Fleiß, Disziplin und ein bisschen Glück

Eine neue Chance - Syrische Schwestern beginnen Ausbildung zur Krankenschwester

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Für Fatma (links) und Naimah Aljadaie beginnt ein neuer Lebensabschnitt: Die Schwestern aus Syrien beginnen am 1. August eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin, nachdem sie ihren Hauptschulabschluss bestanden haben.

Die syrischen Schwestern Naimah (18) und Fatma (17) kamen 2016 als Flüchtlinge in Dreieich an. In Syrien konnten die Mädchen sechs Jahre nicht zur Schule gehen, weil alles zerstört war. In Deutschland konnten sie ihren Hauptschulabschluss machen und beginnen nun mit einer Ausbildung. 

Dreieich – Für Naimah (18) und Fatma (17) Aljadaie beginnt in wenigen Tagen der Ernst des Arbeitslebens: Am 1. August starten die beiden syrischen Mädchen in ihre Ausbildung als Altenpflegehelferinnen: Naimah im Dreieicher Ulmenhof, ihre jüngere Schwester Fatma in einem Neu-Isenburger Seniorenheim. Ihr Ziel ist es, nach insgesamt vier Jahren eine mehrstufige Ausbildung als Krankenschwester abzuschließen. Es ist erstaunlich, was die jungen Frauen innerhalb kurzer Zeit in Deutschland erreicht haben.

Kinder konnten in Syrien nicht zur Schule - alles war zerstört

In dem Haus in Buchschlag herrscht reichlich Trubel. Naimah und Fatma leben dort mit Eltern und sieben Geschwistern. Ihr Vater Taha wagte im April 2014 die Flucht. Die Lage in Syrien wurde zu gefährlich, die Familie lebte am Euphrat im IS- besetzten Gebiet. Sechs Jahre haben die Kinder zuvor die Schule nicht besucht, weil alles zerstört war. Naimah und Fatma, die ältesten Kinder, hatten nur eine Grundschule besucht. Nach der Anerkennung in Deutschland durfte Taha seine Frau Afaf und die damals sieben Kinder holen. Im Oktober 2016 kamen sie in Dreieich an. Zunächst wohnten sie in der Gemeinschaftsunterkunft in der Gleisstraße, dann folgte der Umzug nach Buchschlag.

Erfolg durch ehrenamtliche Hilfe und Fleiß

Für die Mädchen gab es sehr schnell einen Platz in einer Integrationsklasse der Ricarda-Huch-Schule und sie arbeiteten hart für ihren schulischen Erfolg. „Es war schwer, die Sprache und besonders die Schrift zu lernen“, berichtet Naimah, „aber wir wissen, dass wir nur so etwas erreichen können“, sagt die junge Frau in ganz gutem Deutsch. Ehrgeiz gehört dazu, der Wille in dem neuen Land anzukommen – ein bisschen Glück braucht es dann sicher auch: Das war für die Familie Aljadaie die Begegnung mit den ehrenamtlichen Helfern der Burgkirchengemeinde in Dreieichenhain. Schon Vater Taha hatte mit den Frauen im Lerncafé regelmäßig Deutsch geübt, für die Mädchen waren kontinuierliche Nachhilfestunden immens wichtig. Kerstin Maaß hat sich darüber hinaus um viele organisatorische Dinge für die Aljadaies gekümmert: „Sie brauchen unsere Unterstützung. Sie wissen nicht, wie das Schulsystem in Deutschland funktioniert, welche Möglichkeiten der Förderung es gibt, wie die Kinder in den Vereinen unterkommen.“ Sie war es auch, die für Naimah und Fatma nach der Integrationsklasse den Übergang in die weiterführende Schule in die Wege leitete. Die Mädchen nahmen an der Max-Eyth-Schule am Programm „Praktikum und Schule“ teil. Während der Schulzeit büffelten die jungen Syrerinnen Deutsch, Mathe und die Nebenfächer, um dann in den Ferien diverse Praktika in den unterschiedlichsten Berufen auszuprobieren. Am 28. Juni nahmen sie stolz die Zeugnisse für den bestandenen Hauptschulabschluss in Empfang. Ein bisschen verlegen zeigt Fatma ein Foto auf ihrem Handy: Sie, in festlicher Kleidung, mit dem Zeugnis in den Händen und in großer Schrift daruntergeschrieben: „Endlich habe ich etwas erreicht in meinem Leben!“

Ausbildung zur Krankenschwester

Naimah und Fatma haben Träume für ihre Zukunft: „Eigentlich wollte ich Ärztin werden“, erzählt Fatma. An ein Studium ist derzeit nicht zu denken. Für den Realschulabschluss fehlt die Fremdsprache Englisch, nur so könnten sie sich bis zum Abitur weiterqualifizieren. „Dann werden wir jetzt eben Krankenschwestern“, ist Naimah voller Tatendrang.

Vater Taha ist stolz auf seine Töchter: „Ich möchte, dass sie lernen und ich möchte, dass sie glücklich sind.“ Gerade sind die beiden Mädchen von einer Jugendfreizeit zurückgekehrt; mit der hessischen Sportjugend waren sie eine Woche bei einem internationalen Camp in Wetzlar mit viel Sport, Spaß und Gesang am Lagerfeuer. Wasserski und Fußball – sicher nicht der Alltag für arabische Mädchen. „Naimah hat schon sehr früh zu mir gesagt, sie wolle nicht mehr zurück in ihre Heimat, sie sei eben kein normales arabisches Mädchen mehr“, schildert Kerstin Maaß. Die Chancen, langfristig in Deutschland bleiben zu können, seien größer, so hoffen sie, wenn sie in einem Beruf arbeiten können, in dem ein enormer Bedarf besteht.

Die Familie hat jetzt noch ein großes Problem: Der Vertrag des von der Stadt gemieteten Hauses in Buchschlag läuft vermutlich nur noch bis 2020. Dann brauchen die Aljadaies eine neue Bleibe: „Hätte ich ein Haus, ich würde es ihnen vermieten. Es ist eine tolle, sehr ordentliche Familie“, hofft Kerstin Maaß auf eine Lösung.

Von Nicole Jost

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