Ob Kerb oder Vereinsfest

Im Gruppenzwang trinken Jugendliche oft zu viel Alkohol

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Endstation Suff: Der Grundstein dafür wird oft schon in jungen Jahren gelegt. Der Kampf dagegen ist mühsam.

Dietzenbach - Alkohol ist die Volksdroge Nr. 1. Der Grundstein für Trinkerkarrieren wird oft in jungen Jahren gelegt, auf Vereinsfesten oder Kerbveranstaltungen. Mediziner und Suchtexperten müssen dicke Bretter bohren für den Wandel in den Köpfen. Von Marina Schwabe

Irgendwann wurde es der Interessengemeinschaft „Haaner Kerbborsche“ zu bunt. So konnte es nicht weitergehen mit den Dreieichenhainer Kerbburschen. Zu oft war es vorgekommen, dass der ein oder andere über die Stränge geschlagen hatte: zu viel Alkohol. Die Interessengemeinschaft, Ausrichter des angeblich größten Kirchweihfests in Südhessen, fackelte nicht lange und holte sich Hilfe. Vier Jahre ist das jetzt her, und genau so lange betreut Christina Heil, Psychologin im Offenbacher Suchthilfezentrum Wildhof, die Kerbburschen.

Wie sie es schafft, den Jungs zwischen 15 und 17 zu vermitteln, dass Trinken bis zum Exzess nichts mit den Tugenden eines guten Kerbburschen zu tun hat, erklärte Heil beim Fachtag Alkoholprävention im Dietzenbacher Kreishaus. Etwa 70 Fachkräfte aus Kinder- und Jugendarbeit, Verwaltung, Schulen und Polizei nahmen auf Einladung des Kreises Offenbach und verschiedener Präventions-Initiativen daran teil. Es war der Abschluss der Aktionswoche Alkohol in Stadt und Kreis Offenbach.

Christina Heil bietet den Kerbburschen ein Präventionsseminar an: Die jungen Leute denken darüber nach, was Alkohol für sie und für die Kerb bedeutet. Sie stellen gemeinsam Trinkregeln und Strafen für jene aus ihrem Kreis auf, die diese nicht befolgen. Die Jugendlichen lernen zudem, Nein zu sagen, wenn etwa ältere Kerbborschen sie zum Saufen überreden wollen. „Es würde natürlich helfen, auch die ein oder andere Tradition aufzubrechen, etwa, dass der Kerbvater zwei Liter Bier ,weg-exen’ muss“, merkt Heil an. „Aber da wollen die Veranstalter nicht ran.“

Gesellschaftliche Hürden

Auf derlei gesellschaftliche Hürden stoßen jene, die gegen zu viel Alkohol zu Felde ziehen, oft. Das wurde beim Fachtag deutlich. So berichtete etwa Kreis-Sozialdezernent Carsten Müller (SPD) vom Jubiläum einer Jugendfeuerwehr im Kreisgebiet. „Da wurde um Spenden für Freibier gebeten.“ Selbst beim Kita- oder beim Schulfest sei es mitunter gang und gäbe, dass Alkohol ausgeschenkt werde, berichtete Wolfgang Schmidt-Rosengarten von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen aus eigener Erfahrung. „Da führt man dann lange Diskussionen mit der Kita-Leiterin oder der Rektorin, ob das wirklich sein muss.“

Es muss nicht sein. Und es geht auch anders. Das beweist zum Beispiel der Rodgauer Sportverein TGS Jügesheim mit seinen rund 2 000 Mitgliedern, darunter etwa 800 Jugendliche. „No alc, no drugs, no parents“ (Kein Alkohol, keine Drogen, keine Eltern) lautet das Motto, das sich die jungen Vereinsmitglieder für ihre Veranstaltungen selbst gegeben haben. „Wir haben eine engagierte Gruppe von fünf Jugendlichen im Verein, die sich offen dazu bekennen, auf Alkohol zu verzichten“, sagt TGS-Vorsitzende Heide Klabers. Dieses Team organisiere zum Beispiel die Jugend-Disco, bei der kein Tropfen Alkohol ausgeschenkt werde. Und das ganz ohne Kontrolle von Erwachsenen: „Die jungen Leute sind sich selbst die besten Vorbilder“, sagt Klabers.

Für mehr solcher Initiativen setzt sich das Projekt „Halt“ in Stadt und Kreis Offenbach ein. „Halt“ steht für „Hart am Limit“ und ist ein bundesweites Konzept zur Alkoholprävention. In Stadt und Kreis gibt es seit vier Jahren ein Halt-Netzwerk, in dem Jugend-, Ordnungs- und Schulamt, Polizei, das Suchthilfezentrum Wildhof und weitere Institutionen zusammenarbeiten. Das Netzwerk hat seit seiner Gründung rund 250 Workshops an Schulen veranstaltet, bei denen Jugendliche etwa mit einer so genannten „Rauschbrille“ einen Parcours durchlaufen. Zudem hat „Halt“ das Gütesiegel „Richtig feiern: Jugend schützen“ entwickelt und bislang an 22 Festveranstalter in Stadt und Kreis Offenbach vergeben.

Vorbild könne aber auch die Politik selbst sein, betonte Wolfgang Schmidt-Rosengarten: „Man könnte ja zum Beispiel überlegen, beim nächsten Neujahrsempfang der Stadt mal nur alkoholfreie Cocktails und keinen Sekt anzubieten. Der Empfang muss deshalb nicht langweiliger, und es wäre mal ein echt starkes Signal, wenn die Politik hier voranginge.“

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Quelle: op-online.de

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