Wie bei einer TV-Gerichtsshow

Kassel - (dpa) Der Vorwurf wog schwer, klang geradezu abscheulich. Mit heftigen Tritten in den Bauch soll ein junger Mann in Nordhessen einen Schwangerschaftsabbruch bei seiner Ex-Freundin provoziert haben. Immer wieder schlug er laut Anklage sogar mit einem Besenstiel auf die Wehrlose ein.

Gestern wurde jedoch bei der Verhandlung vor dem Kasseler Amtsgericht klar, dass die Frau gar nie schwanger war. Mit dieser plötzlichen Wendung und der abenteuerlichen Geschichte ähnelte der Prozess einer Gerichtsshow aus dem Nachmittagsfernsehen.

Laut Anklage hatte der 18-Jährige in Hofgeismar nördlich von Kassel im Dezember seine zwei Jahre ältere Ex-Freundin besucht. „Als er erfuhr, dass sie schwanger ist, rastete er aus, schlug mit der flachen Hand und den Fäusten auf Kopf und Körper ein.“ Mit einem Besenstiel habe er sie geschlagen, bis der abknickte. Und zuletzt soll er sich „extra seine schweren Winterstiefel“ angezogen und der Frau mehrfach in den Bauch getreten haben. Aus der Scheide geblutet habe die Schwangere.

Der Hartz-IV-Empfänger wirkte erst selbstsicher, plauderte gar mit dem Richter und trommelte mit den Fingern gelangweilt auf den Tisch. Dann wurde er wieder nervös. Geschlagen habe er sie, nicht aber in den Bauch getreten: „Weil, auf den Bauch schlage ich sie grundsätzlich nie.“ Komme das denn öfter vor? „Naja, wir haben uns dauernd gefetzt. Und ich bin nicht so gut mit Handkoordination und so. Vielleicht wollte ich auf die Arme hauen und habe den Bauch erwischt.“ Und der Besenstiel sei ja gleich abgeknickt. „Da hatte ich keine Lust mehr.“

Als der Mann mit der Schwangerschaft aus dem Polizeiprotokoll und der Anklage konfrontiert wird, zuckt er mit den Schultern. „Die war doch zehnmal schwanger. Immer, wenn ich mich von ihr trennen wollte.“ Mehrfach habe er die Beziehung beenden wollen, „aber die fing ja gleich immer an, sich aufzuschneiden.“ „Scheiße gebaut“ habe er und es tue ihm „übelst leid“. „Aber schwanger, neee!“

Entsprechend wurde das Opfer gemustert, als es den Gerichtssaal betrat. Die Arbeitslose sagte, im Streit sei ihr Freund immer gleich ausgetickt und habe sie auch mit dem Kopf gegen den Schrank gedonnert. Und schwanger, fragte der Richter? „Nein, war ich nie. Aber ich dachte, damit kriege ich ihn wieder.“ Und die Blutungen der Scheide? Das passiere eben einmal im Monat.

Eine Freundin, die ihre Tasche mit der Aufschrift „Fuck you“ vor sich auf den Zeugentisch stellte, bestätigte die Fakten. Als der 18- Jährige damals mit seiner neuen, eifersüchtigen Freundin telefonierte und sagte, er sei bei der Oma, schrie die Ex dazwischen „Er lügt! Er ist bei mir!“. „Er hat sie dreimal verwarnt, dann ist er ausgerastet.“ Schläge, auch mit dem Besenstiel, Tritte, alles wahr. Nur eben die Schwangerschaft nicht.

Der düpierte Staatsanwalt beantragte vier Wochen Arrest, eine wird es dann im Urteil. Dazu 60 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein „sozialer Erfahrungskurs“. „Sie brauchen einen Warnschuss“, sagte der Richter und verurteilte den Mann wegen gefährlicher Körperverletzung. Wäre der 18-Jährige als Erwachsener verurteilt worden, wäre Gefängnis drin gewesen. „Trotz außergewöhnlicher Brutalität“ bleibe er „wegen der guten Prognose“ gnädig, so der Richter. Die Ex-Freundin blickt den 18-Jährigen dabei an. Eigentlich würde sie ihn „ganz gern zurücknehmen“ - trotz der Schläge.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare