In einer bunten Welt der Phantasie gelandet

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Der gelähmte Artist Dergin Tokmak brilliert mit einem Breakdance an Krücken.

Frankfurt ‐ Als Ikarus mit seinen Wachsflügeln der Sonne zu nahe kam, ist er nicht etwa ins Meer gestürzt, sondern in einen Wald in der Unterwelt. Von Christian Riethmüller

So deutet zumindest der kanadische Cirque du Soleil in seiner Show „Varekai“ die griechische Sage um und entführt den fliegenden Jüngling und die Zuschauer in eine kunterbunte Phantasiewelt...

Die befindet sich „wo auch immer“, was der Ausdruck „Varekai“ in Romani, der Sprache der Roma, bedeutet. Bis zum 18. Juli hat diese Phantasiewelt allerdings eine Adresse, denn bis zu diesem Tag gastiert der Cirque du Soleil in seinem weißen Grand Chapiteau auf dem Festplatz am Ratsweg in Frankfurt. Die im Jahr 2002 in Montreal uraufgeführte Show unter Regie von Dominic Champagne verwendet das Ikarus-Motiv als Einstieg in ein Programm, in dem weniger übermütiger Wagemut, als vielmehr die Ruhelosigkeit gefeiert wird. Dieses Nicht-Stehenbleiben-Können zwingt den Nomaden auf seine Wanderungen und prägt auch die Zirkustradition. Wie früher die Schausteller und Gaukler, ist der Zirkus bis heute immer unterwegs, immer in Bewegung. Für den Cirque du Soleil gilt das ganz besonders. Hier vollführen Menschen Bewegungen und Aktionen, die den Beobachter jedes Mal aufs Neue mit weit aufgerissenen Augen und heruntergeklappter Kinnlade staunen lassen.

Die Zwillinge Andrew und Kevin Atherton schweben an Strapaten hängend in perfekt synchronisierten Figuren unter der Kuppel des Zirkusdachs.

Bei „Varekai“ sind es etwa die „Icarian Games“, die Ikarischen Spiele, der aus Italien stammenden Gebrüder Stiv und Roni Bello, die das bisherige Wissen um menschliche Belastbarkeit erweitern. Die beiden schlagen Salti, drehen Schrauben und vollführen Bocksprünge wie bei einer Kür im Bodenturnen, allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass die Landefläche nicht ein Turnhallenboden, sondern die in die Luft gestreckten Fußsohlen des Bruders sind. Während man noch mit Schaudern über die Schmerzen nachdenkt, die die beiden Protagonisten bei der Einübung dieser akrobatischen Nummern bei jedem Fehltritt erlitten haben müssen, verwandeln sich die Bello-Brüder schon in ein menschliches Perpetuum mobile aus Katapult und Fänger, das eine alte Zirkustradition auf meisterliche Art und Weise interpretiert.

Impressionen der neuen Show

Cirque du Soleil verzaubert Frankfurt

In guter Tradition steht auch der Auftritt der Clowns, die bei „Varekai“ aus dem Konzept der Phantasiewelt herausgelöst sind und in die Realität verweisen. Steven Bishop gibt einen talentfreien Zauberer, der von seiner tollpatschigen Assistentin Marchiquita fortwährend bloßgestellt wird. Mögen die Späßchen zwischen lau und brachial angesiedelt sein, so ist das selbstironische Spiel mit den Bühnenrollen mehr als bemerkenswert. Wie nah Tragik und Humor mitunter sein können, zeigt Bishop bei seinem Auftritt als verhinderter Chansonier, der Jacques Brels sterbenstrauriges Lied „Ne me quitte pas“ (Verlass‘ mich nicht) zum Besten gibt und dabei immer dem Rampenlicht hinterherhecheln muss, das ihn ständig verlässt. Der einsame Strahler darf dabei durchaus als Metapher auf die Sonne verstanden werden, die einem auch nicht immer leuchtet oder die einen gleich verbrennt, so wie Ikarus.

Wer der Sonne aber nicht zu nahe kommt, kann unbeschwert durch die Lüfte schweben und dabei auch noch die verblüffendsten Kunststücke anstellen, wie gleich mehrere Nummern im „Varekai“-Programm beweisen. Die Russin Leysan Gayazova wirbelt etwa an und in einem Hula-Hoop-Reifen hängend durch die Zeltkuppel und vollführt mehrere Meter über dem Publikum akrobatische Figuren, die man sich selbst mit festem Boden unter den Füßen nicht einmal in Gedanken trauen würde.

Ähnlich wagemutig sind die Zwillinge Andrew und Kevin Atherton unterwegs, die an von der Decke baumelnden Strapaten perfekt synchronisierte Akrobatikfiguren zeigen, die bei allem Kraftaufwand eine fast schon tänzerische Leichtigkeit ausstrahlen.

Der Cirque du Soleil zeigt „Varekai“ bis 18. Juli im Zirkuszelt auf dem Festplatz am Ratsweg in Frankfurt. Tickets gibt es zwischen 41 und 116 Euro auf der Internetseite des Veranstalters. Rabatte für Kinder, Schüler, Studenten und Senioren.

Kraft, Anmut und eine geradezu unglaubliche Körperbeherrschung zeichnet auch die vielleicht bewegendste Einlage im Programm aus. Der ursprünglich aus Aschaffenburg stammende Akrobat Dergin Tokmak erkrankte als Kleinkind an Kinderlähmung und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Den Stuhl ersetzen ihm während der Show zwei Krücken, an denen er eine faszinierende Breakdance-Vorführung bietet, die vergessen lässt, dass Tokmak nicht laufen kann.

Atemberaubender gerät nur noch das Finale der äußerst sehenswerten Aufführung. Sie bietet Tempo-Jonglage, Schlangenfrauen, Kinderakrobatik, georgische Tänze, prächtige Kostüme der japanischen Designerin Eiko Ishioka, surrealen Witz und eigens komponierte, nicht immer bezwingende, aber live gespielte Musik von Violane Corradi zwischen hawaiianischer Klängen, Gospels und armenischen Melodien.

Das ist schon fast zu viel des Guten. Doch der Schluss befeuert den Wunsch nach Mehr. Dafür sorgen die Akrobaten an den „russischen Schaukeln“, die sich tollkühn in die Höhe katapultieren lassen, um scheinbar einem höheren Ziel entgegenzuspringen. Als wollten sie Ikarus einen Weg aufzeigen, doch noch zu fliegen. Sensationell.

Quelle: op-online.de

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