Hessens Kleingärten

Ende der Spießeridylle

Frankfurt - Jahrzehntelang stand der Schrebergarten für eine Spießeridylle der älteren Generation. Doch offenbar hat sich das geändert. Immer mehr junge Familien entdecken die grüne Oase als perfekten Rückzugsort. Auch in Hessen stehen die Zeichen auf Wandel. Von Maximilian Koch

„Es ist ein klarer Trend zu erkennen: Junge Familien mit Kindern interessieren sich verstärkt für einen eigenen Garten“, sagt Sigrid Kurzidim, Vorsitzende des Landesverbandes der Kleingärtner. „Das ist sehr erfreulich, zumal diese Entwicklung nicht nur an einzelnen Standorten zu beobachten ist, sondern in ganz Hessen.“ Insgesamt sieht Kurzidim die Lage im hessischen Verband, der aktuell 34 870 Mitglieder zählt, positiv: „Kleingärten sind bei uns nach wie vor gefragt, eine Leerstandsproblematik wie in den neuen Bundesländern gibt es nicht.“

Das steigende Interesse an einem gepachteten Fleckchen Natur entspricht einem Trend, der in weiten Teilen Deutschlands zu beobachten ist. „Ein eigener Garten ist total angesagt, immer mehr auch bei jungen Leuten“, berichtet Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (BDG). In den vergangenen fünf Jahren seien 45 Prozent aller Neuverpachtungen in Kleingartenanlagen auf das Konto junger Familien gegangen.

Hannelore Dörr, Vorsitzende der Stadtgruppe Frankfurt der Kleingärtner, berichtet ebenfalls von einer steigenden Zahl von Interessenten: „Die Nachfrage ist aktuell hoch. Viele junge Familien bewerben sich bei uns für eine Parzelle.“

Die Frankfurterin sieht diese Entwicklung auch mit gemischten Gefühlen. „Natürlich freue ich mich, wenn junge Leute zu uns kommen. Aber im Vergleich zu früher hat sich die Verweildauer unserer Mitglieder geändert.“ Teilweise würden in Hessens größtem Stadtverband Pachtverträge schon nach zwei Jahren wieder gekündigt – laut Dörr zumeist aus beruflichen Gründen. „Wenn der eine Partner die Stadt verlässt, steht der andere allein da. Und allein kann man einen Garten nicht in Schuss halten.“ Das wachsende Interesse hat nach Ansicht von Berthold Langenhorst vom hessischen Naturschutzbund (NABU) auch positive gesellschaftliche Begleiterscheinungen. „Wir begrüßen diese Entwicklung. Das Verständnis für den Schutz der Natur kann durch den eigenen Anbau von Obst und Gemüse gefördert werden“, sagt er.

Aber warum ist ein Garten gerade bei Jüngeren auf einmal so modern? „Bei vielen jungen Menschen findet eine Rückbesinnung zur Natur statt“, glaubt Sandra Böhme, die Vorsitzende der deutschen Schreberjugend. Sigrid Kurzidim vom hessischen Kleingartenverband sieht es ähnlich: „Es ist eben reizvoll und gesund, auf biologischem Wege Obst und Gemüse anzubauen.“

Thomas Wagner vom BDG hält einen anderen Grund für ausschlaggebend: „Das Image hat sich geändert, vom Spießeridyll kann kaum noch die Rede sein.“ 250 Jahre lang hätten Kleingärtner alle möglichen Klischees abschütteln müssen. Doch diese Zeiten gehörten der Vergangenheit an: „Die Latte-Macchiato-Generation hat Deutschlands Kleingärten erobert.“ J dpa

Quelle: op-online.de

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