Energiereise durch Hessen

Strom vom Windrad in den Wohnblock

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Frankfurt - Windräder und Solarparks statt Atom-Meiler und Kohlekraft - kaum ein Thema ist im Grundsatz so wenig umstritten wie die Energiewende. Doch einige Bürger gehen inzwischen auf die Barrikaden gegen Windkraft und Biogas.

Wie stählerne Obelisken ragen die Türme der Windräder von den grünen Wiesen und abgeernteten Feldern weit in den dunstigen Himmel. Ein paar Meter weiter grast eine Herde Rinder, der Wind streicht sanft über die Landschaft. Nur ein dröhnender Lastwagen durchbricht die Stille. Mit Schwung prescht der Schwertransport den staubigen Schotterweg hinauf. Er bringt Teile der Rotoren, damit vom hessischen Vogelsberg bald noch mehr Windenergie ins Stromnetz gespeist werden kann.

Hier in Ulrichstein am Vogelsberg stehen inzwischen 46 Windräder. Und weil in der mit 500 Metern über dem Meeresspiegel höchstgelegenen Stadt Hessens der Wind so kräftig bläst, werden die älteren Anlagen schon wieder gegen neuere, höhere, leistungsstärkere Windräder ausgetauscht - der Windpark wird "repowert".

Energiewende in Hessen: Biogas und Windräder

Windräder und Solarparks statt Atom-Meilern und Kohlekraft - kaum ein Thema ist im Grundsatz so wenig umstritten wie die Energiewende. Doch einige Bürger gehen inzwischen auf die Barrikaden gegen Windkraft und Biogas.

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In Ulrichstein muss dieser Begriff niemandem mehr erklärt werden. Schon 1994 drehten sich hier die ersten Rotoren, als viele in Deutschland Windenergie noch für eine Spinnerei fantasievoller Weltverbesserer hielten. Heute sehen das nur noch die wenigsten so. Schon gar nicht in Ulrichstein. 60 000 Menschen sollen mit Windenergie aus dem 3100-Seelen-Städtchen versorgt werden, wenn alles fertig ist.

Der parteilose Bürgermeister Edwin Schneider klingt fast überschwänglich, wenn er erzählt, was für ein Geschenk die Windenergie für die Ulrichsteiner ist. In sogenannten Bürger-Windparks könnten sich Interessierte mit Geldeinlagen direkt an den Anlagen beteiligen. So blieben die Gewinne fast vollständig im Ort. Auch die Stadt habe Anteile an den Windrädern. Die Einnahmen daraus verwende die Verwaltung zum Beispiel dafür, die Abwassergebühren für die Bürger zu drücken. "Alle profitieren von der Windenergie", sagt Schneider.

Baustopp für den neuesten Windpark

Doch längst nicht alle Ulrichsteiner sind so euphorisch. Naturschützer haben jetzt vor Gericht einen Baustopp für den neuesten Windpark erwirkt. "Wir hatten schon die Genehmigung, alles ist vorschriftsmäßig gelaufen. Aber dann hat der Nabu geklagt. Wir hatten noch einen Rotmilan und eine Fledermaus übersehen", sagt Hans-Peter Frank vom Energieversorger OVAG ein wenig zerknirscht. 160.000 Euro koste der Baustopp im Monat.

Der Bürgerinitiative "Gegenwind Vogelsberg" ist das gleich. Für sie ist der Ausbau der Windkraft im Naturpark Vogelsberg nichts anderes als "ungezügelte Industrialisierung". Sie fürchtet eine Verspargelung ihres Naturparks mit schlimmen Folgen für den Tourismus und einen Wertverfall ihrer Immobilien.

"Alles Quatsch", sagt der Bürgermeister. Die Betten in Pensionen und Ferienwohnungen seien immer belegt. "Am Wochenende bekommen Sie in unseren Ausflugsgaststätten kaum einen Tisch", beteuert Schneider.

Schlüssel zu den Bauplätzen für Windräder

Der Schlüssel zu den Bauplätzen für Windräder sind meistens die örtlichen Bauern. Sie müssen von der Idee überzeugt werden, einen Teil ihrer Fläche für die grüne Energie herzugeben. "Wenn einer anfängt, ziehen die anderen nach", sagt Landwirt Karlheinz Betz. Er ist auch heute noch überzeugt von der Windkraft, ärgert sich aber darüber, dass er sein Land damals zu billig abgegeben hat. Die 600 Euro Pacht pro Hektar, die er am Anfang bekam, seien viel zu wenig gewesen. Der Betreiber habe dann zwar nach Jahren freiwillig die Zahlungen verdoppelt, aber das sei immer noch unter Wert.

"Ich wollte mich eigentlich mit den anderen Landwirten noch abstimmen, bekam dann aber einen Anruf, dass alle anderen die Pachtverträge schon unterschrieben hätten. Nur meine Unterschrift fehlte noch", berichtet ein anderer Bauer. Er ist trotzdem überzeugt: "In die Windkraft einzusteigen, war das Beste, was ich mit meiner Familie gemacht habe."

Ohne die Landwirte geht nichts

Nicht nur bei der Windkraft, auch beim Biogas geht ohne die Landwirte nichts. Vor allem Mais, aber auch Zuckerrüben, Sorghum-Hirse, Hühnermist und Pferdeäpfel fahren sie in die Anlagen. In Karben in der Wetterau riecht man davon allerdings nichts. Nur die Silage verströmt einen leicht ländlichen Duft. 4000 Haushalte versorgt die Anlage mit Strom, weitere 1000 mit Gas.

Für den Bauern Wilfried Steul ist die Biogasanlage vor allem gut für die Nerven. "Bei dem ständigen Auf und Ab an der Börse schwanken auch die Nahrungsmittelpreise extrem", sagt er. Deshalb ist er froh, dass der Preis, den er in Karben für seinen Mais bekommt, über zehn Jahre festgelegt ist. Für ihn sei das eine Art Grundsicherung.

Energiewende: Diese Probleme sind noch zu lösen

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Doch auch beim Biogas läuft nicht alles immer reibungslos. Eine halbe Autostunde weiter nördlich liegt Wölfersheim. Seit September ist dort ebenfalls eine Anlage am Netz. Bereits beim Bau waren einige Bürger skeptisch, der Ärger ging aber bereits los, als zwei Jahre zuvor das Silo in Betrieb genommen wurde. Mehrere Meter tief hatten die Bauherren dafür in die Erde gegraben. Was sie nicht ausreichend bedachten hatten: Dort lagen noch alte Drainage-Leitungen eines Braunkohle-Tagebaus.

"Das ist einfach schiefgelaufen"

"Das ist einfach schiefgelaufen", räumt der technische Geschäftsführer der Biogasanlage, Michael Schmidt, heute ein. Auch die Stadt habe keine Pläne gehabt, wo die Leitungen liefen. Trotzdem, die Grube wurde ausgehoben. Ein Fehler, wie sich später herausstellte. Das Sickerwasser gelangte über die alten Drainageleitungen ins abfließende Regenwasser und damit in einen nahe gelegenen Bach, der in ein Wohngebiet führte. Das Gewässer kippte schnell um, die stinkende Brühe aus der Biogasanlage wurde in die Siedlung gespült. Die Empörung war groß.

Jetzt sei aber alles in Ordnung, versichern die Betreiber. Und die Biogasanlage werde von den Anwohnern auch akzeptiert. "Beim Tag der offenen Tür im September hatten wir volles Haus", freut sich Schmidt.

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Mit stinkendem Sickerwasser oder Windrädern hat Karin Helbich wenig zu tun. Die alleinerziehende Mutter wohnt im wenig ländlichen Frankfurter Arbeiterstadtteil Nied. Mit ihren beiden Söhnen lebt die gelernte Kosmetikerin in einem Mietshaus, drei Zimmer, 75 Quadratmeter. Weil sie in ihrem Job zu wenig verdient, stockt Karin Helbich mit Hartz-IV auf. 600 Euro bleiben ihr und den beiden Kindern monatlich zum Leben, sagt sie. Das Amt übernimmt zwar auch die Miete, Strom muss die 45-Jährige aber selbst bezahlen. Das bekam Helbich im Februar zu spüren: 800 Euro Nachzahlung verlangte ihr Stromlieferant, sofort fällig. Helbich fiel aus allen Wolken: "Dass die Kosten so explodieren, damit habe ich nicht gerechnet."

Gestiegene Energiepreise

Verantwortlich für die hohen Kosten ist neben gestiegenen Energiepreisen auf dem Weltmarkt auch die sogenannte Einspeisevergütung. Pro Kilowattstunde Ökostrom erhalten zum Beispiel die Betreiber der Windräder in Ulrichstein einen festen Centbetrag. Umgelegt wird das auf alle Stromverbraucher, egal ob sie Ökostrom beziehen oder nicht. Mit der Förderung will die Bundesregierung ihre ehrgeizigen Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien erreichen. Das wurde spätestens mit dem Beschluss zum Atomausstieg im Sommer 2011 notwendig. Die Kapazität der künftig abgeschalteten Meiler muss jetzt schnell ersetzt werden.

So finanziert auch Karin Helbich die Energiewende mit - unfreiwillig. "Irgendjemand bezahlt immer die Zeche, und das ist nun mal meistens der kleine Verbraucher", sagt sie resigniert. Der Slogan "Atomkraft. Nein, Danke" sei ja richtig, sie finde es gut, dass der Mensch umdenkt. Aber dass bestimmte Unternehmen von der Ökostrom-Umlage ausgenommen seien und die Kosten letztlich an ihr hängen bleiben, findet sie ungerecht.

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So konnte es nicht weitergehen. Helbich meldete sich beim Sozialamt und bekam Hilfe: Mit einem Darlehen konnte sie zunächst die Stromrechnung bezahlen, dann kam ein Energieberater zu ihr nach Hause. Die Caritas organisiert gemeinsam mit der Stadt Frankfurt kostenlose Beratungsbesuche für Geringverdiener. "Das war super. Jetzt habe ich meine Energiefresser beseitigt", freut sich Helbich. Der Durchlauferhitzer für das Warmwasser, ihr Deckenfluter und der Standby-Modus beim Fernseher. Die nächste Stromrechnung kann kommen.

dpa

Quelle: op-online.de

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