Dokumentarfilm „Carlo, Keep Swingin’“ hat beim Lichter Filmfest Premiere

Lichter Filmfest: Hommage an Jazzstadt

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Elisabeth Ok hat „Carlo, Keep Swingin’“ verfilmt

Frankfurt - Für Elisabeth Ok war es wie ein Geschenk, als sie zufällig auf den Nachlass von Carlo Bohländer stieß, dem Gründer des Frankfurter Jazzkellers. Sie hat daraus einen Film gemacht, der heute beim Lichter Filmfest Premiere feiert. Von Detlef Kinsler 

2008 bezog die Regisseurin und Filmproduzentin eine kleine Wohnung am Frankfurter Mainkai und fand im Gewölbe des Kellers eine alte Klarinette, Fotos, Schallplatten, Notenblätter und viele persönliche Gegenstände. Unspektakulär auf den ersten Blick, beim genaueren Betrachten umso spannender. Denn auf Fotos und Briefen tauchten Namen wie Chet Baker, Lee Konitz, Jutta Hipp, Dusko Goykovich und Bill Ramsey auf. In einem Brillenetui ein erster Hinweis auf den Vormieter: C. Bohländer, den 2004 im Alter von 84 Jahren verstorbenen Mitbegründer des legendären Hot Club 1941, dem elf Jahre später das Domicile du Jazz folgte. Seit 1963 kennt man das Lokal in der Kleinen Bockenheimer Straße als Jazzkeller.

„Ich hatte vorher keine Ahnung von dieser ganzen Jazzgeschichte in Frankfurt, wusste gar nicht, dass sie solche Auswirkungen hatte. Ich war echt verblüfft, wirklich baff“, erzählt Ok, wie sie immer tiefer in die Welt des Carlo Bohländer eintauchte. Die Dokumentation, die heute Premiere im Cantate-Saal mit anschließendem Konzert feiert, war schnell beschlossene Sache und sollte Ok - neben ihrer Arbeit an Werbe- und Imagefilmen - fast sechs Jahre beschäftigen.

Jazz und Improvisation

Ein Work in Progress, bei dem, wie so oft im Jazz, erst einmal nur das Thema feststand. Der Rest war zunächst Improvisation. Denn was Familie, Freunde und Zeitzeugen in Interviews beitragen würden, war nicht vorhersehbar. „Ich habe sie einfach erzählen lassen, mit den Fragen nur ein wenig gelenkt“, erinnert sich Ok.

Am Ende hatte sie gut 30 Stunden Rohmaterial, hinzu kamen historische Aufnahmen aus dem Archiv des Hessischen Rundfunks, unzählige Magnetophonbänder und VHS-Cassetten, die erst digitalisiert werden mussten. „Ich habe mir dafür Geräte bei eBay gekauft, bin als Autodidakt da eingestiegen und habe mir das selber beigebracht“, erklärt Ok. Nur ein Indiz für ihren Enthusiasmus und ihr Engagement.

Das gesammelte Material wurde zur Geschichte geformt, die man schließlich erzählen wollte. Zwar ein filmisches Denkmal für Pionier Bohländer, „aber er ist nur der rote Faden“, so die Filmemacherin, „denn tatsächlich ist es auch eine Hommage an den Jazz in Frankfurt“. Und die vielen Bilder, alt wie neu, bestimmten auch die Ästhetik des Films mit Split Screens, zum Beispiel links der junge Gustl Mayer in Schwarzweiß, rechts der Saxophonist heute und in Farbe, nur ein schönes Stilmittel neben Animationen in Bleistiftstrich-Optik.

Gesprächspartner übertreffen sich

Zu erleben ist der liebevoll gestaltete wie gelungene Versuch, Bohländer, der tatsächlich in Vergessenheit zu geraten drohte, echte und ehrliche Wertschätzung angedeihen zu lassen. Dabei übertreffen sich die Gesprächspartner, darunter verstorbene Jazzkoryphäen wie Impresario Fritz Rau, „Jazzkeller“-Wirt Willi Geipel, Journalist Michael Rieth und Pianist Paul Kuhn, in Superlativen für einen Mann, dem seine spätere Frau Anita Honis Bohländer beim Kennenlernen 1964 die Optik eines Professors und nicht die eines Jazz-Connaisseurs bescheinigte.

„Carlo, Keep Swingin´“, Premiere heute Abend um 20 Uhr im Cantate-Saal, Großer Hirschgraben 21, Frankfurt. Ab 22 Uhr Konzert.

Persönlichkeit, Respektsperson, Revolutionär, Papst, Lehrer, Spiritual Leader, all das war der Jazzgestalter, ob als Musiker und Theoretiker, der Standardwerke wie eine „Harmonielehre“ für den Jazz und die „Anatomie des Swing“ veröffentlichte.

Elisabeth Oks Zeitdokument ist bereits als „Bester Dokumentarfilm“ für den 25. Hessischen Film- und Kinopreis nominiert worden. Bei einer Vorpremiere der Rohfassung im Historischen Museum hatte die vorher sehr nervöse Filmemacherin reichlich Gänsehaut. „Viele der Zeitzeugen waren gerührt.“ Ok sah in glückliche Gesichter und gewann auf Anhieb die Herzen eines bekanntlich nicht sehr einfach zu begeisternden Klientels. „Die Schulterklopfer waren das schönste Kompliment.“ Im Cantate-Saal wird das nicht anders sein. Beim anschließenden Konzert treten u.a. Anita Honis Bohländer, Bill Ramsey, Gustl Mayer und Günter Lenz auf.

Quelle: op-online.de

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