Eine besondere Seilschaft

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Spektakuläre Artistik und zauberhafte Anmut auf dem Hochseil: Die französische Compagnie „Les Colporteurs“ zeigt im Bockenheimer Depot Seiltanz in Vollendung.

Frankfurt - An einem Tag am Meer veränderte sich das Leben von Antoine Rigot für immer. Der weltberühmte Seiltänzer erlitt im Jahr während einer USA-Tournee beim Spiel mit Artisten-Freunden am Strand einen schweren Unfall und war gelähmt. Von Christian Riethmüller +++Fotostrecke+++

Ob er jemals wieder auf die Beine kommen würde, war lange Zeit ungewiss, doch mit eisernem Willen schaffte es der Franzose, erst wieder zu stehen und schließlich auch zu laufen. Seine Behinderung ist ihm noch deutlich anzusehen und auf sein geliebtes Seil wird er nie zurückkehren können. Doch dem Seiltanz ist er als Leiter der Compagnie „Les Colporteurs“ noch immer verbunden und hat nun mit dem Stück „Le Fil Sous La Neige“ die vielleicht spektakulärste Show in diesem artistischen Segment aufgelegt.

Die Seiltanz-Inszenierung, die noch bis Samstag im Bockenheimer Depot in Frankfurt zu sehen ist, erzählt die Geschichte des Antoine Rigot. Es ist eine Geschichte voller Gefühle und über die Fragilität des Glücks. Der Seiltanz ist eine Metapher für das Leben, bei dem man auch auf schmalem Grat wandelt und bisweilen zu stürzen droht, weil das rettende Seil nicht zu erkennen ist, weil es vielleicht unter Schnee begraben liegt, wie der Titel der Show suggeriert.

Die Show, die bei ihrer Deutschlandpremiere am Mittwochabend die Zuschauer in ungläubiges Staunen versetzte, bietet über 90 Minuten Artistik der Spitzenklasse. Auf sechs in unterschiedlicher Höhe gespannten Seilen vollführen sieben famose Seiltänzer (drei Frauen und vier Männer) teils aberwitzige Kunststücke, wenn sie über die Seile glitten, hüpften, tanzten, sprangen oder gleich Salti schlugen.

Spektakuläre Artistik und zauberhafte Anmut auf dem Hochseil: Die französische Compagnie „Les Colporteurs“ zeigt im Bockenheimer Depot Seiltanz in Vollendung.

Doch die Inszenierung, die von zwischen Jazz und Progressive Rock angesiedelten Stücken einer dreiköpfigen Band untermalt wurde, ist nicht nur Spektakel, sondern auch eine choreografische Hymne an das Miteinander. Denn viele Einlagen erfordern nicht nur höchste Konzentration und das eigene Können, sondern die helfenden Händen und die gemeinschaftliche Anstrengung aller Artisten, um nicht abzustürzen. Dank dieser Zusammenarbeit entsteht ein Gesamtkunstwerk, das seine besondere Strahlkraft aber durch die jeweilige Persönlichkeit der Künstler erhält.

Die von den Machern des Frankfurter Varieté-Theaters „Tigerpalast“, Margareta Dillinger und Johnny Klinke, nach Frankfurt geholte Show ist mit ihren vielfältigen Anspielungen ein vortrefflicher Auftakt für jenes Großprojekt, mit dem der im Dezember 2007 nach einigem Gezeter gegründete Kulturfonds Frankfurt RheinMain in die Öffentlichkeit tritt. „Phänomen Expressionismus“ heißt die Projekt reihe, die bis ins Jahr 2011 in der Region etliche Ausstellungen, Konzerte und Theaterprojekte zu einer der einflussreichsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts bieten wird.

Die Verbindung Seiltanz, Expressionismus und Rhein-Main-Region ist dabei kein gewagter Drahtseilakt oder eine wackelige Konstruktion, sondern baut auf solidem Fundament. Nicht nur fanden etliche Künstler, die dem Expressionismus zugerechnet werden, zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei ihrer Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten Inspiration bei den Artisten, bei Varietés und Zirkussen. Ihre Wege kreuzten sich auch hier in der Region zwischen Aschaffenburg und Mainz, zwischen Bad Homburg und Darmstadt.

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Die Sammlerin und Galeristin Hanna Bekker vom Rath spielte ein wichtige Rolle, bei der Künstler wie der in Aschaffenburg geborene Ernst Ludwig Kirchner, der später in Wiesbaden lebende Alexej von Jawlensky oder der in Frankfurt, Hofheim und Darmstadt wirkende Ludwig Meidner ein und aus gingen. Doch nicht allein in der Bildenden Kunst, sondern auch in Literatur, Tanz, Musik, Architektur, Film und Theater lassen sich vielfältige Verbindungen der Region zum Expressionismus herstellen.

So wie der Expressionismus einst für Umbruch und Erneuerung in der Kunst stand, würde wohl auch der Kulturfonds gern zu einer Form des Aufbruchs beitragen und die „regionale Kulturarbeit optimieren“, wie er es sich als Ziel bei seiner Gründung auf die Fahnen geschrieben hat.

Mit der Seiltanz-Show „Le Fil Sous La Neige“, die noch bis zum Samstag im Bockenheimer Depot in Frankfurt zu sehen ist, startete der Kulturfonds Frankfurt RheinMain sein Großprojekt „Phänomen Expressionismus“.

Bis Februar 2011 werden mehr als 15 Kunst- und Kulturinstitutionen in Frankfurt, Darmstadt, Bad Homburg, Hofheim und Wiesbaden eine der wichtigsten Epochen der Klassischen Moderne in Deutschland vorstellen.

Höhepunkte des Projekts sind sicherlich die große Ernst Ludwig Kirchner Retrospektive im Städel Museum (23. April bis 25. Juli 2010) und die umfassende Schau „Gesamtkunstwerk Expressionismus“ auf der Mathildenhöhe Darmstadt (24. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011).

Das Veranstaltungsprogramm findet sich auf der Internetseite des Kulturfonds Frankfurt „Phänomemen Expressionismus“.

Als Gesellschafter sind dem Fonds bisher freilich nur der Hochtaunuskreis und der Main-Taunus-Kreis sowie die Städte Frankfurt und Darmstadt beigetreten. Diese Gesellschafter führen dem Fonds jährlich zwei Euro pro Einwohner zu. Das Land Hessen verdoppelt diesen Betrag und gibt derzeit außerdem noch eine Million Euro pro Jahr dazu, was dem Kulturfonds einen jährlichen Etat von sechs Millionen Euro beschert. Über den Beitritt weiterer Landkreise oder der Städte Offenbach und Hanau zum Kulturfonds wäre die Freude beim Kulturausschuss des Kulturfonds wahrscheinlich ähnlich groß, wie über das hinreißende Gastspiel von Antoine Rigots Seiltänzer-Compagnie, die in einer berührenden Schlussszene von Rigot und seiner Frau Agathe Olivier auch ein Motto für die Zusammenarbeit in der Rhein-Main-Region ausgaben: Ein starkes Band kann nichts und niemand trennen.

Quelle: op-online.de

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