Häufung durch Banden

Organisierte Diebestouren in Elektronikmärkten

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Offenbach/Dietzenbach - Die Ware ist hochwertig, die Ladenfläche groß, die Atmosphäre eher anonym – in Elektronikmärkten fühlen sich Diebe wohl. Von Ralf Enders 

Nicht nur die kleinen, die mal einen USB-Stick mitgehen lassen, sondern vor allem die großen, die bandenmäßig und bestens organisiert vorgehen. Im Rhein-Main-Gebiet scheinen sie derzeit mal wieder auf Tour zu sein.

Beispiel Media Markt im Dietzenbacher Rathaus-Center: Geschäftsführer Jörg Welker beklagt eine starke Zunahme der Diebstähle; seit Mitte Dezember seien dort 19 Notebooks und 45 Kameras im Gesamtwert von etwa 18.000 Euro gestohlen worden. Am vergangenen Freitag wurde ein Täter auf frischer Tat ertappt: Zwei hochwertige Spiegelreflexkameras hatte er in einer präparierten Tasche, die den Alarm der sogenannten Warensicherungsetiketten an der Kassenschleuse stumm bleiben lässt. Der 27-jährige Rumäne, der zu einer gewerbsmäßigen Bande gehören dürfte, wurde nur erwischt, weil Mitarbeiter des Marktes misstrauisch geworden waren.

Schnell wieder auf freiem Fuß

Welker ist stinksauer, dass solche Täter in der Regel schnell wieder auf freiem Fuß sind: „Das sind Leute, die sowohl bei uns als auch in Märkten in Neu-Isenburg und Weiterstadt gestohlen haben. Am nächsten Tag sind sie wieder frei.“ Und er ist sicher: „Das sind Profis, keine Freizeitdiebe.“ Ulrich Hauck, Geschäftsführer des Saturn-Marktes im Neu-Isenburger Isenburg-Zentrum, bestätigt den Banden-Verdacht: „Auch wir haben seit dem Weihnachtsgeschäft eine deutliche Zunahme registriert.“

Die Polizisten im Diebstahlskommissariat K21 des Polizeipräsidiums Südosthessen in Offenbach kennen freilich ihre Pappenheimer. Eine außergewöhnliche Zunahme von Diebstählen in Elektronikmärkten der Region könne die Polizei derzeit aber nicht ausmachen, sagt Sprecher Ingbert Zacharias. „Diese Märkte sind generell ein Spielplatz für Diebe.“ Es sei möglich, dass es in der einen oder anderen Filiale mal Häufungen gebe, aber in der Gesamtheit sei in den vergangenen Wochen „kein rasanter Anstieg“ zu beobachten. Fabian Wenderoth, im Dietzenbacher Media Markt für die Sicherheit zuständig, spricht dagegen ebenfalls von Banden aus Osteuropa, die ins Rhein-Main-Gebiet kommen und für einige Zeit hier auf Diebestour gehen. „Es gibt einige aktuelle Fälle – auch in Wiesbaden und Frankfurt“, sagt er.

Hoher finanzieller Schaden

Der finanzielle Schaden, den die Diebe anrichten, ist höchst unterschiedlich. „In einem normalen Monat ohne Banden sind es vielleicht 200 Euro“, berichtet der Sicherheitsexperte. In den vergangenen Wochen dagegen waren es in Dietzenbach 18.000. Geschäftsführer Welker berichtet, dass 2013 „fast gar nichts“ gestohlen worden sei. Dann gebe es wieder Trickdiebstähle, bei denen auf einen Schlag ein Schaden von 30.000 Euro entsteht. Zudem hingen die Diebstähle auch davon ab, was gerade aktuell sei. Welker: „Wenn ein neues Fifa-Spiel (ein Fußball-Simulationsspiel, d. Red.) erscheint, dann werden schnell auch mal 20 Stück gestohlen.“

Wenderoth erzählt, wie die Festnahme eines Ladendiebs ablaufen muss: „Die Vermutung alleine reicht nicht, um eine Tasche an der Kasse zu durchsuchen, wir müssen schon direkt oder per Überwachungskamera sehen, dass einer etwas verschwinden lässt.“ Und warten, bis er die Kasse hinter sich hat, denn erst dann ist’s offiziell ein Diebstahl. Die Markt-Mitarbeiter müssten in einem solchen Fall sofort die Polizei rufen. Sie dürfen den vermeintlichen Dieb zwar festhalten, aber nicht alleine seine Taschen durchsuchen. „Bauchgefühl“, sagt Wenderoth, sei wichtig bei der Entscheidung, einen Marktbesucher per Kamera besonders unter die Lupe zu nehmen.

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Wenderoth zufolge gibt es auch technische Möglichkeiten, die präparierten „Abschirm“-Taschen wirkungslos zu machen. „Aber das ist ein größerer Aufwand, auch finanziell“, sagt er. Gleichwohl denke man in Dietzenbach über neue Technik gegen Ladendiebe nach.

Auf freien Fuß kommen die Diebe in der Tat schnell wieder – aber daran ist die Polizei nicht schuld. Sprecher Zacharias: „Wird einer erwischt, muss er mit aufs Präsidium zu Vernehmung und erkennungsdienstlicher Behandlung.“ Habe er einen festen Wohnsitz, „und sei’s ein Zimmer im Hinterhaus“, komme er eben mit einer Anzeige am Hals wieder frei. Ein Staatsanwalt müsse schon Fluchtgefahr erkennen, um einen Täter festhalten zu können – höchst unwahrscheinlich. Hat ein Dieb keinen festen Wohnsitz, kann der Staatsanwalt Haftantrag stellen. Zacharias: „Aber das ist Sache der Justiz, wir machen die Ermittlungsarbeit.“ Gleichwohl beobachtet der Polizeisprecher, dass manche seiner Kollegen angesichts der Rechtslage „schon mal mit den Zähnen knirschen“.

Quelle: op-online.de

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