Prinzessin der Normalos

Ellie Goulding verhebt sich in der Jahrhunderthalle ein wenig am Bombast

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Beim Auftritt in der Jahrhunderthalle wirkt Ellie Goulding, als ob sie mit der glamourösen Inszenierung fremdelt.

Frankfurt - Vor sechs Jahren machte die britische Newcomerin Ellie Goulding erste Schritte auf internationalem Pop-Parkett, heute ist die 29-Jährige Dauergast in den Hitparaden. Ihr neues Album stellte sie jetzt in der Jahrhunderthalle vor. Von Peter Müller 

Kaum „dem Tod von der Schippe gesprungen“, probt Britanniens Pop-Wunder Ellie Goulding in der Frankfurter Jahrhunderthalle den Entertainment-Aufstand gegen die Rihannas und Taylor Swifts der Szene. So ganz warm will man aber mit der angekündigt „gewaltigen Show“ ihrer „Delirium World Tour“ nicht werden – zu offensichtlich ächzt und stöhnt das opulent bestückte 90-Minuten-Programm unter seinen eigenen Ambitionen. Immerhin: Die Fans sind kollektiv begeistert, und das Brautkleid steht ihr ausgesprochen gut. Na, da durften wir doch neulich alle mal tief aufatmen: Fräuleinwunder Goulding, die uns mit ihren „Love Me Like You Do“ den eher nicht vergnügungssteuerpflichtigen Sadomaso-Streifen „Fifty Shades of Grey“ verschönern konnte, hatte uns mit einem dramatischen Facebook-Post mal so richtig erschreckt: Im norwegischen Nirgendwo war sie während eines Fotoshootings doch tatsächlich mit dem Wagen eingebrochen, auf vereistem See, bei minus 25 Grad. Aber, am Ende alles gut – die sportive Ellie hat’s geistesgegenwärtig durchs Dach geschafft und gleich anschließend ihre Gefühlslage wie folgt beschrieben: „Mein erster Gedanke: Oh Shit! Mein zweiter: Mach ein Foto!“

Mit diesem kuriosen Statement ist sie vielleicht gar nicht so weit weg von dem, was nicht-eingefleischten Fans bei ihrem Frankfurt-Auftritt durch den Kopf schießt: Ellie Goulding, so etwas wie die Prinzessin der Normalos unter den Pop-Superstars, hat sich auf ihrer „Delirium World Tour“ ganz viel vorgenommen. Um nicht zu sagen: Sie hat sich ein wenig verhoben, obwohl es doch generell grandios gut für sie läuft. Denn das, was zwischen dem Auftakt-Song „Aftertaste“ und dem Konfetti-Finale so alles abspielt, wirkt über weite Strecken derart inszeniert, gekünstelt und fast steril, dass man sich schon beim ikonografisch umwölkten Beginn fragt, wer ihr zu dieser versuchten All-inclusive-Glamour-Show geraten hat.

Klar, mit ihrem aktuellen, in sexy Coverpose gepackten Album „Delirium“, produziert von Hitmaschinenwerkern wie Ryan Tedder (One Republic) und Max Martin (Katy Perry, Taylor Swift u.a.), hat sie neues Terrain betreten – die Platte ist ein einziges Pop-Manifest mit Electro-Dance-Elementen geworden. Und das heute 29-jährige Mädchen aus der Midland-Provinz, das auf der Uni noch schön traurige Singer-/Songwriter-Balladen geschrieben hat, soll nun offenbar zur nächsten Lady Gaga getrimmt werden – mit schwarzen Hotpants und Biker-Boots, barfuß im weißen Brautkleid oder als sportive Roller-Skaterin ohne Rollen.

Bilder: Ellie Goulding in der Jahrhunderthalle

Dazu Band und Backvocal-Chor, halbnackte Tanz-Akrobaten, sexy Hüftwackler, Vorhänge aus Goldbrokat, bunte Kunstfilme und jede Menge Video-Porträts mit wehenden Haaren, natürlich die radiotauglichen Hits wie „Outside“, „We Can’t Move To This“ oder „Burn“, nebst wunderbaren Balladen wie „My Blood“ – alle Ingredienzen, die es braucht, um das große Entertainment-Feuerwerk zu entfachen.

Nur Ellie Goulding selbst scheint sich in dieser Rolle noch nicht wirklich wiederzufinden – sie wirkt zuweilen wie in eine Zwangsjacke gesteckt. Das große Pfund bleibt ihre prägnante, eigenwillig lakonische Stimme, die in der Tat zauberhaft sein und im nächsten Moment Disco-Atmosphäre (klasse: die Zugabe „Anything Could Happen“) entfachen kann. Ihre Fangemeinde jedenfalls ist erwartungsgemäß aus dem Häuschen – alles gut also bei Ellie, wieder mal.

Quelle: op-online.de

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