Eine mobile Immobilie

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Das Airrail Center am Flughafen Frankfurt: Der 660 Meter lange und 65 Meter breite Bau über dem ICE-Bahnhof soll im Frühjahr 2010 fertig sein. Auf etwa 140 000 Quadratmetern sollen neben Büros und Hotels auch Läden, Restaurants oder Arztpraxen Kunden anlocken.

Frankfurt - Wenn sich auf einer Baustelle Schlipsträger unter die Bauarbeiter mischen, ist meist das Richtfest angesagt. Wenn sich etwa 450 geladene Gäste unter 800 Bauarbeitern tummeln, ist es ein großes Richtfest. +++ Fotostrecke +++ Von Ralf Enders

In der Tat: Das Airrail Center über dem Fernbahnhof am Frankfurter Flughafen ist ein Bau der Superlative. 660 Meter lang und 65 Meter breit ist das spektakuläre Gebäude direkt an der A 3, für das gestern der Richtkranz hochgezogen wurde. Es ist eines der größten Bauprojekte, die derzeit in Europa laufen und wichtiger Teil der Airport City, der Flughafenstadt rund um den eigentlichen Luftverkehr, mit der der Betreiber Fraport sich ein zweites, äußerst lukratives Standbein schafft. Neben dem Airrail Center gehören dazu etwa das ehemalige US-Areal Gateway Gardens und das neue Terminal 3. Schon heute erwirtschaftet Fraport mehr als die Hälfte des operativen Gewinns mit der Vermietung an Einzelhandel und Gastronomie sowie der Immobilienvermarktung.

Davon sind nicht alle begeistert. Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD), geladener Gast beim Richtfest, sagte mit Blick auf die Kaufkraft in der Region gegenüber unserer Zeitung: „Ich beobachte diese Entwicklung mit einer gewissen Sorge.“ Gleichwohl glaube er an die Attraktivität „innerstädtischen Einkaufens“. Offenbach biete mit dem im September eröffnenden Einkaufszentrum KOMM eine feine Alternative in der „richtigen Dimension“.

Ansonsten mochte gestern niemand Wasser in den edlen Wein gießen. Der Stolz auf das „Raumschiff“, wie der markante Bau im einen oder anderen Volksmund schon genannt wird, ist groß. Und das vor allem wegen der Eigenschaft Nr. 1 einer Immobilie: der Lage. Innerstädtische Laufkundschaft gibt‘s zwar nicht, aber auch so dürfte im Airrail Center keine Tristesse herrschen: Es gibt einen eigenen ICE-Bahnhof, Flughafen-Terminal 1 und Regionalbahnhof sind in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen, und das Frankfurter Kreuz, wichtigster deutscher Autobahnknoten, ist einen Steinwurf entfernt. Dies ist in Deutschland und Europa einmalig, wohl sogar auf der ganzen Welt, betonten mehrere Redner.

Gerhard Niesslein, Vorstandssprecher des Bonner Immobilienunternehmens IVG, ist sich sicher: „Die Kunden kommen hier an, nicht in der Innenstadt.“ Flughafenstädte gelten in der Tat weltweit als wichtige Zentren. Schon heute beobachten Stadtforscher zum Beispiel, dass relevante Zugverbindungen dorthin gehen und die eigentlichen Citys nur noch streifen. Inwieweit Flughafenstädte jedoch Kundschaft aus dem Umland anziehen, ist noch nicht hinreichend untersucht.

Ab April nächsten Jahres locken die Airrail-Läden die Kunden. Ursprünglich war die Eröffnung bereits für diesen Herbst geplant, aber im vergangenen Jahr trennte sich IVG vom Generalunternehmer Alpina, was - neben dem harten Winter - zu Verzögerungen führte.

Im Kern wirft IVG Alpina vor, zu wenig Personal und Material auf der Baustelle konzentriert zu haben. Übernommen hat die Mega-Baustelle die Stuttgarter Züblin AG, die in Frankfurt zum Beispiel auch das PalaisQuartier und den Opernturm errichtet hat. Mit Alpina, so berichtete gestern IVG-Chef Niesslein, befinde man sich in einem Mediationsverfahren und hoffe im Streit um finanzielle Nachforderungen auf eine außergerichtliche Einigung.

Ansonsten gaben sich die IVG-Verantwortlichen hoch zufrieden ein Jahr vor der Eröffnung. 58 Prozent der Fläche seien bereits vermietet, zum jetzigen Zeitpunkt sei dies eine „sehr gute“ Zahl. Die Hilton-Hotelgruppe wird im Airrail Center gleich zwei Hotels eröffnen: ein First-Class-Haus mit 248 und eines der Mittelklasse mit 334 Zimmern.

Weitere Infos finden Sie unter  http://www.airrail.de

Die weiteren feststehenden Mieter - da kann man Horst Schneiders Optimismus teilen - dürften nach ersten neugierigen Schnupperbesuchen keine dauerhafte Konkurrenz zum innerstädtischen Einkauf sein: Supermarkt, Optiker, Apotheke oder Parfümerie haben sich angesagt. Hinzu kommen etwa der Star-Coiffeur Ochs oder der renommierte Juwelier Rüschenbeck, die auf Flughafen-Kundschaft setzen.

Da kann Offenbach - so viel Selbstbewusstsein muss sein - der Eröffnung des KOMM freudig entgegensehen.

Quelle: op-online.de

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