Energie, die aus der Tiefe kommt

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Die tonnenschweren Rüttelplatten der Vibratorfahrzeuge setzen den Untergrund in Schwingungen.

Groß-Gerau ‐ „Vor der Hacke ist es schwarz“, sagt der Geologe. Das gilt nicht nur, wenn man einen Brunnen bohrt: Auch bei der Oberflächengeothermie ist das der Fall. Von ihr spricht man bei Bohrungen nach Erdwärme bis 400 Meter Tiefe, bei denen das durchstoßene Erdinnere unbekannt ist. Von Jens Dörr

Wenn im hessischen Ried demnächst zwei jeweils zehn Millionen Euro teure Löcher in den Boden gebohrt werden, geht es deutlich tiefer. Und dann wissen die Protagonisten genau, wo hinein sie ihr Hightech-Werkzeug stoßen. „Man muss immer zwischen der Oberflächen- und der Tiefengeothermie unterscheiden“, betont auch Marc André Glöckner. Er ist Pressesprecher des Überlandwerks Groß-Gerau (ÜWG) und zurzeit ein gefragter Mann. Denn das Medieninteresse an dem, was das ÜWG plant, ist groß: Nicht weniger als das erste hessische Geothermiekraftwerk – bezogen auf die Tiefengeothermie – will der Energieversorger bauen. 2013 könnte es fertig sein und Strom und Wärme erzeugen. Die Investitionen liegen bei 35 Millionen Euro.

Die tonnenschweren Rüttelplatten der Vibratorfahrzeuge setzen den Untergrund in Schwingungen.

Angenehme Schlagzeilen für die Geothermie also. Zuletzt war das anders: Bei Bohrungen in Wiesbaden trat Wasser an die Oberfläche, flutete einen ganzen Straßenzug. In Staufen im Breisgau „quoll die Erde auf wie ein Hefeteig“, wie „Die Welt“ die misslungene Suche nach nutzbarer Erdwärme beschrieb. Womit man wieder zum Unterschied zwischen Oberflächen- und der Tiefengeothermie kommt, den Glöckner anspricht. „In beiden Fällen ging es um die Oberflächengeothermie“, sagt er. „Wir mit unserem Projekt der Tiefengeothermie wissen dagegen exakt, wo wir hinbohren. Und die Sicherheit hat immer die oberste Priorität.“

Also muss der Untergrund genauestens untersucht werden. Bevor man damit vor wenigen Wochen beginnen durfte, hatte der deutsche Staat allerdings etliche Hürden aufgestellt. „Alles fing damit an, dass wir das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) um ein Erlaubnisfeld gebeten haben, in dem wir forschen dürfen“, erzählt Glöckner. Knapp 340 Quadratkilometer groß ist das Areal, dass das RP freigab - unter strengen Auflagen. Naturschutzverbände, Städte und Gemeinden: Sie alle muss das Überlandwerk fragen, wenn es in bestimmten Bereichen des Erlaubnisgebiets Untersuchungen durchführen will. Das Gebiet umfasst im Wesentlichen den Landkreis Groß-Gerau. Nach Ansicht von Ingo Sass, Professor für Geowissenschaften an der TU Darmstadt, handelt es sich beim hessischen Ried – Teil des Oberrheingrabens – um einen der vielversprechendsten Erdwärme-Standorte der Bundesrepublik.

72 Kilometer lang waren die Messstrecken

Die Unterschriften der Entscheider blieben in der Planungsphase des Kraftwerk-Projekts indes nicht das Einzige, was sich das ÜWG besorgte: Der Dienstleister, der für die Weiterleitung unter anderem von Strom sorgt und damit zwischen Produktion und Vertrieb in der Mitte der Wertschöpfungskette steht, ging erst einmal shoppen. Auf der Einkaufsliste standen Daten, die die Erdölindustrie bereits in den 60er Jahren erhoben hatte. „Die haben in unserem Erlaubnisfeld damals schon in 2000 Metern Tiefe geforscht und die Ergebnisse aufgezeichnet“, so Pressesprecher Glöckner. So habe man die ersten Hinweise erhalten, dass das Gebiet rund um die Kreisstadt Groß-Gerau interessant hinsichtlich der Erdwärme sein könnte.

Der Pressesprecher des Überlandwerks Groß-Gerau, Marc André Glöckner, mit den Messleitungen für die Erfassung der Geodaten.

Am 13. März, schneller als geplant, hat die von der ÜWG beauftragte Spezialfirma die Messungen abgeschlossen. 72 Kilometer lang waren die Messstrecken entlang des Erlaubnisfelds, gebohrt wurde dabei nicht. „Denn Bohren ist ungemein teuer“, sagt Glöckner. Dank einer cleveren Methode ist das zunächst auch überflüssig: Spezielle Vibratorfahrzeuge senden seismische Wellen in die Erde aus, die an Schichtgrenzen reflektiert werden und wieder an die Erdoberfläche zurückkehren. Dort messen Geophone, elektromechanische Wandler, die Schwingungen. Geologen fügen die Geodaten zu einem dreidimensionalen Untergrundbild zusammen, mit dessen Hilfe sich potenziell geeignete Gesteinsschichten, die Wasser führen, bestimmen lassen.

Wasser spielt die entscheidende Rolle

Das sind meist solche, an denen grobporiges Gestein – der Experte sagt „rotliegend“ – vorhanden ist. Das lässt das Wasser durchfließen, das 2000 Meter tief in der Erde 150 bis 170 Grad Celsius heiß sein kann. Wasser als Trägermedium spielt die entscheidende Rolle: Mit dem hochgepumpten Nass gelangt am Ende die Wärme an die Erdoberfläche, wo Wärmetauscher sie dem Wasser entziehen. Das Wasser, das über das Förderbohrloch nach oben kam, wird dann wieder zurück in das Injektionsbohrloch geleitet. So bildet sich ein geschlossener Kreislauf, aus dem nur die Wärme zwecks Stromerzeugung und gegebenenfalls auch Abwärme-Nutzung entnommen wird.

Sollten die Ergebnisse wie erhofft zeigen, dass die Tiefengeothermie im hessischen Ried Sinn macht, könnte das ÜWG im Jahr 2013 das erste Geothermiekraftwerk des Bundeslandes eröffnen. Liegt das beste Feld im Norden des Erlaubnisfeldes, wird sich die Rhein-Main-Deponie, die Abfall-Deponien betreibt, als Anrainer zur Hälfte an den Kosten beteiligen. Weiter südlich im Erlaubnisfeld würde das ÜWG das Projekt alleine stemmen.

8000 Stunden pro Jahr volle Leistung

Zwischen zehn und 20 Jahre würde es im Falle eines Kraftwerk-Baus dauern, bis sich die Investitionskosten amortisieren. Die Geothermie gilt als regenerative Energiequelle, die eine hohe Planungssicherheit bietet: Der Kalkulation des ÜWG zufolge kann die Anlage pro Jahr rund 8000 Stunden lang volle Leistung bringen, das ist fast die maximale Dauer. Abgezogen ist hierbei nur Zeit für die Wartungsarbeiten. Zudem halten sich spätere Investitionen in engen Grenzen, müssen während des Betriebs keine Brennstoffe zugekauft werden.

Noch spielt die Geothermie unter den regenerativen Energien, die in Deutschland einen Anteil an der Stromerzeugung in Höhe von 15 Prozent haben, kaum eine Rolle. Groß-Geraus Landrat Enno Siehr aber sieht den Wandel nahen: „Der Kreis Groß-Gerau hat es sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 insgesamt 20 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken. Dabei spielt die Erdwärme eine ganz wichtige Rolle.“

Quelle: op-online.de

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