Vom Tod in der Einsamkeit

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Immer häufiger sterben Menschen, ohne dass es jemand bemerkt, ohne dass Angehörige davon wissen. Ein Leben wird dann bei den Behörden zur „Leichensache“ und ein fremder Mensch, ein Nachlasspfleger, muss sich auf die Spuren dieses Unbekannten begeben.

Frankfurt ‐ Gabriele Müller-Mamerow ist sehr konzentriert. Mit Hilfe des Hausmeisters hat sie sich Zutritt zur Wohnung verschafft. Der Geruch ist unerträglich, der Tod liegt noch in der Luft, Schmeißfliegen sind zu sehen. Von Peter Schulte-Holtey

Der Mann will die Nachlasspflegerin lieber allein lassen, er wartet vor der Tür, auf Abruf - denn er wird noch als Zeuge zum Einsatz kommen. Müller-Mamerow kommt, wenn andere gestorben sind, ohne dass es jemand bemerkt, ohne dass Angehörige davon wissen. Die gelernte Rechstanwalts- und Notargehilfin dringt in Lebenswelten vor, sucht in Räumen einsam gestorbener Menschen nach Geld und Testamenten. Sorgfältig regelt sie die Hinterlassenschaften von Männern und Frauen.

Die Beauftragte des Amtsgerichts hat sich Plastikhandschuhe übergezogen, geht durch die Zimmer. Sie liest Briefe, sehr persönliche Schreiben, versucht sich hineinzufinden: „Dann kann ich vielleicht eher verstehen, wie derjenige oder diejenige fühlt und handelt, ob gar Verstecke angelegt wurden.“ An vielen Stellen wird sie fündig, nimmt Spuren auf. Den mehr oder weniger wertvollen Hausrat, den die Nachlasspflegerin nicht zum Sperrmüll geben will, versucht sie später im Trödelmarkt oder bei Antiquitäten-Händlern zu verkaufen. Von dem Erlös werden Bestattungskosten oder offene Rechnungen beglichen. Für Müller-Mamerow ist es immer wieder ein Erfolgserlebnis, „wenn ich dann in den Papieren Hinweise finde, dass Geld da ist, dass es Verwandte gibt, die ich benachrichtigen kann“. Für sie ist das wie ein Ausgleich für die furchtbaren Sachen, die sie gesehen hat. Als sie die Wohnung verlässt, bittet sie den Hausmeister, einen Blick auf ihre Fundsachen zu werfen. Müller-Mamerow muss sich absichern. Denn manchmal geht durch die Hände von Nachlasspflegern viel Bargeld.

Spurensuche in den Räumen von Toten

Der 51-Jährigen ist die schwere Belastung kaum anzumerken, sie lacht gerne, die große Lebensfreude wird in ihren Schilderungen an vielen Stellen spürbar. Vielleicht muss man eine sehr positive Lebenseinstellung haben, um in den Räumen von Toten auf Spurensuche zu gehen. Dass Menschen einsam sterben und lange Zeit unentdeckt in Wohnungen liegen, kommt häufig vor. Oft bekommt sie jede Woche in Frankfurt vier Fälle zugeteilt: „Weihnachten und in den Sommerferien habe ich besonders viel zu tun. Im Winter häufen sich die Suizide und bei einer Hitzewelle sterben viele Ältere an Herzversagen.“

Sie räumt ein, dass ihre Gefühle schnell mal wie auf einer Achterbahn unterwegs sind: „Ich bin zwar an den Tod gewöhnt, für mich gehört er zum Alltag.“ Trotzdem hat die Frau aus Bergen-Enkheim ihr eigenes System entwickelt, um sich „vor schlechten Gedanken“ zu schützen: „Ich versuche meistens vormittags in die Wohnungen zu gehen. Dann habe ich bis zum Abend noch ausreichend Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten. Wenn es ganz schlimm gewesen ist, dann gönne ich mir nachher auch was Schönes, gehe zum Friseur oder Einkaufen. Auf jeden Fall gehe ich nach jeder Durchsuchung erst einmal duschen, wasche den beißenden Geruch von meinem Körper, wechsele die Kleidung - der Verwesungsgestank haftet ja überall - an Kleid und Bluse.“

Auf die wenigsten Verstorbenen trifft das Klischee des „verwahrlosten Sozialfalls“ zu. Einsamkeit fragt nicht nach sozialem Status, nicht nach Vermögensverhältnissen, nicht nach Alter oder Geschlecht. Müller-Mamerow stellt fest: „Immer mehr ältere Menschen kapseln sich ab, oft leben die Angehörigen ja inzwischen in anderen Teilen Deutschlands oder im Ausland.“ Sie ist Expertin für das Wesen der Einsamkeit geworden: „Viele misstrauen ihrer Umwelt, wollen keine fremde Hilfe zulassen, sie haben Angst.“ Bei einem Großteil grenze es schon an Verfolgungswahn; vielleicht hänge es auch mit den vielen Psychopharmaka zusammen, die sie häufiger in den Wohnungen finde, berichtet die Nachlasspflegerin, die noch eine weitere Erfahrung bei ihrer Arbeit gemacht hat: „Die meisten wollten wohl nicht übers Sterben nachdenken, viele haben offenbar geglaubt, das sei ein schlechtes Omen.“ Für Müller-Mamerow ist es der falsche Weg.

Quelle: op-online.de

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