehen, muss aber vorher die Wärme an seine Erzeuger zurückgeben. „Dadurch bleiben bis zu 80 Prozent der Wärmeenergie im Haus, obwohl wir lüften“, so Blome. Reicht das nicht, muss mit der Sonne zugeheizt werden. Auf dem Dach befindet sich ein „Solar-Thermie-Element“, bei dem sich eine Speicherflüssigkeit in einem Leitungsnetz mit Hilfe der Sonnenstrahlen aufgeheizt. Sie fließt zu einem Wassertank im Innern und erwärmt dort 200 Liter auf bis zu 90 Grad. Der Tank versorgt dann nicht nur Dusche und Waschbecken im Haus, sondern erwärmt auch die Innenluft weiter.

Pro Mensch werden rund 40 Watt Wärme frei

Jetzt kommt die Wärmepumpe: Sie führt Speicherflüssigkeit in Röhren durch die Außenluft und entzieht dieser ihre Wärmeenergie. Dann drückt der Pumpmechanismus die aufgewärmte Speicherflüssigkeit zusammen, was weitere Energie freisetzt (Ähnliches kann man bei einer Luftpumpe beobachten, die bei längerem Pumpen warm wird). Die so gewonnene Wärme wird ebenfalls an die Innenluft abgegeben.

„Das Prinzip funktioniert bis zu einer Temperatur von minus 20 Grad“, so Blome. Denn trotz dieser Eiseskälte ist immer noch genug Energie in der Außenluft, um sie abzuschöpfen und für die Innenheizung zu nutzen. Nicht zuletzt heizen auch die Bewohner durch ihre Körper fleißig mit. Pro Mensch werden rund 40 Watt Wärme frei. Die Technik der Luft-Wärmung lässt sich übrigens auch umdrehen - im Sommer kühlt‘s dann. Beleuchtet wird das Gesamtkunstwerk mit viel Tageslicht (gratis) und LED-Lampen (stromsparend).

Das Plus-Energie-Haus am Rathenauplatz in Frankfurt, wenige Schritte von der Hauptwache entfernt, ist täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen gibt es wochentags um 12 Uhr, samstags und sonntags um 14 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Der Darmstädter Architekturprofessor Manfred Hegger, der zusammen mit 25 angehenden Architekten und Ingenieuren an der Technischen Universität Darmstadt das Haus entwickelt hat, weist den Begriff „visionär“ in Zusammenhang mit seinem Konzept zurück. Die verwendete Technik sei allgemein zugänglich, das Haus könne sofort in Serie gehen. Dies ist allerdings noch nicht der Fall. Immerhin hat der Freiburger Architekt Rolf Disch bereits eine größere Anzahl an Plus-Energie-Häusern gebaut.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare