Einfluss von Ex-Nazis in Hessen

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Einige Nazis zogen nach dem zweiten Weltkrieg für CDU, SPD oder FDP in den hessischen Landtag ein.

Wiesbaden - Der Hessische Landtag unterstützt in Zukunft weitere Studien über Abgeordnete, die der NSDAP angehörten. Dabei soll es auch um die Auswirkungen dieser Tatsache auf die Landespolitik gehen. Von Petra Wettlaufer-Pohl

Die NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter soll tiefgründiger erforscht werden. Das hat eine vom Landtag eingesetzte Arbeitsgruppe beschlossen, die sich schon länger mit der Geschichte des hessischen Parlamentarismus befasst. Den Historikern geht es darum, das Agieren von Personen näher zu untersuchen, deren Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen NSDAP bekannt ist. Sie wollen zunächst zwei Dissertationen unterstützen, die sich mit den Auswirkungen auf die Landespolitik nach 1945 beschäftigen. Natürlich seien weitere Studien möglich, so Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU)

Sabine Schneider in Marburg wird sich mit elf Biografien von langjährigen Landtagsabgeordneten befassen, deren NS-Verstrickung unterschiedlich ausgeprägt ist. Die Mitgliedschaft allein, so der Marburger Professor Eckart Conze, sage noch nichts über die tatsächliche NS-Belastung aus. Alle elf Abgeordneten gehörten allen großen Parteien an, vier kommen von der FDP. Am bekanntesten ist der SPD-Politiker Rudi Arndt (1927-2004), der Finanzminister und Frankfurter Oberbürgermeister war. Darunter ist auch Hermann Krause von der CDU, der mehr als zwei Jahrzehnte Bürgermeister in Hanau war oder Ex-Landwirtschaftsminister Gustav Hacker vom BHE/GDP (Gesamtdeutsche Partei/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten).

Schneider will untersuchen, wie die Abgeordneten sich verhalten haben, wie sie ihre Zusammenarbeit mit denen gestalteten, die Opfer der Nazis waren und welchen Einfluss ihre Einstellungen vor 1945 auf die politische Gestaltung nach dem Krieg beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft hatten. Bei der Auswahl musste laut Conze auch eine Rolle spielen, über welche Personen hinreichende biografische Informationen vorliegen.

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

Dass die Tätigkeit belasteter Personen zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedlich beurteilt wurde, ist Thema einer zweiten Dissertation an der Uni Gießen von Wolfgang Helsper. Hier gehe es weniger um Biografien, so Prof. Dirk van Laak, sondern um den allgemeinen Umgang mit der Vergangenheit vor 1945. Die landläufige Auffassung, erst die 68er-Bewegung habe das Thema an die Oberfläche gespült, sei so nicht richtig, so die Historiker. Das Thema habe durchaus auch früher schon Konjunktur gehabt, und sei es im informellen Rahmen „hinter den Kulissen“, so van Laak. So sei zum Beispiel auch zu untersuchen, wie biografische Kenntnisse aus der Zeit vor 1945 unterschwellig instrumentaliert wurden in der Nachkriegszeit.

Dass Mitte der 60er Jahre jeder dritte Abgeordnete vor 1945 ein NSDAP-Parteibuch hatte und alle Parteien davon betroffen waren, ist bereits durch frühere Untersuchungen bekannt. Zu diesen Volksvertretern zählten auch etliche ehemalige hohe SS-Männer. Kartmann betonte, er lege Wert darauf, dass die Aufarbeitung der NS-Zeit frei bleibe von parteipolitischen Erwägungen.

Quelle: op-online.de

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