Drogen-Konsumraum im Bahnhofsviertel wurde saniert

Junkies von der Straße holen

Frankfurt - Marc gehört zu den Ersten, die sich an diesem Vormittag an einem der mit Teelicht und Spiegel ausgestatteten schwarzen Tischchen einen Schuss setzen. Von Ira Schaible

„Ich hoffe, ich treffe auf Anhieb“, sagt der 37-Jährige, bevor er sich das aufgekochte Heroin im Frankfurter Bahnhofsviertel in den Unterarm spritzt. Der Frankfurter ist einer von jährlich rund 2 400 Suchtkranken, die in dem Druckraum der Drogenhilfe unter Aufsicht harte Drogen spritzen oder rauchen. Der sogenannte Konsumraum in der Niddastraße 49 ist der größte von vier in der Stadt, und er ist Teil des „Frankfurter Wegs“ der Drogenpolitik, die weit über Hessen hinaus als vorbildlich gilt.

Der erste Druckraum in Deutschland wurde im Dezember 1994 in Frankfurt eröffnet, die Einrichtung in der Niddastraße folgte ein Jahr später – jetzt wurde sie ein Jahr lang bei laufendem Betrieb grundlegend modernisiert. Inzwischen gebe es in 15 Städten in sechs Bundesländern solche Konsumräume, sagte die Leiterin des Drogenreferats, Regina Ernst. Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) erinnert an die offene Drogenszene in den 1980er Jahren mit vielen Toten und betont: „Wir wollten mit der niedrigschwelligen Drogenhilfe (...) die ganz persönliche, gesundheitliche und soziale Situation von Drogenabhängigen verbessern und gemeinsam mit der Polizei auch die unerwünschten Folgen des öffentlichen Drogenkonsums und -handels in der Stadt verringern.“

Angebote wie der Druckraum hätten das Bild in der fünftgrößten deutschen Stadt total verändert. Und: „Es gab bis heute in den Konsumräumen keinen Todesfall.“ Die Drogenhilfe werde das Bahnhofsviertel, das immer schicker und szeniger wird, nicht verlassen. „Vertreibung der Drogenabhängigen ist keine Lösung“, sagt Heilig. Dessen ungeachtet soll der sanierte, von außen nicht mehr erkennbare, Druckraum mehr Suchtkranke von der Straße holen. Dazu wurde ein Aufenthaltsraum für bis zu 50 Menschen geschaffen, die Abläufe und Räumlichkeiten grundlegend neu gestaltet und die Hygiene verbessert. „Der Schmuddelcharakter ist völlig weg“, sagt Heilig.

Leid und Tod durch Drogen: 187 000 sterben durch Sucht

Die Geschäftsführerin des Trägers Integrative Drogenhilfe, Gabi Becker, beschreibt die Reaktion ihrer Klienten so: „Jetzt sind wir keine Junkies mehr, jetzt sind wir Drogenkonsumenten.“ Die Suchtkranken fühlten sich wertgeschätzt. „Jetzt ist es an ihnen, sich selbst wertzuschätzen und an ihrer Gesundheit zu arbeiten.“ Dabei unterstützt sie die Drogenhilfe mit bis zu 45 Profis auf mehr als 20 Vollzeitstellen. Zu den zwölf Plätzen für den intravenösen Drogenkonsum ist ein Raum mit vier Plätzen für das Rauchen von Crack und Heroin gekommen. Das Entree mit Tresen erinnert an eine Arztpraxis, jeder Abhängige muss dort zunächst seinen Ausweis zeigen und auf einen freien Platz zum Fixen warten. Rund 250 Mal wird laut Statistik an jedem der 365 Tage in der Niddastraße Heroin gespritzt. 990 Spritzen und fast 1 500 Nadeln werden jeden Tag getauscht. (dpa)

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare