Dramatische Wohnungssuche

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Die Folgen drohender Altersarmut werden weiterhin unterschätzt. Bezahlbarer Wohnraum, vor allem kleinere Appartements, könnte auch in der Rhein-Main-Region in vielen Städten noch knapper werden.

Offenbach - Die Zeit drängt, denn immer mehr Studien bestätigen, dass sich viele Rentner in Deutschland bald ihre Wohnung nicht mehr leisten können. Ein wichtiger Grund: die zunehmende Altersarmut. Von Peter Schulte-Holtey

Die Bevölkerung hat zwar registriert, dass zukünftig die gesetzliche Rente sinken und die Lebenserwartung steigen wird – das Ausmaß und die Folgen beider Faktoren werden jedoch dramatisch unterschätzt.

Gestern überraschte eine Untersuchung des Pestel-Instituts mit Zahlen, die den Handlungsbedarf - auch in Rhein-Main - unterstreichen. Demnach werden im Jahr 2020 mehr als 2300 Rentner in Offenbach auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen sein. Ihre Zahl werde also enorm steigen - um nahezu 69,7 Prozent. Weitere Prognosen zur Bedürftigkeit in der Region: Im Kreis Offenbach sind es demnach in neun Jahren 3200 Rentner - ein Anstieg um nahezu 82,7 Prozent; im Main-Kinzig-Kreis 3100 Rentner - ein Anstieg um nahezu 60,1 Prozent und im Kreis Darmstadt-Dieburg 1900 Rentner (Anstieg um nahezu 100 Prozent), die staatliche „Stütze“ benötigen.

Soziales Netz für Rentner

„Das soziale Netz wird die meisten 55- bis 65-Jährigen, die heute von Hartz IV leben, im Rentenalter auffangen müssen. Wir werden damit auch in Offenbach und den Landkreisen in der Region einen deutlichen Anstieg der Altersarmut erleben“, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut, das die Situation in der Region genau unter die Lupe genommen hat. Gemessen am Bundesdurchschnitt stuft das Institut die zu erwartende Altersarmut in Offenbach und in den Kreisen Offenbach, Main-Kinzig-Kreis und Darmstadt-Dieburg im Jahr 2020 als „erhöht“ ein.

Immer mehr Menschen mit gebrochenen Erwerbsbiografien gingen in Rente. Phasen von Arbeitslosigkeit, Niedriglöhne und dauerhaft geringfügige Beschäftigungen seien dabei für sinkende Rentenbezüge bei Neurentnern verantwortlich. Ebenso eine nur geringe oder keine Altersvorsorge bei vielen Selbstständigen. Auch dies führe zu einer wachsenden Altersarmut.

Bezahlbare Wohnungen im Alter

Im Fokus der Berechnungen steht das bezahlbare Wohnen im Alter. Wenn die Altersarmut in Rhein-Main zunehme, „dann müssen wir über neue Wohnformen nachdenken. Das heißt konkret: kleinere, energieeffiziente und altengerechte Wohnungen für Senioren; das spart Miete und Heizkosten“, so Günther. Bezahlbar seien für viele ältere Menschen, die alleine lebten, nur noch Wohnungsgrößen zwischen 30 und 40 Quadratmetern.

Um die Region auf das Senioren-Wohnen vorzubereiten, müsse in erheblichem Maße neu und umgebaut werden. Andernfalls drohe eine „graue Wohnungsnot“- und damit die soziale Ausgrenzung Älterer beim Wohnen. Insgesamt wird die Zahl der Rentner in der Region nach den Angaben des Pestel-Instituts bis 2020 deutlich steigen, im Kreis Offenbach um 9,3 Prozent auf dann mehr als 75.100, im Main-Kinzig-Kreis um 10,3 Prozent auf mehr als 90.500 und in Darmstadt-Dieburg um 12,7 Prozent auf dann 61.500.

Es fehlen auch im Kreis Offenbach Wohnungen

Auch Carsten Müller, Sozialdezernent im Kreis Offenbach und Erster Kreisbeigeordneter, äußerte sich beunruhigt: „Fakt ist, ja es fehlen auch im Kreis Offenbach Wohnungen im unteren Segment zwischen 30 und 50 Quadratmetern.“ Es sei schon jetzt schwierig, für alleinstehende Empfänger der Grundsicherung adäquate Wohnungen in einem bestimmten Preisrahmen zu finden. Da die Zahl der betroffenen Rentner weiter wachsen werde, müsse der Wohnungsbaumarkt schnell reagieren und Lösungen anbieten, forderte der SPD-Politiker.

Interview zum Thema mit Bürgermeisterin Birgit Simon:

„Beratungsangebot in Offenbach weiter ausbauen“

„Allein mit der Größe und der Miete ist es jedoch nicht getan. Gebraucht werden nämlich in Zukunft in erster Linie Wohnungen, im privaten und öffentlichen Eigentum, die barrierefrei sind und in denen bei Bedarf ein flexibles Unterstützungsarrangement möglich ist“, so Müller. Auch müsse sich das vielerorts vorhandene klassische Angebot „Altenwohnanlage, Betreutes Wohnen und Pflegeheim“ um neue, zukunftsweisende Projekte erweitern. Der Kreisbeigeordnete: „Dazu gehören die gemeinschaftlichen Wohnprojekte genauso wie durch Wohnungsbaugesellschaften getragenes „Service-Wohnen“ im Zuhause oder ambulant betreute Wohngemeinschaften.“

Der Kreis könne nur Rahmenbedingungen vorgeben, da der Wohnungsbau eine primär kommunale oder private Angelegenheit sei. Gegenwärtig beobachtet Müller die Situation sehr genau. Die demografische Entwicklung für den Kreis Offenbach und seine Auswirkungen würden demnächst in einem Altenplan 2011 näher beleuchten. „Die momentane Entwicklung bereitet jedoch durchaus Anlass zur Sorge“, erklärte er.

Quelle: op-online.de

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