Energieriesen den Kampf angesagt

Frankfurt - Frank Baumgärtner setzt auf die Energiewende in Deutschland. Von Marc Kuhn

Mit der Direktvermarktung von grünem Strom verdient der Geschäftsführer des Frankfurter Unternehmens Terajoule Energy sein Geld, und gleichzeitig will er die Großen der Branche ärgern, darunter versteht der 49-Jährige auch Stadtwerke wie die Energieversorgung Offenbach (EVO). „Das ist das Spannende“, sagt Baumgärtner unserer Zeitung. „Es findet in der Energiebranche ein ähnlich dramatischer Umbruch statt, wie vor 15 Jahren in dem Telekommunikationsmarkt. “ 2010 hat der promovierte Betriebswirt das Unternehmen gegründet, nachdem er 16 Jahre als geschäftsführender Gesellschafter einer Unternehmensberatung gearbeitet hatte.

Als Baumgärtner seine Anteile an Tellsell Consulting verkauft hatte, überlegte er nach eigenen Angaben mit einem Freund, dem Chef der Wiesbadener Venture-Capital-Firma Sirius Venturer Partner: „Wie sehen die großen Themen der Zukunft aus?“ Die Energieversorgung werde künftig dezentral sein, die heutigen Strukturen werden vollkommen aufbrechen, lautete seine Antwort - die Märkte werden also nicht mehr beherrscht sein von den großen Konzernen. Deshalb sei die Entscheidung gefallen, einen grünen Energieversorger - ein „grünes Stadtwerk“- aufzubauen, erklärt Baumgärtner.

Allerdings wollte er kein klassisches Start-up-Unternehmen ins Leben rufen. Stattdessen kaufte er zusammen mit einigen Investoren von Q-Cells - dem führenden Solarunternehmen - die Mehrheit an der Tochter Clean Energy Sourcing (Clens), die heute in Leipzig beheimatet ist. Dort arbeiten 30 Mitarbeiter, in Frankfurt sind es zehn. 2011 erwirtschaftete die Terajoule-Energy-Gruppe einen Umsatz in Höhe von fast 300 Millionen Euro, in diesem Jahr sollen die Erlöse ungefähr verdoppelt werden. Zum Gewinn sagt Baumgärtner nur: „Natürlich, wir verdienen Geld. In jedem Jahr waren wir profitabel und werden das auch zukünftig sein.“ Zu den Kunden gehören große Konzerne, aber auch viele mittelständische Betriebe in Deutschland. Insgesamt greifen rund 200 Unternehmen auf die Dienste von Terajoule zurück, keine Privathaushalte. Zum Geschäftsmodell erklärt Baumgärtner, dass seine Firma kein klassischer Händler, sondern ein Strukturierer sei.

 „Das heißt, wir machen aus den unterschiedlichen grünen Energien Stromprodukte. Unsere Intelligenz ist die Steuerung der Anlagen.“ Die Grünstromtochter Clens bezieht die Energie aus Biogas-, Wind- und Wasserkraft sowie Grubengasanlagen. Es handele sich um 100-prozentigen echten Ökostrom, versichert Baumgärtner. „Wir sind damit der führende echte Grünstromhändler in Deutschland für Geschäftskunden.“ Dabei könne der Preis für ein Jahr festgelegt werden, er sei aber nicht wesentlich höher als „normaler“ Strom. Clens speise den Strom nach dem Bedarf des Kunden ein - bei Industriekunden sei beispielsweise der Verbrauch in den Produktionsphasen höher als zu anderen Tageszeiten. „Wird von den angeschlossenen Energieerzeugern mehr Strom produziert, so wird dieser über die Börse verkauft“, berichtet Baumgärtner. Umgekehrt werde bei größerem Verbrauch grüner Strom dazugekauft. „Dies geschieht in sogenannten virtuellen Kraftwerken“, sagt Baumgärtner. „Es werden viele kleine dezentrale Erzeugeranlagen zusammengeschaltet, die Stromerzeugung wird gespeichert und zu anderen Tageszeiten angeboten. Solche Geschäftsmodelle werden von TeraJoule im Markt etabliert.“ Das Unternehmen profitiert nach den Worten von Baumgärtner davon, dass der Gesetzgeber will, dass mehr Strom direkt vermarktet wird und wesentlich mehr verbrauchsabhängig produziert wird.

Mit einem anderen Projekt will Terajoule den Großen der Energiebranche in die Parade fahren. „Das ist ein Test, der hat funktioniert“, erläutert Baumgärtner. In einem kleinen Ort nahe Paderborn, in Asseln, managt seine Unternehmensgruppe die Stromversorgung von etwa 40 Haushalten mit Windenergie für die Asselner Windkraft GmbH. Bei Flaute wird grüner Strom hinzugekauft. „Der Preis ist auf zehn Jahre festgeschrieben, er liegt signifikant unter den bisherigen Kosten“, wie Baumgärtner erklärt.

Seit dem Engagement der Terajoule-Energy-Gruppe habe der bisherige Versorger in Asseln 40 Prozent Marktanteil verloren. „Das ist bei der Zahl natürlich nicht viel, aber dieses Konzept lässt sich auch auf andere Gemeinden und Städte übertragen“, erläutert Baumgärtner. So könne man „punktuell den Großen Lücken ins Netz schießen“, freut er sich. „Wie bei Telekommunikation vor 15 Jahren.“ Der Verlust von Marktanteilen tue den großen Unternehmen weh. „So ein Konzept ist auch im Rhein-Main-Gebiet zu etablieren, dass könnte auch irgendwann einmal der Supergau für die EVO werden“, erklärt Baumgärtner. Seine Firma sei im Gespräch mit weiteren Kommunen, die bei der Stromversorgung autark werden wollen. „Es bleibt spannend, der Wettbewerb hat noch gar nicht richtig begonnen.“

Quelle: op-online.de

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