Am Ende ein ganz normaler Hund

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Ex-Versuchstier „Lucky“ und sein Frauchen Ursula Huemer.

Frankfurt ‐ „Lucky“ stammt nicht aus dem Heim, sondern aus dem Labor. Sein Weg in unsere Welt sagt viel aus - über das Leben als Versuchstier in Deutschland. Von Veronika Szeherova

„Lucky“ hat wirklich viel Glück gehabt. Der eineinhalbjährige Beaglerüde hat seit drei Monaten ein liebevolles neues Zuhause. Er darf endlich all das tun, was Hunde so machen – Gassi gehen, spielen, mit Frauchen joggen. Einfach ein ganz normaler Hund sein. Dabei hat sein noch junges Leben unter ganz anderen Vorzeichen begonnen. Lucky wurde in einem Tierversuchslabor geboren.

„Als ich ihn aufgenommen habe, dachte ich mir, was hast du dir bloß angetan“, erinnert sich seine neue Besitzerin Ursula Huemer. „Der Hund war nicht stubenrein und völlig verängstigt, jedes Geräusch war ihm ein Graus.“ Doch die 61-Jährige hatte sich gründlich vorbereitet und wusste zumindest theoretisch, was ihr bevorsteht. „Der Kontakt mit der Laborbeaglehilfe war sehr intensiv, es wurden lange Gespräche geführt“, erzählt Huemer. Es ging darum, welche besonderen Anforderungen ein Laborbeagle an seine neuen Besitzer stellt, und ob die jeweiligen Interessenten diesen Anforderungen überhaupt gewachsen sind. „Zu meiner Ansprechperson Gabi Zahn hatte ich gleich einen guten Draht, sie stand mir mit guten Tipps zur Seite“, lobt Huemer.

Wegen Katzenhaar-Allergie kamen sie zum Hund

Der Entschluss, sich einen solchen Hund anzuschaffen, fiel beim Ehepaar Ursula und Jörg Huemer fast schicksalhaft. „Über 22 Jahre lang habe ich Katzen gehalten, die letzte starb im Januar diesen Jahres“, so Ursula Huemer. Sich eine weitere Katze anzuschaffen, war unmöglich, da die Katzenhaar-Allergie ihres Mannes sich immer weiter verschlimmerte. „Der Tod meiner letzten Katze Daia riss ein tiefes Loch in mein Herz“, sagt die Tierfreundin aus Frankfurt-Oberrad. Sie stürzte sich in ihre Arbeit, wurde Mobbingopfer, erlitt einen Nervenzusammenbruch. „Es war alles zu viel.“ Als Ursula Huemer sich daraufhin in psychologische Behandlung begab, richtete ihr Therapeut die Worte an sie: „Sie brauchen wieder ein Tier.“

Über Hundeerfahrung verfügten sowohl Ursula als auch Jörg Huemer. „Also galt es nur, sich auf eine Hunderasse festzulegen“, sagt Ursula Huemer. Da sie täglich joggt, sollte es ein Hund werden, der sie dabei begleiten kann. Aber er sollte auch nicht zu groß sein für die Hochhauswohnung. Ein „Beagle“ sagte beiden zu. „Bei der Recherche im Internet stieß ich dann auf die Laborbeaglehilfe“, berichtet die Frankfurterin. Der Gedanke hinter der Organisation gefiel den Huemers, und sie nahmen Kontakt auf. Doch bis „Lucky“ zu ihnen nach Oberrad kam, vergingen noch einige Monate.

Aus Spencer wurde Lucky

„Anfangs gefiel uns ein anderer Rüde anhand der Fotos im Internet“, erzählt Ursula Huemer, „doch er wurde anderweitig vermittelt.“ Doch dann tauchte ein neuer Hund auf, ohne Foto, nur mit einer ganz kurzen Beschreibung: „Kräftiger, eineinhalbjähriger Rüde, 17,5 kg, noch im Labor, daher ohne Bild.“ Ursula Huemer fackelte daraufhin nicht lange. „Ich wusste zwar so gut wie gar nichts über diesen Hund, aber mir war klar, dieser soll es sein.“ Das war am 12. August, und nur zwei Tage später, am 14. August, kam schließlich „Lucky“ in ihr Leben. Damals noch unter dem Pseudonamen „Spencer“. „Die Hunde im Labor haben keine Namen. Von dem Vermittlungsteam bekommen sie einen Namen zugeteilt. Der dient jedoch nur intern dazu, die Hunde zu unterscheiden“, erklärt Huemer. Da die Hunde den Namen nicht kennen und daher nicht darauf hören, steht es den neuen Besitzern frei, ihre Lieblinge nach eigenem Gutdünken zu benennen.

So begeistert sei sie beim ersten Anblick von „Lucky“ gewesen, dass sie vor Freude habe weinen müssen, als er aus der Hundebox kam, erinnert sich die stolze Hundebesitzerin. „Ich fand ihn einfach wunderschön.“ Doch wie erwartet, war der dreifarbige Rüde von den Veränderungen in seinem Leben zutiefst verunsichert. Die Spaziergänge waren eine Nervenprobe, insbesondere auf Straßen mit Autoverkehr. „Das kannte er alles überhaupt nicht, und es machte ihm Angst. Er verfiel schnell in Panik.“ Selbst so scheinbar kleine, unbedeutende Dinge wie Aufzug fahren und Treppensteigen musste „Lucky“ erst einmal lernen. „Es war wirklich anfangs eine anstrengende Zeit, daher kamen schon mal Gedanken auf, ob wir uns dies wirklich antun mussten“, so Huemer.

Der Rüde kannte kein Gras

Sein ganzes bisheriges Leben hatte der Beaglerüde im Mikrokosmos des Versuchslabors verbracht, in dem es an äußeren Reizen gefehlt hatte. Die Hunde leben dort in einem Rudel im Zwinger, Spaziergänge, Spielzeug oder Autos kennen sie nicht. „Als wir anfangs über eine Wiese gelaufen sind, hat er die Beine wie ein Storch gehoben“, erzählt Ursula Huemer lachend. Doch „Lucky“ erwies sich als sehr intelligent und gelehrig. Schon nach einer Woche wurde er stubenrein. „Anfangs rollten wir über Nacht alle Teppiche zusammen und sind alle vier Stunden mit ihm gassi-gegangen, tagsüber sogar alle zwei Stunden.“ Nach zwei Wochen konnte das neue Familienmitglied bereits die wichtigsten Befehle ausführen. Und nach vier Wochen ließ Jörg Huemer ihn zum ersten Mal von der Leine, was gleich wunderbar klappte. „Dabei hat man uns gesagt, man sollte diese Hunde nicht frei laufen lassen“, so Ursula Huemer. Auch an die Straße hat „Lucky“ sich mittlerweile gut gewöhnt, hat keine Angst mehr vor Autos. „Allerdings ist er auch sehr unvorsichtig“, sagt sein Frauchen, „er würde einfach vors Auto rennen wenn ich nicht aufpasse.“

Der erste gemeinsame Urlaub Anfang Oktober war ein voller Erfolg. „Wir waren jeden Tag lange wandern und er hat richtig schöne Muskeln und viel Selbstvertrauen aufgebaut“, freut sich Ursula Huemer. Mittlerweile sind auch Bekanntschaften mit anderen Hundebesitzern entstanden, dank Luckys freundlichem und problemlosem Wesen gegenüber anderen Hunden. „Auch bei dominanten Hunden vermeidet er jeden Ärger.“ Nur bei Hündinnen würden ihm schon mal die Hormone durchgehen, daher ist eine Kastration geplant. Das soll dann der letzte Eingriff sein, den der Rüde über sich ergehen lassen muss. Am Bauch hat er bereits eine mehrere Zentimeter lange Narbe. Sie stammt von den Testreihen aus dem Versuchslabor.

Seine Vergangenheit bleibt im Verborgenen

„Den neuen Beaglebesitzern wird nicht verraten, aus welchem Labor ihr Hund stammt und welche medizinischen Tests an ihm durchgeführt worden sind“, bedauert Huemer. Wichtig sei nur, dass die Testreihen rechtzeitig abgebrochen werden, solange der Hund noch „körperlich und im Kopf ok ist“. „Luckys“ Tierarzt Dr. Günter Fenn aus Offenbach geht anhand der Bauchnarbe davon aus, dass Inkontinenztests an dem Rüden durchgeführt worden sind.

Angst vor Menschen habe Lucky nie gehabt, sagt Ursula Huemer erleichtert. Doch er habe Angst vor Wasser und vor Situationen, bei denen er festgehalten werde. Ein erster Versuch, ihn in der Wanne zu baden, ging gründlich schief. „Noch eine Stunde danach hat er am ganzen Körper gezittert“, so Huemer. Auch am Körper abgesucht zu werden, zum Beispiel wegen einer Zecke, sei ihm unangenehm. Ganz toll dagegen finde er Kinder („Er liebt sie“), und er habe auch kein Problem mit anderen Tieren wie zum Beispiel Katzen.

„Wir haben so einen Spaß zusammen!“, sagt die Frankfurterin und strahlt über das ganze Gesicht. Auch psychisch gehe es ihr deutlich besser als in der Zeit vor Lucky.

„Was Lucky an Erziehung fehlt, wird er sich bald in der Hundeschule aneignen“, ist sich sein Frauchen sicher.

Infos unter: laborbeaglehilfe.com

Quelle: op-online.de

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