Doch kein roter Teppich

Offenbach/Frankfurt - Werden Sie Erzieher, wir rollen den roten Teppich für Sie aus - so oder ähnlich lauten die fast schon verzweifelten Anwerbesprüche bei Politik und Arbeitsagenturen. Von Michael Eschenauer

Es geht um Erzieher und Erzieherinnen, die wegen des Rechtsanspruchs junger Eltern auf einen Betreuungsplatz für ihr Kleinkind händeringend gesucht werden. Das heißt allerdings nicht, dass die Ausbildung ohne Hürden erreichbar wäre. „In ganz Deutschland fehlen viele tausend Erzieherinnen, und in Hessen werden die jungen Frauen in eine sinnlose Warteschleife geschickt.“ Rolf Schmidt, Geschäftsführer der privaten Erasmus-Schule mit Krabbelstube und Kindergarten in Offenbach, ist empört - und berichtet über eine junge Frau, die man nach exzellentem Praktikum gerne als Erzieherin einstellen möchte.

Als Hindernis erwies sich allerdings ein nach Einschätzung von Schmidt vermeidbares und wegen der Trägheit der Kultusminister-Bürokratie entstandenes Nadelöhr in der Ausbildung. So hat die junge Frau einen Abschluss als Sozialassistentin in der Tasche, damit ist sie aber nur berechtigt, in die dreijährige Ausbildung zur Erzieherin einzusteigen - aber nicht, in Krabbelstuben und Kindergärten die Kleinen zu betreuen.

Lisa S., so nennen wir die junge Frau, die die Erasmus-Schule gerne später einstellen möchte, berichtet, sie habe erst nach einer Odyssee bei staatlich anerkannten Erzieherschulen in Frankfurt, Offenbach, Hanau, Dreieich und Dieburg einen Ausbildungsplatz gefunden. An einer privaten Schule in Frankfurt. Andernorts seien Wartelisten für angehende Erzieherinnen die Regel. 5 000 Euro lässt sie sich nun die Ausbildung kosten. „Als man uns die Ausbildung zur Sozialassistentin schmackhaft gemacht hat, wurde nie erwähnt, dass der anschließende Ausbildungsgang überbucht ist.“

Schulleiter Schmidt kann also damit rechnen, Lisa S. als Erzieherin in drei Jahren einzustellen, er regt sich aber trotzdem über die Situation auf. Es sei unfassbar, dass man von Seiten der Politik die fehlenden Ausbildungskapazitäten hinnehme, statt kurzfristig ein paar Container hin- und Honorarkräfte einzustellen. Dies mache man ja auch an normalen Schulen und dies sei machbar „angesichts einer Situation, in der alle größeren Träger viele offene Stellen haben und händeringend nach Fachkräften suchen“. Mit dem Abschluss als Sozialassistentin könne man nichts anfangen.

„Wir haben das Problem erkannt und unsere Ausbildungsmöglichkeiten stark gesteigert“, stellt Christian Henckes, Sprecher von Kultusministerin Nicola Beer (FDP) klar. Zwar gebe es für angehende Erzieherinnen praktisch eine Jobgarantie und der Beruf gewinne an Anerkennung, das bedeute aber nicht, dass jeder mit jedem Notenschnitt in die Ausbildung genommen werde. Henckes sieht bei denjenigen, die auf mehr Ausbildungsplätze drängten, durchaus das Motiv, durch hohe Berufsanfängerzahlen zu hohe Gehaltsansprüche von dieser Seite zu vermeiden.

Peter Schug, stellvertretender Schulleiter der Käthe-Kollwitz-Schule in Offenbach weist die harten Vorwürfe, die Schulen reagierten zu langsam auf die steigende Nachfrage, zurück. Seit 2009 habe man die Ausbildungskapazität der Berufsschule an der Buchhügelallee von sechs auf zwölf Klassen gesteigert. „Wir können uns die Fachräume und das Personal nicht einfach backen“, so Schug. Auch er sieht in den Auswahlverfahren, die es praktisch an jeder staatlichen Schule gebe, eine wichtiges Hürde. „Nicht jeder, der die Ausbildung zur Sozialassistentin macht, ist in der Lage, die Erzieherinnen-Ausbildung zu meistern“, so der stellvertretende Schulleiter. Die Steigerung des Niveaus von der Sozialassistentin zur Erzieherin sei enorm. Deren Abschluss erreiche Bachelor-Niveau.

Jürgen Schneider von der Schulleitung der Landrat-Gruber-Schule in Dieburg berichtet von „zunächst wahnsinnig vielen Bewerbern in diesem Jahr“. Von 120 Interessentinnen seien dann aber nur 62 überhaupt zum Auswahlverfahren erschienen. Die Situation sei gekennzeichnet durch häufige Doppelbewerbungen. Dies verfälsche die Lage. Die Frage nach den Wartezeiten relativiert sich seiner Einschätzung nach durch die Tatsache, dass man immerhin den erwähnten 62 Bewerbern 50 Plätze habe anbieten können. Insgesamt sei die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in Städten größer als auf dem Land.

Auch er erwähnt den Qualitätsaspekt. Es sei gar nicht sinnvoll, unbedingt jedem Bewerber eine Ausbildung zum Erzieher zu ermöglichen. Ebenso wenig sinnvoll sei es, auf die womöglich nur zeitweise Nachfragespitze damit zu reagieren, dass man massiv und auf Dauer die Ausbildungsstrukturen hochfahre. Hierfür gebe es im Übrigen nicht genug räumliche und personelle Ressourcen.

Sprecher Henckes vom Kultusministerium berichtet: „Die Kapazitäten für die Ausbildung wurden im Landesschnitt um rund 40 Prozent erhöht. Fast 7 800 Schüler befinden sich in Bildungsgängen auf dem Weg zur Fachkraft im Bereich Erziehung.“ Er spricht von einem „erheblichen Beitrag“ seines Hauses zur Fachkräftesicherung im frühpädagogischen Bereich. Mit fast 7 000 Personen, die im aktuellen Schuljahr 2012/2013 an den hessischen Fachschulen für Sozialpädagogik den Abschluss zur staatlich anerkannten Erzieherin anstrebten, sei „ein neuer historischer Höchststand in Hessen“ erreicht. Der Trend zeige nach oben. Ließen sich 2009/2010 insgesamt 4 881 Personen zum Erzieher ausbilden, stieg diese Zahl laut Hencke im Schuljahr 2010/2011 auf 5 383 Personen, um im Schuljahr 2011/2012 weiter auf 6 107 Personen zu steigen. Die für das Schuljahr 2012/2013 vorliegende Zahl weist einen erneuten Anstieg auf 6 854 Studierende aus.

Addiere man hierzu weitere Bildungsgänge, die zu einem Fachkraftstatus führten (Fachschule für Heilpädagogik: 143 Studierende, Fachschule für Sozialwirtschaft (Fachrichtung Heilerziehungspflege): 786 Studierende), befänden sich derzeit 7 783 Personen in Bildungsgängen, die zu einem Fachkraftstatus führen. Das Kultusministerium habe sich „in erheblichem Maße für die Fachschulen für Sozialpädagogik engagiert“. Dies gelte auch für die Lehrerzuweisung. Die Förderung in diesem Bereich decke auch den Bereich der Schulen in freier Trägerschaft ab. Außer durch Kapazitätsausweitungen an den meisten Fachschulstandorten seien auch Schulen neu gegründet worden, etwa in Hofheim, Rüsselsheim und Usingen. Neue Fachschulen in privater Trägerschaft hätten in Frankfurt, Hochheim und Darmstadt ihre Tätigkeit aufgenommen.

Quelle: op-online.de

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