Senaid Salkicevic zeigt Stärke auch außerhalb des Rings

Amputierter K1-Kämpfer: Ihm fehlt nichts

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„Er kämpft wie ein Presslufthammer“, sagt Trainer Dino über Senaid (links, hier beim Sparring). Mit dem rechten Bein darf er im Kampf nicht treten.

Dieburg/Aschaffenburg - Als Junge hat Senaid sein rechtes Bein im Krieg verloren. Heute ist er einer der besten Kampfsportler der Region. Ein Blick in ein Leben, das kein Rückwärts kennt. Von Sarah Neder

Senaid Salkicevic sitzt am Rand der Trainingsmatte, die Beine übereinandergeschlagen. Er trägt ein schwarzes  T-Shirt und orangefarbene Satin-Shorts mit breitem Bund und Schlitzen an den Seiten. Seine Frisur ist zum Boxerschnitt getrimmt. Das Training ist vorbei. Senaid fädelt weiße Bandagen durch seine Finger, schaut auf, die in Form gebrachten Augenbrauen ziehen sich zusammen. „Für mich gab es nie das Wort ,unmöglich‘“, sagt er.

25. Mai 1994, Tesanj, Bosnien: Senaid ist acht Jahre alt, fast neun, spielt vor dem Haus, wo er mit seinen Eltern lebt. Provinzielle Idylle, bis die Flieger am Himmel stehen. Kurz darauf explodiert Senaids Welt, reißt sein Bein ab, tötet den Vater, den Jungen fast. Das war der Tag, an dem die Serben kamen.

K1 vereint klassisches Boxen, Karate, Muay Thai und Kickboxen

21 Jahre später in einer Trainingshalle in Aschaffenburg, die sich Arena nennt. Schweiß beißt in die Nase, sitzt im gepolsterten Plastikboden, in den schwarzen Sandsäcken, die wie überreife Früchte von der Decke hängen. Den Geruch von Ehrgeiz vertreibt kein gekipptes Fenster.

Links, rechts, links, Haken mit der Rechten. In die Leber. „Haaaarrr! Haaaarrr! Haaaarrr!“ Senaid bellt zu jedem Schlag, treibt seinen Gegner über den vier mal vier Meter großen Ring aus Kunststoff. Der Körper ist angespannt, die Fäuste bereit zum Losschießen – alles an Senaid steht auf Angriff. Dann mit dem linken Bein, ein Tritt wie ein Katapult. Haut klatscht auf Haut. Das rechte stemmt sich in den weichen Boden. Niemals kickt er damit. Das wäre unfair, denn es besteht aus Karbon, Metall und Plastik.

Das Bein aus Fleisch und Blut endet eine Hand breit unter dem Knie in einem runden Stumpf. Seit der Amputation vor 21 Jahren trägt Senaid eine Prothese, ist mit ihr in der Kampfkunst K1 einer der Besten der Region geworden. K1 vereint Techniken aus dem klassischen Boxen, Karate, Muay Thai und Kickboxen. Würfe, Ellenbogen und das Umklammern des Gegners sind verboten.

Leichtfüßig passt Senaid den Abstand zum Gegner an. Die Fäuste bis zur Nase gezogen, lauert er wie ein Frosch, der seine Beute mit pfeilschneller Zunge jagt. Für den nächsten Kampf am 20. Juni trainiert Senaid seit Wochen. Tagsüber arbeitet er als Kfz-Mechaniker, abends schwitzt er für die Titel. Sein Trainer Dino jedes Mal mit.

Die Amputation sei kein Nachteil, betont Senaid oft

Senaid geht immer nach vorne - und das nicht nur im Ring.

„Senaid ist einer, der nur nach vorne geht“, sagt Dino. „Er kämpft wie... wie heißt das? Ein Presslufthammer!“ So schnell und kräftig sei sein Schüler. „Von mir aus kannst du auch noch sein zweites Bein amputieren, er wäre immer noch gut.“ Viele unterschätzten Senaid wegen seiner Prothese, sagt Dino.

Oktober 2014: Ein Rumäne fordert Senaid im Kampf um den Weltmeistertitel heraus. Stapelt hoch und fällt tief. Er geht in der dritten Runde nach einem High-Kick gegen den Kopf zu Boden. Sieg durch K.o. für Senaid.

Die Amputation sei kein Nachteil, betont Senaid oft. Auch früher nicht, als die Wunden noch frisch waren. Er wandert als Neunjähriger mit seiner Mutter nach Deutschland aus, wächst in Erzhausen bei Darmstadt auf. Mit dem neuen Bein zum Anstecken kommt er schnell zurecht, riskiert bald so viel wie Gleichaltrige, dann sogar mehr. Als Zwölfjähriger beginnt er mit dem Fußball, das wird ihm schnell langweilig. Er wechselt zum Breakdance. „Die Figuren waren nie ein Problem “, sagt Senaid.

Denkmale aus Tinte erzählen Senaids Geschichte

Mit 16 lernt er Muhammed Gür kennen, den damaligen Deutschen Meister im Kick- und Thaiboxen, geht mit ihm ins Training und hat von da an „jede freie Minute im Gym verbracht“. Wenn Senaid von früher erzählt, dann scheint es so, als fehle ihm nichts. Als habe ihm nie etwas gefehlt.

Bereit für das nächste Training,   barfuß  und  ohne T-Shirt steht Senaid im Ring. Jetzt zeigen sich schwarze großflächige Tattoos, erzählen seine Geschichte mit wenigen Bildern und Buchstaben. Die linke Brust, über dem Herz – dort hat er sich einen massiven Revolver stechen lassen. Amir steht daneben. Amir war sein Vater. Rechts auf den Rippen – sieben Zahlen, ein Datum. 25.5.1994. Wie ein Denkmal aus Tinte unterstreichen sie eine pflaumengroße Narbe. „Das waren Bombensplitter. Meine Lunge ist zusammengefallen. Im Krankenhaus wurde mir da eine Drainage gelegt“, erklärt Senaid und fährt mit den Fingern über den hellen Fleck.

Ein Mädchenname auf der Innenseite des linken Oberarms. Mejra steht da – Senaids vierjährige Tochter. Neulich hat er sich mit ihr den Action-Film „Transformers“ angesehen. Das Mädchen sieht mächtige Ersatzteilriesen im Fernsehen, schaut auf das rechte Bein ihres Vaters und ruft, „mein Papa ist ein Roboter!“.

Einmal sei ihm die Prothese unangenehm gewesen

Wenn er die Kleine aus dem Kindergarten abhole, trage er immer lange Hosen, sagt Senaid. „Damit ihr die anderen Kinder keine dummen Fragen stellen.“ Sonst hat er keine Scheu, seine Prothese zu zeigen. Im Sommer geht er im Meer baden, fährt in Shorts Motorrad.

Nur einmal sei ihm das Stück Plastik und Karbon unangenehm gewesen. Senaid will in Sarajevo Geld abheben. Als er auf die Schlange vor dem Bankautomaten zusteuert, bilden die Menschen eine Gasse, zeigen auf die Prothese, gewähren ihm Vortritt. In Senaids Heimat Bosnien sind Amputierte nichts Seltenes. Viele haben Arme oder Beine im Krieg oder später auf verminten Feldern verloren. Doch genau dort trifft Senaid das Mitleid der anderen wie ein High-Kick ins Herz. „Mir fehlt nichts“, sagt Senaid, wenn er sich daran erinnert.

Manchmal gaukelt ihm das auch sein Körper vor. Dann, wenn der Phantomscherz wieder kommt. Kurze und heftige Blitze im rechten Fuß. Da, wo eigentlich nichts mehr weh tun kann. Da, wo eigentlich nichts mehr ist. Da, wo Senaid trotzdem nichts fehlt.

Quelle: op-online.de

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