Das Ende der Kreidezeit

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Ade Kreide und Schwamm. Diese Schülerin einer sechsten Klasse schreibt auf einem „Interactive Whiteboard“, einer digitalen Schultafel.

Alsfeld ‐ Die Sechstklässlerin Janina weiß sofort, was ihr an den neuen Tafeln gefällt: „Es gibt kein Kreidequietschen mehr. Und man muss nicht mehr die Tafel putzen.“ An Janinas Gymnasium sind Kreide und Schwamm aus den meisten Klassenräumen verschwunden: Die Albert-Schweitzer-Schule im osthessischen Alsfeld setzt auf digitale Tafeln.Von Pierre-Christian Fink

Rund 40 der modernen weißen Tafeln hängen in dem Gymnasium an den Wänden. Als eine der ersten Schulen in Hessen erprobt die Albert-Schweitzer-Schule das neue Unterrichtsmittel in großem Maßstab, aber die neue Technik hat auch im Kreis Offenbach Einzug gehalten.

Erst fünf Prozent der deutschen Schulen seien mit digitalen Tafeln ausgestattet, schätzt der Marktführer SMART Technologies aus Bonn. „Aber in den nächsten Monaten wird man einen Riesensprung sehen“, glaubt Unternehmenssprecherin Julia Gutowski. Zuversichtlich macht sie das Konjunkturpaket, aus dem vielerorts digitale Tafeln gekauft würden. Die Alsfelder Schulleiterin Hillebrand gehört zu den Interessenten: „Wir wollen so schnell wie möglich weiter aufstocken.“

Im Hintergrund arbeitet ein Computer

Die modernen Tafeln sind nicht mehr grün, sondern weiß. Beschreiben lassen sie sich mit Spezialstiften oder einfach mit den Fingern - die Oberfläche erkennt die Berührungen wie mancher Computerbildschirm. Über einen Projektor wird das Aufgeschriebene oder Aufgemalte dann auf die Tafel geworfen. Ist die Tafel voll, kann man eine neue Seite aufrufen - und das alte Tafelbild später zurückholen. Doch das ist noch die kleinste Neuerung.

Im Hintergrund arbeitet nämlich ein Computer, über den sich Grafiken anzeigen, Musikstücke abspielen und Videos vorführen lassen. „Ich habe jetzt alle Möglichkeiten mit nur einem Gerät“, schwärmt Schulleiterin Elisabeth Hillebrand. „Früher musste ich mich mit Kassettenrekordern plagen und Zeitungsartikel kopieren. Heute komme ich einfach mit einer Speicherkarte in den Unterricht.“ Die Technik hat ihren Preis. Zwischen 2500 und 6000 Euro kostet eine Tafel. Für das Projekt an der Alsfelder Schule fallen 200.000 Euro an. Das Pilotprojekt wird aber vom Hersteller gesponsert. Der Vogelsbergkreis musste nur 20.000 Euro dazugeben. Normalerweise müssen die Landkreise oder kreisfreien Städte solche Anschaffungen bezahlen.

Lehrer verwandele sich in einen Unterhaltungskünstler

Die Pädagogen haben bisher gute Erfahrungen gemacht. Mathe-Lehrer Dierk Ihmor beobachtet, dass vor allem schwächere Schüler von der neuen Tafel profitieren: „Diesen Kindern hilft es, wenn ich Zusammenhänge dynamisch veranschaulichen kann. Das war an den alten Tafeln nicht möglich.“ Ihmor gehört zu den Technik-Experten an der Schule. Der 31-Jährige kennt die vielen Tricks, zum Beispiel verdunkelt er die Tafel bis auf einen Fleck und lenkt so die Aufmerksamkeit der Schüler.

Solche Effekte bringen den neuen Tafeln aber auch Kritik ein: Die Inhalte des Unterrichts würden durch technische Spielereien in den Hintergrund gedrängt; der Lehrer verwandele sich in einen Unterhaltungskünstler. Befürworter wie Ihmor halten dagegen, dass es jeder Lehrer selbst in der Hand habe, wie er die neuen Tafeln einsetze. „Es macht zum Beispiel überhaupt keinen Sinn, Tausende Effekte zu nutzen. Man muss die Stellen finden, an denen ein Effekt wirklich Nutzen bringt.“

In Ihmors Mathe-Unterricht hat sich durch die neuen Tafeln vieles verändert - sogar das Vergleichen der Hausaufgaben. Die Schüler schreiben ihre Lösung nicht mehr an die Tafel, sondern legen ihr Heft unter eine Kamera. Sekunden später erscheint die Aufgabe an der Tafel. Andere Schüler können dort Fehler korrigieren.

Berührungsprobleme mit der Technik sind den Sechstklässlern nicht anzumerken - kein Wunder, gehören Computer doch zum Alltag der Schüler. Schon mit elf oder zwölf Jahren besitzen alle Kinder in Ihmors Klasse eine eigene E-Mail-Adresse - auch Constantin. „Die neue Tafel finde ich cool“, sagt er.

Quelle: op-online.de

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