„Geiselnahme im Knast“ entpuppt sich spät als Polizeiübung

Ausnahmezustand rund um Dieburgs Gefängnis

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Da staunte der Passant und der kleine Schuljunge wunderte sich: Rund um Dieburgs Gefängnis in der Altstadt beherrschten Sondereinsatzkräfte gestern stundenlang das Straßenbild.

Dieburg - Die Gersprenzmetropole im Ausnahmenzustand: Schwarzgekleidete und bis an die Zähne bewaffnete Polizisten gleich mehrerer Einsatzkommandos stürmen in der Altstadt kurz nach 9.35 Uhr über Aluleitern das Dach der Justizvollzugsanstalt. Von Thomas Meier

Gleichzeitig riegeln andere Einheiten - teils in Kampfmontur, teils in Uniform und auch in Zivil - Dieburgs Knast hermetisch ab. Stundenlang ist das Gebiet rund um das Gefängnis für Zivilisten tabu: Autos und Passanten werden angehalten, rund um den riesigen Block stehen Uniformierte und leiten alles um. Die Redaktion dieser Zeitung erreichten gestern Morgen umgehend erste Anrufe: Was denn da los sei, der komplette Wallfahrtsplatz hinter der Kirche gegenüber des Gefängnisses stehe voller Polizeiautos, Hundertschaften wieselten im Quartier umher.

Und wahrlich: Vor Ort ein verstörendes Durcheinander. Rotweißes Trassierband um das einstige Kapuzinerkloster, in dem heute die Gefängnisverwaltung untergebracht ist. Vermummte und Uniformierte bewachen den Eingang. Auf dem Dach des JVA-Neubaus laufen hinter dem Stacheldrahtverhau Gestalten. Einer der Beamten, angesprochen was denn da los sei, beschwichtigt. „Alles in Ordnung, nur eine Übung, gehen Sie bitte in die andere Richtung weiter.“ Doch kaum wird er des kleinen Fotoapparates gewahr, erklärt er mit Nachdruck: „Absolutes Fotografierverbot, nehmen Sie sofort die Kamera weg.“ Auch der Presseausweis bringt nichts: „Hier ist gesperrt. Hier gibt es nichts. Gehen Sie ihres Weges.“

Erst gegen 12.18 Uhr erreicht die Redaktionen eines kurze Meldung der Polizeipressestelle Südhessen: „Aktuell führen Einsatzkräfte von Polizei und Justiz eine größere Übung in der Justizvollzugsanstalt Dieburg durch. Im Außenbereich der Haftanstalt kommt es daher zu Absperrmaßnahmen und Verkehrsbehinderungen.“ Die Übung werde bis in die Nachmittagsstunden andauern. Man bitte um Verständnis, dass nähere Einzelheiten zum Übungsinhalt nicht bekannt gegeben werden könnten.

Vor Ort haben die Verschwörungstheoretiker derweil ganz andere Antworten ob der Kennzeichen aus Frankfurt, Kassel, Fulda, Darmstadt und freilich Wiesbaden: „Soviel Polizei kommt nicht wegen einer Übung zusammen“, sagt ein junger Mann, der mit anderen Schaulustigen das Geschehen hinter der Absperrung beobachtet. Einige Schaulustige haben sich bereits ein Vormittags-Bierchen gegönnt. „Spannender als ein Krimi“, lachen sie.

Bilder: Polizeiübung rund um das Dieburger Gefängnis

Munkeln manche von einer Geiselnahme in der Anstalt, die wohl Anlass martialischen Auftrittes sei, so beruhigt ein Rentner, der mit dem Radel vorfährt: „Quatsch, dass ist ’ne Übung. Wenn’s ernst wäre, wäre da drin die Hölle los und alle Inhaftierten würden mit Tellern und Tassen an den Gitterstäben Krach schlagen.“ Er muss es wissen. Er bekochte jahrelang die Gefangenen in Dieburg. Etwas mulmig muss es auch vielen Kindern der nahegelegenen Marienschule geworden sein, als sie vom Schulhof aus den Heimweg antreten wollten. Die doch etwas düster wirkenden Schülerlotsen verfehlten ihre Wirkung nicht.

Am Nachmittag versicherte die Pressestelle der Polizei Südhessen, es sei bald vorüber und alles nur eine Übung. Zu deren Inhalten man freilich nichts sage. Nein, auch nicht zur Anzahl der eingesetzten Beamten. Ja, sie kämen wohl aus dem ganzen Land, aber man solle doch Verständnis haben, solch eine Übung erfolge nicht ohne Grund. „Wir müssen für den Ernstfall gewappnet sein“, heißt es. Und wahrlich: Zur Feierabendzeit werden die Hauptstraßenkreuzungen wieder freigegeben. Langsam lichtet sich der Wallfahrtsplatz auch wieder. Die Polizeiautos, darunter gar zivile ganz ohne Kennzeichen, fahren ab.

Quelle: op-online.de

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