Endzeitstimmung und Seelenheil

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Ob der Weltenrichter am Ende aller Tage Milde walten lässt?

Frankfurt - „21. Dezember 2012 – Der Tag, an dem die Erde ausgelöscht wird“ titelte eine Zeitung zur Prophezeiung des Maya-Codex Dresdensis. Nicht ohne in anderen Ausgaben Hoffnung zu machen oder Rat zu geben: Von Reinhold Gries

„Wissenschaftler sagt Weltuntergang 2012 ab“, „NASA zertrümmert Thesen von nahender Apokalypse“ oder „7 Dinge, die Sie vor dem Weltuntergang tun sollten“. Da sollte man jetzt besser die „Endzeit“-Ausstellung im Frankfurter Ikonen-Museum besuchen, wo man die „Gunst der Stunde“ nutzt, um Ordnung in verwirrte Seelenlagen zu bringen. Göttliche Ordnung versteht sich, aus altgläubig-christlicher Sicht, aufgeblättert in 80 herrlich gemalten Ikonen der Ostkirche.

Da braucht man sich gar nicht erst mit der neu entdeckten Grabkammer in Guatemala befassen, die auf dem bisher ältesten gefundenen Maya-Kalendarium mit viel mehr als 13 Bak´tun-Zyklen das Weltende von 2012 weit wegschiebt. Aber, auch die Bibel lässt keinen Zweifel am Weltende, hält aber das Datum offen. Im Markusevangelium 13,32 heißt es: „Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn nicht, sondern nur der Vater.“ Und die Apostelgeschichte 1,7 sagt: „Er (Jesus) sagte zu ihnen: euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgelegt hat.“

Apokalyptisches Procedere

Dafür zeigt der Bilderkanon meist russischer Ikonen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert sehr konkrete Vorstellungen zu Himmel und Hölle, Weltengericht und Fürbitte, Verdammnis und Verheißung, oft basierend auf der „Offenbarung des Johannes“. Dort ist das apokalyptische Procedere um den Thron Gottes, die Öffnung der sieben Siegel, die posaunenden Engel und auch die Schalen göttlichen Zorns ebenso plastisch beschrieben wie das Weltgericht mit dem Aufschlagen des Buches des Lebens, mit dem feurigem Höllenpfuhl und dem neuen Jerusalem. Nicht von ungefähr nennt man Ikonen „Fenster zur Ewigkeit“. Ihre oft auf Goldgrund gemalte und mit flammendem Rot garnierte Endzeitmalerei fängt da an, wo für die Menschheit alles anfing.

Nach der „Sechstagewerk“-Genesis ist die dargestellte Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies Ursache allen Übels. Dann kommen die Propheten des Alten Testaments ins Spiel: Elia, der einsame Rufer in der Wüste, und Jona mit dem Walfisch. In kirchenslawischer Schrift und Bild weisen sie aufs kommende Strafgericht hin – und auf mögliche Erlösung. Machtvoll schwebt dazu Erzengel Michael auf geflügeltem Himmelsross heran, als apokalyptischer Reiter den Weltuntergang verkündend und den gestürzten Luzifer samt der sündhaften Städte im Meer versenkend. Zur mit Gloriole oder Mandorla überhöhten Zentralfigur mit weißem Bart und weißem Gewand sagt Museumsdirektor Richard Zacharuk: „Der Gottvater russischer Ikonen ist vor allem ein schrecklicher Weltenrichter“.

Seele für Seele

Da trifft es sich gut, im Schreckensszenario auch „Deesis“-Ikonen zur hochrangigen Fürbitte zu haben. Darin flankieren Gottesmutter Maria und Johannes der Täufer den allmächtigen, oft zornigen Richter, um Milde walten zu lassen. Erfolgreich, wie man an manch sich bewährendem Sünderlein gewahr wird. Aber es wird nicht gehudelt beim Jüngsten Gericht, da wird Seele für Seele genau abgewogen. Allerdings gibt es auch Hilfsmittel für zu leicht befundene, oft vermögende Sünder, die den Weltenrichter mit kostbar gefassten Reliquien gnädig stimmen können. „Der Kampf um die Rettung von Seelen wird hier mit allen Mitteln geführt“, räumt Zacharuk ein, während Kuratorin Alexandra Neubauer auf den Lindwurm des Bösen hinweist, der sich durch das Panorama einer Festtagsikone schlängelt und besiegt wird.

Darüber wimmelt es von Heerscharen an Engeln, hierarchisch geordnet von Erz- bis hinunter zu den Schutzengeln, welche die Menschen zwar begleiten, aber auch täglich Rapport geben müssen vor Gott über Glanz- und Schandtaten ihrer Schützlinge. Zacharuk dazu: „Engel waren eigentlich heidnische Figuren, welche die christliche Frühkirche im 1. Jahrhundert verbot. Das setzte sich aber nicht durch“. Auf fällig ist, dass Ikonen als eine Art Lebens- und Todesversicherung funktionieren, indem sie per Bild-Rezeptur beschreiben, wie Seelenheil zu retten ist. Auch, indem sie tugendhaftes irdisches Leben vorführen. Nicht schlapp machen sollte man zudem auf 30-sprossiger Himmelsleiter der Tugenden, denn überall warten Teufel, um Seelen in den Abgrund zu reißen…

Was an der gemalten Endzeit-Bilanz anlässlich des 21. Dezembers aber beruhigt: Sie ist bis bis Ende Januar 2013 im Ikonenmuseum Frankfurt zu sehen. Öffnungszeiten: Di – So 10 bis 17 Uhr.

Quelle: op-online.de

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