Ein Engel aus Dreieich unterwegs im Katastrophengebiet

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ASB-Helfer Ronald Heyne mit Patientin Fabienne im Feldkrankenhaus in Fond Parisien an der Grenze zur Dominikanischen Republik.

Offenbach ‐ Als Erde in Haiti bebte und das Land in Trümmern versank, waren die Einheimischen allein. Es dauerte Tage, bis Hilfe aus der ganzen Welt das arme Land auf der Insel Hispaniola in der Karibik erreichte. Von Katharina Platt

Mit den Rettungstrupps, den Hilfsgütern und Ärzten kamen auch die Kamerateams, die Satellitenwagen und die Journalisten. Und die Bilder von der Katastrophe fluteten in die heimischen Wohnzimmer. Kinder mit abgetrennten Gliedmaßen, alte Menschen, die durch den Staub taumeln und Mütter, die weinend auf der Suche nach ihren Töchtern und Söhnen sind. Wem diese Bilder zu viel werden, der schaltet einfach ab. Dem Dreieicher Ronald Heyne fehlte 14 Tage lang die Fernbedienung. Der Helfer vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) saß nicht vor dem Fernsehgerät, sondern er erlebte das Ausmaß der Katastrophe hautnah. Mit drei Kollegen reiste er für zwei Wochen in das Erdbebengebiet, um zu helfen. „Wir sind in Fond Parisien angekommen und haben unser Camp aufgebaut. Jens und Kalle werden ab morgen im Diagnosezelt eingesetzt. Ich werde die Aufstellung weiterer Patienten-Zelte organisieren“, schreibt Heyne am 29. Januar in das Einsatztagebuch. Eigentlich sollten er und seine drei Kollegen nur medizinische Hilfsgüter nach Haiti bringen. Spontan verlängerten sie ihren Aufenthalt, um andere Organisationen zu unterstützen und Patienten zu helfen. Einsatzort war das Feldkrankenhaus in Fond Parisien an der Grenze zur Dominikanischen Republik.

Jeden Tag kamen mehr Patienten

Zu acht schlafen die Menschen in den Zelten. Am ersten Tag baute Ronald Heyne 14 Zelte auf. Am zweiten 28. Keine Minute zu früh spannte er Planen über die Gestelle. Jeden Tag kamen mehr Patienten. Schnell waren die neuen Plätze belegt.

Auf Felsen und ohne Hammer mussten er und seine Kollegen die Unterkünfte errichten. „Es gab viele Ärzte und eine gute Ausstattung, es fehlte aber jemand für die handfesten Aufgaben“, erzählt er. Der Verfahrensplaner kümmerte sich um die Logistik, verlegte Böden in einem OP-Zelt und kümmerte sich um die Verteilung der Patienten. Seine spezielle Ausbildung half ihm, die ungewöhnlichen Aufgaben zu bewältigen. Seit zwei Jahren gehört er zum First Assistance Samaritan Team (FAST), das auf den Einsatz in Katastrophengebieten spezialisiert ist. Für den 40-Jährigen war es jedoch der erste Auslandseinsatz. Sein medizinischer Hintergrund als ehemaliger Rettungsassistent, die Schulungen in Stressbewältigung, Sicherungstraining und interkultureller Kommunikation, kamen ihm dabei zugute. Auch die psychologische Betreuung durch den ASB half bei der Bewältigung der traumatischen Erlebnisse.

"Irgendwann hat man nicht mehr gefragt"

Wer die Arbeit des Arbeiter-Samariter-Bundes in Haiti unterstützen möchte, kann auf folgendes Konto Spenden überweisen: Konto 1888, Sozialbank Köln, BLZ: 37020500, Stichwort Erdbeben Haiti.

Den meisten Menschen im Feldkrankenhaus fehlte ein Arm, eine Hand, ein Bein oder Fuß. Viele von ihnen hatten Angehörige verloren, die meisten waren obdachlos. Der ehrenamtliche Helfer kann sie nicht zählen, die traurigen Geschichten, die die Haitianer zu berichten wussten. „Irgendwann hat man nicht mehr gefragt“, sagt er. Das Schicksal eines kleinen Mädchens hat Ronald Heyne besonders gerührt. Die Ärzte taten alles, damit das Kind seinen schwer verletzten Daumen behalten konnte und die Vierjährige dankte es ihnen mit ihrem fröhlichen Wesen, obwohl es bei dem Beben seine Mutter verloren hatte. „Trotz des Elends war die Stimmung unter den Haitianern nicht depressiv“, berichtet Heyne.

Jeden Abend traf er sich mit seinen Kollegen zum Gespräch. Für das Quartett war es wichtig, sich über das Erlebte auszutauschen. Die Helfer hatten die Möglichkeit, jederzeit mit Psychologen in Deutschland zu telefonieren. Auch nach dem Einsatz wurden sie psychologisch betreut.

Trotz der Erlebnisse würde Heyne jederzeit wieder in das Katastrophengebiet aufbrechen. Auch wenn er dafür jedes Mal Urlaub einreichen muss. „Wer stark ist, kann Schwache tragen“, sagt er und lächelt. Zu sehen, wie viel Hilfe in dem Karibikstaat ankam, hat ihn bewegt. „Unser Einsatz endet heute“, ist im letzten Eintrag des Tagebuchs zu lesen. „In Fond Parisien haben wir unsere Medikamente und Hilfsmittel an Partnerorganisationen übergeben. Das Feldkrankenhaus wird sicher noch Monate in Betrieb sein. Für viele Haitianer wird das Leben nie wieder werden, was es einmal war.“

Quelle: op-online.de

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