Der „Dottore“ und sein 600-Kilo-Patient

Hattersheim ‐ Vom „Halbgott in Weiß“ halten Ekkehard Schmidts Patienten gar nichts: „Für das Tier ist es einfacher, wenn wir normal angezogen sind“, erläutert der Mediziner und wirkt trotz der in Kürze anstehenden Operation locker und ausgeglichen. Von Jens Dörr

Er erscheint dabei dennoch jederzeit kompetent und Herr der Sache zu sein – so eine Knochenszintigrafie gehört bei ihm schließlich fast schon zu einem normalen Tag. Ekkehard Schmidt ist Leidensminderer für 600 Kilogramm schwere „Kunden“: Der Dottore der Tiermedizin – „ich habe in Perugia studiert, weil ich in Deutschland keinen Studienplatz bekam“ – operiert und behandelt Pferde in der „Tierklinik Hattersheim“. Auch weitere Details passen wie der Sattel auf den Pferderücken: „Ich bin ehemaliger Reiter, komme zudem aus einer Mediziner-Familie“, sagt Schmidt. Dann macht sich der 46-Jährige zum Aufbruch bereit – der Patient wartet wiehernd auf die Operation.

Das Maul ist fixiert, der Beatmungsschlauch sitzt und sorgt für genügend Sauerstoff.

Es ist bei weitem nicht die einzige in dieser Woche, die Schmidt durchführt. Die Tierklinik Hattersheim, idyllisch inmitten von Wiesen und Weiden gelegen, ist gut ausgelastet. Auf dem „Birkenhof“ hat Schmidt mit dem zweiten Inhaber, Dr. Christian-Mark Traenckner, das Sagen. Drei weitere Tierärzte gehören zum Team, drei Tierarzthelferinnen, sechs Auszubildende in verschiedenen Lehrjahren, Sekretärinnen, eine Empfangsdame, selbstverständlich auch Tierpfleger.

Gibt keine Kissen aufzuschütteln

Alleine im Main-Taunus-Kreis, in dem sich die Klinik befindet, gibt es rund 1.400 gemeldete Pferde. Wobei die tatsächliche Zahl viel höher liegt und Schmidt den Wert 1.400 als „absurd“ betrachtet. Sicher sagen kann er aber: „Wir sind ein pferdereiches Gebiet.“ Im Dezember 2007 zog man aus dem kleineren Domizil in Idstein in den „Birkenhof“ um und will hier ein echtes Pferde-Krankenhaus bieten. „Zwei Leute sind auch nachts da“, sagt Schmidt. Wobei die Patienten nicht ständig klingeln und das Kissen aufgeschüttelt haben möchten.

Noch steht er, gleich liegt er. Drei Spritzen schicken den Patienten ins Reich ohne Träume.

Neben dem Operationssaal sinkt derweil ein 13-jähriges Pferd mit lautem Krachen zu Boden. Nach der Betäubung mit drei Spritzen ist der Vierbeiner nach und nach ruhiger, dann regelrecht dösig geworden, ehe er zusammensackte. Mit einem donnernden Hufschlag gegen eine Stellwand gibt der Gaul ein letztes Zeichen von sich, eine Minute später herrscht Ruhe und die erste Station ist geschafft. Der Patient liegt willenlos auf der Erde, die erste Diagnose hat Tiermediziner Schmidt schon zuvor gestellt: Das Pferd lahmt. „Wahrscheinlich der Meniskus oder das Kreuzband“, mutmaßt der Dottore. So mancher Fußballer dürfte sich dabei an ähnlich unangenehme Befunde erinnern.

Pferde-OPs seien immer auch eine Kostenfrage

Doch: „Auch Pferde sind Sportler“, erklärt Schmidt, während er das Besteck für die OP herrichtet. Durch Verschleiß, aber auch genetische Veranlagung gehörten Schmerzen an den Beinen und Lahmheit zu den häufigsten Leiden. Neben Magen-Darm-Geschichten - übrigens auch wegen der komplexen Magen-Darm-Struktur - bekämen viele Pferde scheinbar typisch menschliche Zivilisationskrankheiten. Übergewicht etwa, aber auch Koliken. Der Operation gingen auch finanzielle Überlegungen der Besitzer voraus. Pferde-OPs seien immer auch eine Kostenfrage, sagt der 46-jährige Schmidt. Wobei Krankenversicherungen für die Tiere im Kommen seien. Ein großer Prozentsatz der meist 15 bis 20 Tiere, die gleichzeitig in der Tierklinik untergebracht sind, sei krankenversichert.

Ekkehard Schmidt rasiert die Stelle, an der der Eingriff vorgenommen wird.

Schmidt und sein Team schreiten unterdessen zur nächsten Herausforderung: Wie kommt der mehr als eine halbe Tonne schwere Patient auf den Operationstisch? Die Lösung ist ein mobiler Kran. Der hebt bis zu zweieinhalb Tonnen. Voraussetzung: Das Pferd ist gut verschnürt. Das gilt nun auch für den 13-jährigen „Mister Ed“, der in Wirklichkeit anders heißt, dessen Namen im OP-Saal aber geheim gehalten wird.

Alle fünf Minuten kontrolliert eine Assistentin Puls und Sauerstoffzufuhr für das betäubte Tier, dessen herausgefallene Zunge man sorgsam zur Seite gelegt hat. Gut, dass „Mister Ed“ nichts spürt von dem, was nun kommt: In einen markierten und zuvor rasierten Hautausschnitt am Knie schneidet Dottore Schmidt ein kleines Loch, fährt mit einer Kamera durch den inneren Meniskus. „Da ist einiges los in dieser Region“, urteilt der Arzt fachmännisch, als er die Live-Bilder auf einem Monitor im nicht total sterilen OP-Saal (Schmidt: „Das muss hier nicht ganz so sein wie in einer Klinik für Menschen“) begutachtet.

Knorpel ist aufgeraut, regelrecht angegriffen

Sechs Monate lang plagt sich der Patient bereits mit dem Leiden herum, das Schmidt nun ausmachen kann: Der Knorpel ist aufgeraut, regelrecht angegriffen. Auf dem Monitor sind eine weiße Erhebung und eine rote Stelle auf der Gelenkfläche sichtbar. Als Schmidt die betroffene Stelle schließlich exakt lokalisiert hat, schauen er und seine vier Helfer noch einmal genau auf den Monitor: Die Stelle, die im Original münzgroß ist, wird auf dem Bildschirm mehr als faustgroß dargestellt. Durch Abschaben des Knorpels – wahrlich nichts für schwache Nerven, auch wegen des Kratz-Geräusches auf dem darunter liegenden Knochen – entfernt Schmidt schließlich die Ursache des Leidens. Schleifen, Knipsen, mit der Zange Stückchen aus dem Knie herausholen – das alles gehört zur manchmal wohl allzusehr romantisierten Aufgabe eines Pferdedoktors.

Endlich hat Dottore Ekkehard Schmidt die Prozedur vollendet, nach der zumindest der Reporter unmerklich aufatmet. Das Pferd kommt nach seinem Aufwachen in eine Intensivbox vor Ort. Drei bis vier Monate wird es schon dauern, bis sich der Ersatzknorpel nachgebildet hat. „Schmerzen wie ein Gaul“ zu haben, gehört dann für „Mister Ed“ zur Vergangenheit.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Dörr

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