Die durchs Feuer gehn

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Feuerprobe: Pferde sind von Natur aus schreckhaft. Sie müssen daher ihrem Reiter blind vertrauen, um diese hier zu sehende Übung absolvieren zu können.

Frankfurt ‐ Unerbittlich lässt Rudolf Liller das Martinshorn heulen. Mit einem Affenzahn düst er in seinem Polizeiauto hin und her, reißt ruckartig den Lenker herum, fährt ganz dicht an vor ihm trottende Pferde heran und beginnt ein erbarmungsloses Hupkonzert. Von Melanie Gärtner

Der Oberkommissar und Polizeireitlehrer befindet sich nicht auf Ganovenjagd oder im gefährlichen Einsatz, sondern lenkt sein Fahrzeug mitten durch eine Reithalle im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Es herrscht ein Höllenradau. Doch die Tiere lassen Liller gewähren und ertragen den Lärm mit Fassung. Was haben sie an diesem Morgen nicht schon alles über sich ergehen lassen müssen? Der Reitlehrer fuchtelte mit großen Fahnen vor ihren Augen, bewarf sie mit Bällen und spazierte mit einer Schreckschusspistole um sie herum, die er schließlich auch noch abfeuerte.

Reitlehrer Rudolf Liller wirft hier den Pferden einen Ball vor die Läufe. Die Tiere werden darauf trainiert, ihren Fluchtinstinkt zu überwinden und absolut gelassen zu bleiben.

Jennifer Pfeiffer klopft ihrem Pferd anerkennend auf den Hals. Es ist ganz ruhig geblieben und hat sich von dem Getöse nicht beirren lassen. „Es ist sehr wichtig, dass Pferd und Reiter sich gut kennen. Das Tier muss Vertrauen haben und wissen, dass ihm nichts geschehen wird“, sagt die Polizeikommissarin, die seit zwei Jahren in der Frankfurter Reiterstaffel im Einsatz ist. „Es ist wirklich etwas ganz anderes auf dem Pferd, als zu Fuß in einen Einsatz zu gehen“, erzählt sie. „Gerade bei Fußballspielen haben viele Leute eine große Klappe, aber wenn man dann mit einem Pferd vor ihnen steht, haben die meisten doch einen Riesenrespekt.“ Jeden Freitag absolvieren sie und ihr vierbeiniger Gefährte das Training, das alte Tiere in Übung halten und junge darauf trainieren soll, ihrem Reiter zu vertrauen und auch in angespannten Situationen Ruhe zu bewahren. Der Höhepunkt des wöchentlichen Programms ist dabei eine wahre Feuerprobe. Mit blindem Vertrauen folgen die Pferde dabei ihren Reitern durchs Feuer und durchqueren einen kleinen brennenden Strohhaufen. „Den Tieren passiert bei den Einsätzen nichts“, sagt Kurt Groll, Leiter der Polizeireiterstaffel Hessen. Nur ein einziges Mal soll es bei den Studentenunruhen in den 1960er Jahren vorgekommen sein, dass Demonstranten mit Dachlatten auf ein Pferd losgegangen sind. „Damals waren Pferd und Reiter aber nicht so gut ausgebildet wie heute und die Hemmschwelle der Demonstranten lag sehr viel niedriger. Heute kommt so etwas nicht mehr vor und wenn es brenzlig wird, ziehen wir die Pferde zurück“, sagt Groll.

Selbst von einem dicht auffahrenden Auto, das vielleicht auch noch ein höllisch lautes Hupkonzert veranstaltet, sollen die Polizeipferde nicht aus der Ruhe gebracht werden.

18 Pferde sind derzeit bei der Polizeireiterstaffel im Einsatz. Für ihren Dienst müssen die Tiere darauf trainiert werden, ihren Fluchtinstinkt zu überwinden und gegenüber Einflüssen von außen absolut gelassen zu bleiben. Etwa zwei Jahre dauert es, bis aus einem unbedarften Jungpferd ein voll einsatzfähiges Polizeipferd geworden ist. „Wir setzen die Jungtiere auch während dieser Ausbildungszeit schon zu kleinen, ruhigeren Einsätzen ein. Sie müssen sich ja nach und nach an das städtische Umfeld gewöhnen“, erzählt der Reiterstaffelleiter. Während die Tiere früher ausschließlich beim Landesgestüt Hessen in Dillenburg ausgewählt wurden, finden die Pferde heute über Angebote im Internet ihren Weg in den Polizeidienst. Dennoch sind die meisten Pferde zu Beginn ihrer Polizeikarriere richtige „Landeier“ und die Welt der Großstadt nicht gewöhnt. „Ein junges Pferd, das Streife durch Sachsenhausen reitet und zum ersten Mal eine Straßenbahn sieht, bietet einen durchaus interessanten Anblick“, schmunzelt Kurt Groll. „Die Augen werden größer, der Hals wird länger und das Bedürfnis, entsetzt zur Seite zu springen, ist groß.“ Kurt Groll kennt sich aus mit Tieren. Aufgewachsen auf einem Bauernhof im Odenwald, wurde er Diensthundeführer bei der Polizei und ist seit 14 Jahren bei der Reiterstaffel eingesetzt. Er weiß aus Erfahrung um den großen Vorteil, den berittene Einsatzkräfte in vielen Situationen haben. „Sehen und gesehen werden – das ist unser Motto“, sagt Groll. „Durch die erhöhte Sitzposition 2,5 Meter über dem Boden haben wir in vielen Lagen einen größeren Überblick und können bei großen Menschenansammlungen Unruheherde schneller lokalisieren. Außerdem sind wir schneller, beweglicher und haben bei Massenveranstaltungen einen Vorteil durch den Respekt, den viele Menschen vor den großen Tieren haben.“ Ein Polizist zu Pferd kann nach Einschätzung des Reiterstaffelleiters fünf bis zwölf Fußkräfte ersetzen.

Jennifer Pfeiffer von der Frankfurter Reiterstaffel trainiert jeden Freitag in einer Reithalle in Sachsenhausen mit ihrem Pferd.

„Leider wurden die Pferde in der Vergangenheit ineffektiv eingesetzt und oft nur auf Präventivstreife geschickt“, so Groll. „Das rechnet sich natürlich nicht.“ Im Jahre 2004 wurden daher vom hessischen Bereitschaftspolizeipräsidium die Einsatzarten festgelegt, bei denen in erster Linie die Reiterstaffel zum Zuge kommt. Priorität haben dabei geschlossene Einsätze, also Großveranstaltungen, Feste, Fußballspiele und Demonstrationen. Erst wenn diese Einsätze abgedeckt sind, kann die Reiterstaffel auch zu Präventivstreifen ausrücken, zum Beispiel zur Überwachung von Parkplätzen, Neubaugebieten oder auch des Gebiets um den Frankfurter Flughafen. Unterwegs sind die Pferde jeden Tag und haben mit den Einsätzen bei durchschnittlich zwei Fußballspielen pro Woche auch gut zu tun. Hochsaison ist natürlich die Faschingszeit. „Mit drei Faschingsumzügen hintereinander ist selbst das erfahrenste Pferd an der Grenze seiner Belastbarkeit“, sagt Groll. Danach ist dann erstmal eine kleine Pause angesagt, in der selbst der unerbittliche Polizeireitlehrer Rudolf Liller seine Trainingseinheiten etwas nachsichtiger gestaltet.

Quelle: op-online.de

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