„Überzeugungstäter“ - Hessen bei Ehrenamt auf Spitzenplatz

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Gemeinsam stützen "Grünen Damen" in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main eine Patientin. Renate Drüker (r) engagiert sich ehrenamtlich und erledigt für die Patienten zahlreiche kleine und große Aufgaben.

Frankfurt - Vorlesestunden im Kindergarten, Einkaufsgänge für Kranke oder Platzpflege im Sportverein: Beim Ehrenamt belegen die Hessen im bundesweiten Vergleich den ersten Platz. Die meisten von ihnen wollen die Gesellschaft mitgestalten, viele suchen vor allem den Kontakt zu anderen Menschen.

Das Knie schmerzt noch, die Operation liegt nur wenige Tage zurück. Vera Koch findet tröstende Worte für die Patientin auf Station 14 des Markus-Krankenhauses in Frankfurt: „Das braucht Zeit“, sagte die 77-Jährige, „jetzt ruhen Sie sich erstmal ein bisschen aus.“

Im hektischen Krankenhaus-Alltag ist Vera Koch eine der wenigen, die noch zu einem ruhigen Gespräch mit den Patienten findet. Schon seit 30 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich als „Grüne Dame“, wie sich die freiwilligen Helfer wegen der Farbe ihrer Kittel nennen. Sie sollen das Personal entlasten, kleinere Aufgaben erledigen und den Kranken Gesellschaft leisten.

Unter den Hessen engagieren sich 42 Prozent im Ehrenamt

Nicht nur die grün bekleideten Krankenhaushelfer engagieren sich freiwillig. In ganz Hessen arbeiten Menschen ohne Bezahlung in Kindergärten, Altenheimen, Sportvereinen und Tierschutzverbänden. Im bundesweiten Vergleich belegen sie den ersten Platz: 42 Prozent der Hessen engagieren sich für andere, im Bundesdurchschnitt ist es nur jeder Dritte. Dies zeigt eine von der Techniker Krankenkasse (TK) in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage. Am stärksten profitieren Sportvereine und Kirchen vom Engagement, doch auch Feuerwehren, Hilfswerken, Schulen und Kindergärten schenken die Hessen bis zu 20 unbezahlte Stunden monatlich. Motive sind meist der Kontakt zu anderen Menschen und der Wunsch, die Gesellschaft auf sinnvolle Weise mitzugestalten.

Diese Beweggründe teilt auch Ulla van de Sand. Sie habe sich nach der Karriere in einer Werbeagentur die „große Sinnfrage“ gestellt. „Irgendwann habe ich gesagt: Jetzt reicht's. Ich will etwas sinnvolles machen.“ Seit die 63-Jährige nicht mehr arbeitet, gibt sie türkischen und pakistanischen Frauen Deutschunterricht. Doch nicht nur Ruheständler helfen freiwillig, auch in Unternehmen sitzen „Überzeugungstäter“, wie Eva Teichmann von der Freiwilligenagentur der Arbeiterwohlfahrt sie nennt. Statt eines Betriebsausflugs in den Biergarten schickten Vorgesetzte sogar ganze Abteilungen zum Vorlesen in die Kita, um den Teamgeist zu stärken. Auch im Markus-Krankenhaus huscht eine 41-jährige Berufstätige im grünen Kittel über die Flure. Besonders in der Alten- und Krankenpflege entwickeln sich Freiwillige immer stärker zu einem Stützpfeiler der Gesellschaft, das dürfte sich mit dem Aus für den bisherigen Zivildienst noch deutlich verstärken.

Verpflichtung zu sozialem Engagement ein Widerspruch

Die Mehrzahl der Hessen hält das Ehrenamt für ein funktionierendes Gesundheitssystem deshalb längst für unverzichtbar. Die Helfer dürften aber nicht ausgenutzt werden und die Belegschaft ersetzen, warnt Renate Drüker, die vor sechs Jahren zum ersten Mal in den grünen Krankenhauskittel geschlüpft ist. „Im Zuge des Pflegenotstands sind die Krankenhäuser auf uns angewiesen. Aber meine Entscheidung muss freiwillig sein.“ Eine Verpflichtung zu sozialem Engagement ist in ihren Augen ein Widerspruch. Den Leitern des Markus-Krankenhauses wird der Gewinn durch die Helfer nicht entgangen sein: Rund 5000 Arbeitsstunden haben sie der Klinik vergangenes Jahr geschenkt.

Obwohl Vereine im ganzen Land dringend nach Helfern suchen, ist vielen Menschen unklar, wo sie sich engagieren können. Hessen brachte Ordnung ins Chaos der vielen kleinen Agenturen und führte als erstes Bundesland eine flächendeckende Vermittlung im Internet ein. Knapp 8500 hessische Vereine haben sich bereits eingetragen. Warum monatlich 10.000 Personen auf die Website zugreifen und nach Ehrenämtern suchen, begründet Renate Drüker mit einem einfachen Satz: „Man kann nicht nur zu Hause sitzen und die Möbel bewachen.“

Von Johannes Schmitt-Tegge (dpa)

Quelle: op-online.de

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