Eltern machen Dampf

Zwei Mal hat sich Hessens Kultusministerium beim Reparaturversuch einer höchst umstrittenen Regelung im G8-Schulsystem eine blutige Nase geholt. Vorstoß Nr. 3 in der Kultusministerkonferenz (KMK) könnte jetzt doch den Weg zur Mittleren Reife nach Klasse 9 ebnen. Von Peter Schulte-Holtey

Für viele Eltern und Lehrer „ein überfälliger Schritt“. Für Katrin K. aus Obertshausen, die sich engagiert um die Schulausbildung ihrer Teenager-Töchter kümmert, wäre „das eine Großtat“. „Ich kann das nicht verstehen. Warum bekommt meine Tochter am Ende der Mittelstufe nur einen Hauptschulabschluss, aber keine anerkannte Mittlere Reife - wie früher?“ fragt sie erzürnt: „Das ist doch ungerecht.“

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Die Mutter einer Neuntklässlerin, die sich überlegt, den gymnasialen Zweig der G8-Gesamtschule zu verlassen, steht mit ihrem Zorn nicht allein. Vor wenigen Wochen sorgte die Klage eines Schülers aus dem Main-Taunus-Kreis bundesweit für Aufsehen. Das Verwaltungsgericht lehnte aber ab und erinnerte an einen bindenden KMK-Beschluss, der noch immer festlegt, dass die Mittlere Reife deutschlandweit erst nach Klasse 10 vergeben wird.

Das Murren an vielen Schulen in Hessen wird trotzdem immer lauter. „Eltern und Schülern ist es unbegreiflich, warum nach Absolvieren des Stoffes bis zum Ende der Jahrgangsstufe 9 - und somit der Sekundarstufe 1 - lediglich der Hauptschulabschluss erreicht wird“, meint Pia Layer, Vorsitzende des Kreiselternbeirats-Offenbach: „Gleicher inhaltlicher Unterricht in reduzierter Lernzeit sollte zu einem vergleichbaren Abschluss führen.“

„Problem ist Kürzung der Unterrichtszeit in der Mittelstufe“

Auch Michael Brehm, Vorsitzender des Stadtelternbeirates in Offenbach, lässt nicht locker. „Ursache des Problems ist doch, dass die hessische G8-Regelung eine ausschließliche Kürzung der Unterrichtszeit in der Mittelstufe vornimmt, was wiederum die Kultusministerkonferenz veranlasst, der hessischen Regelung mit Abschluss der Mittelstufe die Anerkennung des Realschulabschlusses zu verweigern“, erklärt er.

Dabei kritisiert Brehm, dass auch der bisherige Entwurf des neuen hessischen Schulgesetzes an diesem Punkt keine andere Regelung vorsehe, „so dass der Landeselternbeirat eine Neuregelung von G8 in Form einer Rückkehr zur sechsjährigen Mittelstufe fordert“. Brehm: „Danach wäre wieder die Anerkennung des mittleren Bildungsabschlusses Realschule durch die Kultusministerkonferenz möglich. In der Oberstufe sollte dann eine Wahlmöglichkeit zwischen G8 - mindestens vier Schulhalbjahre - oder G9 - mindestens sechs Schulhalbjahre - möglich sein .“

Auch Kultusministerin will Änderung

Mehmet Kuscu, Vorsitzender des Stadtelternbeirats-Hanau, lenkt den Blick auf eine weitere Facette beim G8-Problem, die umstrittene Vorgehensweise bei den Schülerfahrtkosten. „Einerseits bekommen die Schüler nur den Hauptschulabschluss bestätigt, andererseits werden die Fahrtkosten nach Beendigung der Mittelstufe nicht weiter übernommen. Realschüler und G9-Schüler erhalten die Fahrkosten dagegen bis zur 10. Klasse.“

Auch Gymnasiallehrer unterstützen den Elternprotest. Knut Dittmann, Vorsitzender des Hessischen Philologenverbandes und Leiter der Ricarda-Huch-Schule in Dreieich, fordert erneut, „nach erfolgreichem Abschluss der Jahrgangsstufe 9 des verkürzten gymnasialen Bildungsganges den mittlere Bildungsabschluss zu vergeben“.

Für Kultusministerin Dorothea Henzler ist offenbar ebenfalls klar, dass eine Änderung alsbald erreicht werden sollte. Sie hat bereits in der KMK darauf gedrängt, bislang erfolglos. Da es um die Frage der gegenseitigen Anerkennung der Abschlüsse geht, hätte für die Bewilligung des Antrages Einstimmigkeit der Länderschulminister vorliegen müssen. Dies wurde zuletzt nicht erreicht. In Wiesbaden suchen Schulpolitiker nun intensiv nach neuen Wegen. Bis zum Schuljahresbeginn nach den Sommerferien könnte eine „Hessen-Lösung“ mit dem Segen der KMK erreicht werden, heißt es; derzeit wird intensiv verhandelt.

„Beiblatt“ anstatt Abschluss

Bislang kann das Ministerium G8-Schülern nur ein „Beiblatt-Angebot“ machen. So gibt es auf Wunsch eine Erläuterung zum Zeugnis. Ministeriumssprecher Alexander Hirt: „Das dient als Hilfestellung zum Verständnis der Abschlüsse und Berechtigungen für die Schüler, deren Eltern und andere, wie zum Beispiel Arbeitgeber.“ Im Beiblatt zum Zeugnis der Jahrgangsstufe 9 sei vermerkt, dass der Schüler die Sekundarstufe I im verkürzten gymnasialen Bildungsgang erfolgreich absolviert und damit (bzgl. des Lehrplans) Voraussetzungen für die Gleichstellung mit dem mittleren Abschluss erreicht hat. Zudem ist auf dem Beiblatt vermerkt, dass das Zeugnis zu den folgenden Schulübergängen berechtigt:

  • Eintritt in die Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe und des beruflichen Gymnasiums
  • Übergang in die zweijährige Fachoberschule
  • Übergang in die zweijährigen Berufsfachschulen (Assistentenberufe)
  • Übergang in die zweijährige Berufsfachschule für Sozialassistenten
  • Übergang in die einjährige Berufsfachschule

Quelle: op-online.de

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