Jurist macht Hoffnung: Anspruch auf Unterricht nach G9 gerichtlich durchsetzbar

Eltern proben Aufstand

Hessen- Lange ignorierte die alte CDU-Landesregierung den Protest von Eltern und Lehrern. Dann musste man bei der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) einen Gang zurückschalten.

Weniger Stoff, weniger Hausaufgaben, weniger Klassenarbeiten, kleinere Klassen, so die Devise. Doch vielen Eltern reicht das nicht.

Sie rügen weiterhin die Belastung der Schüler, fordern - auch in bestehenden Klassen an kooperativen Gesamtschulen - den Wechsel von G8 zur alten G 9-Regelung. In der Region war die Verärgerung von Müttern und Vätern zuletzt an mehreren Schulen „hörbar“ geworden; Eltern proben den Aufstand.

Inzwischen ist die Ernüchterung (und der Zorn) vor allem bei Eltern mit Kindern an der Weibelfeldschule eher noch gewachsen. Schier ohnmächtig müssen sie zusehen, wie das Kultusministerium einen Beschluss mit riesiger Mehrheit „kassiert“; denn der Elternbeirat scheiterte mit seinem Versuch, den Schülern der fünften und sechsten Gymnasialjahrgänge ein Jahr mehr Zeit für den Lernstoff zu ermöglichen. Er hatte die Eltern darüber abstimmen lassen und lediglich eine 90-prozentige Zustimmung für G 9 erhalten. „Zu wenig“, heißt es im Kultusministerium in Wiesbaden. Die nüchterne Begründung: „Spricht sich ein Elternteil eines Kindes in höheren Jahrgangsstufen für die Beibehaltung von G8 aus, ist ein solcher Wechsel zu G9 gegen den Willen dieser Eltern nicht möglich. Diese haben eine Zuweisung für ihr Kind zum Besuch des verkürzten gymnasialen Bildungsganges erhalten und dürfen auch darauf vertrauen, dass ab der Jahrgangsstufe 5 keine Änderung eintritt.“ Von „Minderheitenschutz“ ist die Rede.

„Aber wer schützt unsere Kinder vor G 8?“, fragen Volker Huber und Stefanie Schäfer vom Elternbeirat der Weibelfeldschule. Eine Wahl werde ad absurdum geführt, wenn am Ende über 90 Prozent der Stimmen als nicht aussagekräftig gewertet würden. An vielen Schulen in Hessen rumort es. Barbara Cardenas von der Fraktion „Die Linke“ im Landtag: „Wir haben Kenntnis, dass es inzwischen an verschiedenen Orten Wünsche gibt, auch als laufende Klassen wieder zu G9 zurückkehren zu können.“ Und sie schildert einen Fall aus dem Kulturpolitischen Ausschuss des Parlaments: „Ein Vater, der 3 Kinder im G8 an einer Kooperativen Gesamtschule in Marburg hat, hatte eine Petition an den Landtag gerichtet. Er wollte erstens, dass bei der Befragung der Eltern zu einer Rückkehr von laufenden Klassen einfache Mehrheiten entscheiden sollen, wie es ja auch bei den künftigen Klassen der Fall ist, und zweitens, dass es möglich sein soll, für laufende Klassen G8 und G9 parallel zu fahren, - sofern die Schulkonferenz dies ebenfalls wünscht und die Schule dies auch gewährleisten kann und will. Letzteres hatte die Marburger Schule auch zugesichert. Die Petition wurde nach ,Sach- und Rechtslage’ entschieden, also abgelehnt ...“

Unterstützung erhalten protestierende Eltern von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die die Entscheidung des Ministeriums scharf kritisiert, eine einstimmige Entscheidung zu verlangen. Die Zahl der Beschwerden über G8 hätten nicht abgenommen, berichtet GEW-Sprecherin Barbara Dietz-Becker auf Anfrage unserer Zeitung: „Die Probleme, die mit dem Turbo-Abitur verbunden sind, wurden ja auch nicht gelöst und liegen nach wie vor auf dem Tisch, wie zum Beispiel Lernen nur für die Klausur, keine Zeit mehr für Bildung in einem umfassenderen Sinn, keine Zeit mehr für die Entwicklung der Persönlichkeit der jungen Menschen durch eine ,sinnvolle’ Freizeitgestaltung.“

Für Aufsehen sorgte unterdessen das Rechtsgutachten von Professor Dr. Winfried Möller. Laut Medienberichten kommt er zu dem Ergebnis, dass die Bedingung des Kultusministeriums keine gesetzliche Grundlage habe, allein der Beschluss der Schulkonferenz sei maßgebend. Die vom Ministerium behauptete Notwendigkeit einer einmütigen Elterneintscheidung sei, so der Jurist, eine „Erfindung“. Mit dem Beschluss der Schulkonferenz, wieder G9 einzuführen, bestehe „für alle Schülerinnen und Schüler ein gerichtlich durchsetzbarer Anspruch“ ... nach den „Vorgaben von G9 beschult zu werden“.

Quelle: op-online.de

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